Seit mehr als zehn Jahren steht Hanjo Schneider an der Spitze des Hamburger Logistik-Konzerns Hermes, einer Tochter der Otto-Gruppe. In den vergangenen Jahren geriet das Unternehmen wegen der Arbeitsbedingungen bei seinen zahlreichen Subunternehmern immer wieder heftig in die Kritik. Im Interview spricht Schneider über die Vorwürfe, was sich seither geändert hat und wie wir in Zukunft Pakete empfangen.

Herr Schneider, wenn ich etwas im Internet bestelle, kommt der Paketbote meistens dann, wenn ich nicht zuhause bin. Da bin ich wahrscheinlich keine Ausnahme, oder?

Doch, damit gehören Sie zu einer Minderheit. Wir stellen immerhin 93 Prozent aller Pakete beim ersten Versuch bereits am nächsten Tag zu.

Kaum zu glauben.

Es ist wirklich so. In ungefähr 75 Prozent der Fälle sind die Empfänger auch die Personen, die eine Bestellung vorgenommen haben – oder eben Familienmitglieder. Und in etwa 20 Prozent nehmen die Nachbarn das Paket entgegen.

Hermes-Zusteller kommen drei Mal, bevor sie das Paket im nächsten Paketshop hinterlegen, richtig?

Nein, viermal. Nach dem dritten Mal versuchen wir, Sie telefonisch oder postalisch zu erreichen, um einen Termin auszumachen, damit der Fahrer Sie auch sicher antrifft.

Klingt aufwändig und teuer.

Wir müssen uns mit der wachsenden Zahl an Singlehaushalten – in Hamburg 50 Prozent – und dem Trend auseinandersetzen, dass die Zustellung künftig seltener beim ersten Mal funktionieren wird. Also muss ich Ihnen als Kunde heute sagen können, wann Ihr Paket morgen ankommt. Und zwar in einem definierten Zeitfenster, etwa zwischen 11 und 13 Uhr. Wenn Sie dann nicht zuhause sind, bekommen Sie die Möglichkeit, per SMS oder Email zu antworten, dass sie das Paket lieber am Samstag erhalten möchten.

Ab wann soll das so sein?

Wir planen 2013 einen ersten Test, wahrscheinlich in Nordrhein-Westfalen. 2014 wollen wir dieses Konzept flächendeckend ausbauen. Was uns zudem sehr entgegen kommen würde sind Nutzerprofile, wo Kunden ihre Zustellpräferenzen hinterlegen können. Nehmen wir einen fiktiven Kunden, der uns signalisiert: von Montag bis Freitag braucht ihr nicht zu kommen, weil ich bei der Arbeit bin. Samstags bin ich aber an der Ostsee und will mein Paket auch dorthin geliefert bekommen. Oder zu bestimmten Zeiten in die Firma. Oder aber zu Nachbar Müller, der meistens zu Hause und immer so nett ist.

Sie ringen seit Jahren mit der Deutschen Post/DHL um die Marktführerschaft im privaten Paketversand. Wollen Sie den Wettbewerb über Preis oder über Service gewinnen?

Der Wert der Logistik wird – auch beim Endverbraucher – maßgeblich unterschätzt. Bei der kleinsten Preisveränderung gibt es sofort eine Wanderung.

Wo ist das Problem?

Wenn man in der Hamburger Innenstadt in ein Parkhaus fährt, zahlt man für eine Stunde vier bis fünf Euro. Aber für ein versichertes Paket, das von Flensburg nach Garmisch geliefert wird, ist man nicht bereit, ein paar Cent mehr zu zahlen. Das passt nicht zusammen. Ich bin überzeugt davon, dass sich in der gesamten Branche vieles ändern wird, also Innovationen entwickelt und Services optimiert, wenn die Bereitschaft wächst, hochwertigen Service auch angemessen zu vergüten.

Rücksendungen sind in der Regel kostenlos, und viele Kunden machen davon ausgiebig Gebrauch. Fördert das eine falsche Mentalität?

Eine berechtigte Frage. Denn wenn die Rücksendung nichts kostet, ist sie aus Verbrauchersicht eben auch nichts wert.

Sie sind für eine Gebühr?

Eindeutig ja.

Wie sehen das die Händler, die die Gebühr schließlich erheben müssten?

Letztlich belastet eine wachsende Zahl an Rücksendungen auch den Handel. Allerdings wird es dort ganz verschiedene Meinungen geben. Denn die Voraussetzungen, zu denen viele Distanzhändler am Markt operieren, sind völlig unterschiedlich. Die einen müssen haushalten und Gewinne erwirtschaften, andere wiederum werden durch Wagniskapital finanziert. Allen muss aber klar sein, dass es auf Dauer keine Lösung ist, eine Schlüsselindustrie wie die Logistik nur als möglichst klein zu haltenden Kostenfaktor zu sehen.

Was verdient Hermes an einem Paket?

Wir bewegen uns im Bereich von einigen Cent. Angesichts des betriebenen Aufwands mit hochmoderner Technik sowie dem Engagement unserer Mitarbeiter und Partner ist der Ertrag definitiv unbefriedigend.

Sie machen die Preise doch selbst kaputt. So haben Sie zum Beispiel den Mindestpreis für ein online aufgegebenes Paket von 3,90 auf 3,80 Euro gesenkt und sind damit zehn Cent billiger als DHL?

Wir sind damals mit dem Päckchen in ein für uns neues Produkt Segment gestartet und mussten Anreize setzen, um im Markt wahrgenommen zu werden. Aber wir machen generell keine Dumping-Preise. Die Preisdifferenzierung kommt durch eine unterschiedliche Leistung zustande. Wir berechnen nach Größe statt nach Gewicht, denn der Hauptkostenfaktor in der Logistik heißt Platz, denken Sie nur an Container oder LKW-Trailer. Deswegen gilt bei uns das Prinzip: je kleiner das Paket, desto geringer der Preis.

"Die Branche sollte nicht vorverurteilt werden"

Dann sind Sie bei schweren Paketen also auch teurer als DHL?

Das kann vorkommen. Je nach Produkt offeriert mal der eine, mal der andere Wettbewerber den günstigsten Preis. Wobei hier immer der Blick auf die inkludierten Leistungen lohnt. Bei Hermes ist jedes Paket beispielsweise mit einer Haftungsgrenze bis 500 Euro versichert.

Hermes hat die Auslieferung auf der letzten Meile komplett an Subunternehmer ausgelagert. Bei Ihren 380 Subunternehmern sind 13.000 Paketfahrer angestellt, 30 Prozent arbeiten selbstständig. Einige haben erst vor kurzem wieder über geringe Löhne und unbezahlte Überstunden geklagt.

70 - 80% Prozent der Zusteller sind bei unseren Vertragspartnern sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Natürlich gibt es bei der hohen Zahl an Paketfahrern immer auch Fälle, wo die Zusammenarbeit nicht funktioniert. Das aber gewisse Mindeststandards eingehalten werden, haben wir für Hermes verbindlich definiert. Wir lassen alle Generalunternehmer jedes Jahr von der SGS TÜV Saar zertifizieren. Dabei werden insbesondere auf die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften und Sozialstandards geachtet. Zudem haben wir einen Mindestlohn festgelegt, der – regional unterschiedlich – von 7,50 bis 10,50 Euro für einen 8-Stunden-Tag reicht.

Und wenn die Subunternehmer sich nicht daran halten?

Unternehmen, die unsere Standards nicht erfüllten, haben wir dabei geholfen, diese zu erreichen. Und wir haben uns von allen getrennt, bei denen dies nicht gelungen ist. Das war eine Zahl im unteren, zweistelligen Bereich.

Warum soll es trotzdem auch weiterhin selbstständige Paketfahrer bei Hermes geben?

Wir haben mehrmals im Jahr Spitzen beim Paketaufkommen, vor allem zu Weihnachten, im Januar und zu Ostern, an denen zusätzlich selbstständige Paketfahrer gebraucht werden. Und es ist doch überhaupt nichts dagegen zu sagen, wenn sich ein Paketfahrer entscheidet, für drei oder vier Paketdienstleister zu fahren. So ist er beispielsweise auch mal zehn Wochen im Auftrag für Hermes tätig und wird dafür adäquat bezahlt.

Was spricht dagegen, die Fahrer direkt anzustellen?

Wir würden viele Betriebe ruinieren. Außerdem sind die für uns oft schon viele Jahre tätigen Generalunternehmer sehr gute Dienstleister. Es ist doch heute in der freien Wirtschaft völlig normal, einzelne Leistungen von Fremdfirmen erledigen zu lassen. Warum werden Arbeitnehmer, die jeden Tag unsere Büros sauber machen, nicht fest angestellt? Weil sich diese Firmen spezialisiert haben und es ihr Kerngeschäft ist.

Aber die Paketzustellung ist doch auch Ihr Kerngeschäft!

Deswegen beschäftigen wir alleine in unserer deutschen Paketsparte rund 4.500 fest angestellte Mitarbeiter – also einen großen Teil unserer weltweit 11.000 Kollegen. Es geht bei der Zusammenarbeit mit Generalunternehmen doch nur um die Letzte Meile! Und die können regionale Platzhirsche viel besser koordinieren und sind flexibler, als wir das zentral von Hamburg vermögen.

Wenn Arbeit zu niedrigeren Löhnen an Subunternehmen ausgelagert wird, stößt dies auch in anderen Branchen sehr wohl auf Kritik. Und in der Paketbranche hat sich gezeigt, dass prekäre Arbeitsverhältnisse generell ein großes Problem sind.

Es ist aber nicht in Ordnung, aufgrund einiger kritischer Einzelfälle eine ganze Branche vorzuverurteilen. Wir haben reagiert und eindeutige Regeln aufgestellt. Und noch einmal: Die Auslagerung von Leistungen an externe Vertragspartner ist kein spezifisches Phänomen bei der Paketzustellung, sondern auch in der Medienbranche, im touristischen Gewerbe oder in der verarbeitenden Industrie üblich.

Selbst bei einem Hermes-Stundenlohn von 7,50 Euro bis 10,50 Euro bleiben Sie im Niedriglohnsektor. Was halten Sie von einem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro?

Prinzipiell halte ich es für besser, wenn die Tarifpartner Löhne gemeinschaftlich aushandeln, als dass die Politik entsprechende Verordnungen erlässt. Denn diese ignoriert in bestimmten Branchen wie der unseren ungleiche Marktbedingungen für einzelne Branchenunternehmen. Gleichwohl müssen Schritte gegen Lohndumping und die damit verbundene soziale Destabilisierung unternommen werden. Entsprechend befürworte ich den Mindestlohn.
Das Gespräch führte Jutta Maier