Berlin - Plötzlich Milliardär. Für Julius Köhler ging das ziemlich schnell, aber im Grunde lief doch alles nach Plan. Vorige Woche war es jedenfalls geschafft: Das Berliner Start-up Sennder, von Köhler zusammen mit David Nothacker und Nicolaus Schefenacker gegründet, sammelte bei Investoren 160 Millionen US-Dollar ein und wurde in der Finanzierungsrunde mit 1,3 Milliarden Dollar bewertet. Damit zählt die erst vor fünf Jahren in einer Kreuzberger Garage gestartete Firma nun zum sehr kleinen Kreis milliardenschwerer Jungunternehmen, und Berlin ist um ein „Unicorn“ reicher. „Rasante Dynamik“, sagt Köhler.

Sogenannte Einhörner sind Firmen, mit denen Investoren geradezu fabelhafte Hoffnungen verbinden. Nach Angaben der US-Wirtschafts-Datenbank CB Insights gibt es weltweit derzeit 523 nicht börsennotierte Unternehmen mit einem Wert von über einer Milliarde US-Dollar. Die meisten haben ihren Sitz in den USA (253) oder in China (112). Aber auch 14 deutsche Start-ups sind dabei, jedes zweite kommt aus Berlin. Die Smartphone-Bank N26 gehört ebenso dazu wie der Gebrauchswagenhändler Auto1 oder die Finanzunternehmen Wefox und Mambu. Nun also auch Sennder aus Charlottenburg, eine Art Partnerbörse für 40-Tonner.

Sennder ist eine digitale Spedition

Sennder ist eine digitale Spedition. Wie Uber keine Taxis hat und Flixbus keine Busse, so ist Sennder ein Transportunternehmen ohne eigenen Fuhrpark. Von der Genthiner Straße aus vermittelt die Firma Transportaufträge an Fuhrunternehmen und verdient an der Vermittlung. Soll eine Fracht von A nach B gebracht werden, schickt der Auftraggeber seinen Transportwunsch über unterschiedlichste Schnittstellen direkt an das Sennder-System. Dort sucht dann ein Algorithmus nach dem nahezu perfekt passenden Truck und liefert binnen Minuten ein Angebot zum Festpreis. Dann beauftragt Sennder online das angeschlossene Transportunternehmen.

Spätestens seit der Übernahme des Europageschäfts von Uber Freight im vorigen Sommer zählt Sennder zu den etablierten Playern auf dem europäischen Logistikmarkt. In Italien steuert Sennder inzwischen den gesamten überregionalen Transport der dortigen Post. Jedes dritte Dax-30-Unternehmen, darunter auch Siemens und Volkswagen, ist in Sennders Kundenkartei zu finden, und Coca Cola ist schon seit drei Jahren dabei. Mittlerweile arbeitet das Berliner Unternehmen europaweit mit 5000 Fuhrunternehmen zusammen, hat damit Zugriff auf die Ladekapazitäten von 15.000 Trucks und will weiter wachsen. „Wir stellen monatlich 20 bis 30 neue Mitarbeiter ein“, sagt Sennder-Chef Köhler.

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Aktuell ist jeder dritte Lkw in Europa leer unterwegs.

Zweifelsfrei ist der Digitalisierungsbedarf speziell im sogenannten Straßenfrachtgeschäft groß. Bei sehr vielen Speditionen sind Festnetztelefon und Faxgerät noch immer die wichtigsten Kommunikationsmittel. Digital-Speditionen können dagegen viele Abläufe automatisieren und noch mehr beschleunigen und effizienter gestalten. Bei der italienischen Post habe man die Kosten um acht Prozent reduzieren können, sagt Julius Köhler.

Das Ziel sind weniger Leerfahrten

Zugleich könne man nachhaltiger transportieren, dank Datensammlungen und Algorithmen Leerfahrten und unnötige Kohlendioxid-Emissionen vermeiden. Laut Köhler sei in Europa derzeit etwa jeder dritte Lkw leer unterwegs. „Bei unseren Partnern ist es nur noch jeder zehnte“, sagt der 32-Jährige, der Sennder vor allem als Technologie-Unternehmen versteht. So soll ein großer Teil des jetzt eingesammelten Millionenbetrags auch genutzt werden, um den Entwicklungsbereich auszubauen. Noch in diesem Jahr soll die Zahl der Mitarbeiter dort auf 400 verdoppelt werden.

Marktbeobachter sind sich sicher, dass die Digitalisierung die gesamte Transportbranche schon in den nächsten fünf Jahren dramatisch verändern wird. In immer kürzeren Abständen streben neue digitale Anbieter auf den Markt, während andere wieder verschwinden und die Besten unter den jungen Digital-Speditionen längst im Fadenkreuz großer Investoren stehen. Allein 2020 wurden weltweit etwa 14 Milliarden US-Dollar in Logistik-Start-ups investiert. Drei Jahre zuvor waren es noch gut zehn Milliarden weniger.

Auch Max-Alexander Borrek, Logistikexperte bei der Strategieberatung Oliver Wyman, ist überzeugt, dass Digital-Speditionen den Markt nachhaltig verändern und sich sogar neben Branchengrößen wie DB Schenker, Kühne + Nagel oder DHL etablieren werden. „Ich halte es für absolut realistisch, dass die eine oder andere Digital-Spedition in fünf Jahren zu den zehn umsatzstärksten Logistikunternehmen in Europa gehören wird“, sagt Borreck.

In Berlin gibt es gleich mehrere Digital-Speditionen

Dass Sennder dazugehören wird, ist wahrscheinlich, zumal das Unternehmen weitere Übernahmen („mindestens zwei in diesem Jahr“) plant. Aber die Konkurrenz ist groß. Allein von Berlin aus mischen mehrere Digital-Speditionen im internationalen Frachtgeschäft mit. Das 2016 unter dem Namen Freighthub gegründete Unternehmen Forto vermittelt von der Backfabrik in Mitte aus Transportkapazitäten im weltweiten Land-, Luft- und Seeverkehr und zählt insbesondere auf der Asien-Europa-Achse zu den 20 führenden Speditionen. Eigenen Angaben zufolge hat das etwa 200-köpfige Unternehmen weltweit mehr als 2000 Kunden. Erst im November hatte Forto bei Investoren weitere 50 Millionen US-Dollar eingesammelt, wobei der dänische Logistikkonzern Maersk seine bereits bestehende Beteiligung verdoppelt hat.

Instafreight aus Kreuzberg gibt es ebenfalls seit fünf Jahren und wurde maßgeblich von der Firmenfabrik Rocket Internet angeschoben. Inzwischen ist auch Shell an der Online-Spedition beteiligt, die eigenen Angaben zufolge über ihre digitale Plattform Zugriff auf den Laderaum von mehr als 25.000 Frachtunternehmen hat. Die Pläne sind ambitioniert. Erst vorige Woche verpflichtete man einen Ex-Uber- und Amazon-Manager für strategische Aufgaben.

Für Sennder steht der Fahrplan dennoch fest: Spätestens 2023 soll der Umsatz in Euro über die Milliarden-Grenze gebracht und im Jahr darauf die Gewinnschwelle passiert werden. Einen Börsengang will man nicht ausschließen. Das sei eine Option, sagt Köhler. „Klar!“