Berlin - Bekleidung, Elektronik, Computer, Schuhe. Das sind die Sparten, mit denen hierzulande im Onlinehandel die größten Umsätze gemacht werden. Seit Jahren sind die Zuwachsraten im E-Commerce zweistellig. Im vergangenen Jahr landete bereits jeder achte im deutschen Einzelhandel umgesetzte Euro nicht in einer Ladenkasse, sondern wurde per Smartphone oder Laptop bezahlt.

Das ist bequem, aber bekanntermaßen nicht problemfrei. Lieferdienste verstopfen die Straßen. Zusteller werden ihre Fracht oft nicht direkt beim Kunden los. Ein Nachbar ist nicht anzutreffen. Und Kunden wiederum beschweren sich immer öfter über nicht zugestellte Pakete. Zwei junge Berliner Unternehmen wollen das ändern. Ihre Vision: Was per Internet bestellt wird, bringt der Bote nachts still und leise bis an die Wohnungstür, sodass der Besteller das gewünschte Paket morgens auf dem Fußabtreter findet.

Autoverkehr wird entlastet

In der vergangenen Woche haben der vergleichsweise kleine und junge Lieferdienst Liefery und das Berliner Start-up Kiwi dafür die Zusammenarbeit vereinbart. „Es ist eine völlig neue, technologiebasierte Option für den Paketempfang“, sagt Liefery-Chef Nils Fischer. „Wir können auch nachts, also zu verkehrsarmen Zeiten liefern.“ Das könnte den großstädtischen Autoverkehr in der Tat entlasten.

So kommt der Bote ins Haus

Den technologischen Part steuert Kiwi bei. Das 2012 gegründete Unternehmen hat sich auf den schlüssellosen Zugang für Hauseingänge spezialisiert. Statt Schlüssel gibt es einen Transponder oder eine App, die per Funk mit dem Türschloss kommuniziert. Passen die Codes zusammen, kann die Tür geöffnet werden. Laut Kiwi ist die Technologie sicherer als jene, die Automobilhersteller für ihre Fahrzeuge verwenden. „Wir haben unseren Verschlüsselungsalgorithmus zum Patent angemeldet“, sagt Kiwi-Sprecherin Julia Rubin.

In jedem Fall hat Kiwi bereits einige Erfahrungen gesammelt. Von den bundesweit rund 64.000 Mehrfamilienhäusern, in denen Kiwi seine digitalen Schlösser installiert hat, stehen 5000 in Berlin. Zu den Kunden zählen Wohnungsunternehmen wie Degewo und Gesobau auf der einen Seite und andererseits Firmen wie Alba, Berlin Recycling oder der Aufzughersteller Schindler, die regelmäßig Zugang zu den Häusern haben müssen.

Die Zusammenarbeit mit Liefery soll nun ermöglichen, dass eben auch Paketboten Zutrittsrecht für Mehrfamilienhäuser bekommen. Ist das der Fall, und stimmt auch der Besteller zu, dass die Ware vor der Tür abgelegt wird, kann künftig störungsfrei auch nachts geliefert werden. Liefery selbst ist in der Branche keineswegs unerfahren. Der Lieferdienst, der 2014 aus einer Logistik-Tochter der Lufthansa hervorging und seit einem Jahr mehrheitlich der Otto-Tochter Hermes gehört, stellt mittlerweile bereits über 700.000 Pakete pro Monat zu. Hauptsitz des Spezialisten für die Lieferung binnen weniger Stunden ist Berlin. Firmen wie Amazon, Hellofresh, H&M, Nespresso oder Zalando gehören zu den Kunden.