Die Taiwan-Reise von Nancy Pelosi, der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, ist von China zwar scharf kritisiert worden – die im Vorfeld im Westen befürchtete und in chinesischen Medien durchaus geforderte Eskalation ist zunächst ausgeblieben. Die staatliche Zeitung Global Times bringt auf ihrer Website zahlreiche Stimmen von Nutzern von WeChat oder Weibo. Natürlich sind anonyme oder pseudonyme Aussagen auf sogenannten sozialen Netzwerken immer mit Vorsicht zu genießen – man würde im Westen in seriösen Redaktionen eigentlich nicht auf die Idee kommen, einfach unbekannte Nutzer von Facebook und Twitter als „Zeugen“ für irgendwelche Aussagen zu benennen. Im Fall der chinesischen Überwachung ist davon auszugehen, dass die Behörden einerseits genau lesen, was die Leute denken – um schließlich die Grundströmung mit der politischen Zielsetzung zu verschmelzen. Die Dialektik der Chinesen besteht darin, dass die Führung das Internet nutzt, um gleichzeitig zuzuhören und zu lenken. In dieser Hinsicht ist die Einordnung der Global Times interessant, denn sie ergibt ganz klar, dass die Mehrheit der „Nutzer“ und/oder die Regierung keinen Krieg will: Eine militärische Auseinandersetzung würde der Volksrepublik schaden wie Taiwan. Dies würde niemanden nützen, denn das Ziel Chinas sei die Wiedervereinigung mit diplomatischen Mitteln.

In den USA wird der Besuch kontrovers diskutiert. Es überwiegt jedoch die Überzeugung, man müsse China militärisch in Schach halten. Bret Stephens rät der US-Regierung in der New York Times „leicht zu verteilende, leicht zu verbergende, asymmetrische Waffen zu liefern, wie sie den Russen schweren Schaden zugefügt haben: Javelin-Panzerabwehrraketen, Switchblade-„Kamikaze“-Drohnen, Stinger-Flugabwehrraketen, Schiffsabwehrraketen für Seeangriffe“. Biden sollte, so der Kolumnist, „eine deutliche Erhöhung der Militärausgaben vorschlagen, insbesondere für die Marine, die jetzt in Bezug auf die Schiffszahlen hinter China zurückliegt“. Thomas Friedman schreibt in derselben Zeitung, dass er den Besuch von Pelosi zwar für falsch und verantwortungslos halte – doch nicht, weil es wegen des Besuchs zu einem Krieg kommen könnte, sondern weil weder die USA noch Taiwan aktuell in der Lage wären, gegen China zu bestehen. Friedmans Rat an die Biden-Regierung: „Der beste Weg besteht darin, Taiwan mit dem zu bewaffnen, was Militäranalysten ein Stachelschwein nennen – das vor so vielen Raketen strotzt, dass China es niemals anfassen möchte.“ Gleichzeitig sollten Provokationen unterlassen werden, die China zu irrationalen Handlungen verleiten könnten.

Im Pentagon werden noch andere Argumente vorgetragen: Nach dem russischen Angriff haben US-Präsident Joe Biden und sein Nationaler Sicherheitsberater, Jake Sullivan, eine Reihe engagierter Treffen mit der chinesischen Führung abgehalten und Peking beschworen, sich nicht in den Ukraine-Konflikt einzumischen. Es sollte verhindert werden, dass China Russland militärische Hilfe leistet. Die Amerikaner fürchten vor allem, dass die Chinesen den Russen ihre hochentwickelten Kampfdrohnen verkaufen oder ihnen Lizenzen zum Nachbau überlassen könnten. Eine solche Allianz könnte in der Ukraine für Russland kriegsentscheidend sein. Laut hochrangigen US-Beamten sagte Biden Präsident Xi Jinping persönlich, dass Peking den Zugang zu seinen beiden wichtigsten Exportmärkten – den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union – riskieren würde, wenn China auf der Seite Russlands in den Krieg in der Ukraine eintreten würde.

Dieser Interessensabgleich könnte durch den Pelosi-Besuch aus der Balance geraten – und zwar zu Ungunsten des Westens – weshalb auch in der EU niemand außer Litauen positive Worte für den Besuch der Politikerin in Taiwan gefunden hat.