Petrobras Korruptionsskandal in Brasilien: Brasilianische Kungelrunden

Rio de Janeiro - Um Aberhunderte von Millionen Dollar ist der halbstaatliche brasilianische Ölkonzern Petrobras geplündert worden – offenbar von einigen seiner hohen Angestellten. Die waren zuerst von der Politik auf ihre Posten gehievt worden und haben dann gewaltige Summen an Politiker weitergereicht, so der Verdacht.

Dass bei Petrobras nicht alles mit rechten Dingen zugeht, schwante der Öffentlichkeit schon, als im Frühjahr herauskam, dass der Konzern für eine Raffinerie im amerikanischen Pasadena 1,2 Milliarden Dollar bezahlt hatte, 27 Mal mehr als die Raffinerie zwei Jahre vorher gekostet hatte. Aber die Bombe explodierte erst, als ganz andere Ermittlungen gegen einen Geldwäscher zu Paulo Roberto Costa führten, der früher für Einkauf und Beschaffung zuständige Petrobras- Direktor.

Handel mit der Justiz

Nach einem Deal mit der Justiz begann Costa auszupacken. Einige derer, die er beschuldigt, fingen nach zugesicherter Strafminderung ebenfalls zu plaudern an, und seitdem entwickelt sich ein prächtiger Skandal. Jede Woche gibt es eine neue Nachricht. Das vorerst letzte: Ein Teil der Bestechung, ohne die bei Petrobras offenbar kein Auftrag zu kriegen war, ging direkt in die Wahlkampf-Kasse der Regierungspartei PT, sagte der Geschäftsführer einer Ölplattform-Firma. Was die Partei abstreitet.

Um wie viel Petrobras erleichtert wurde, ist unbekannt. Aber „Pasadena ist nur Peanuts gegen Abreu e Lima“, vermutet der Öl-Unternehmer Wagner Freire, der in den 80er-Jahren Petrobras-Chef war; Abreu e Lima ist eine Raffinerie, deren Kosten sich während ihres Baus von 2,5 auf 18,5 Milliarden Dollar vermehrt haben. Einer der Geständigen sagte, allein er habe umgerechnet über 85 Millionen Euro abgezwackt.

Der Skandal aktualisiert die alte Debatte, wie Petrobras geführt werden sollte. Unter Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff wurde Petrobras als nationaler Entwicklungsmotor verstanden. Die Firma, an der der Staat zu 28,7 Prozent beteiligt ist, erhielt eine Vorrang-Stellung; bei der Erschließung der ultratiefen Ölquellen im Festlandsockel muss Petrobras mit mindestens 30 Prozent beteiligt sein.

Um die nationale Industrie zu fördern, musste Petrobras in Brasilien ordern, auch wenn die Auslandangebote billiger waren. Und unter Rousseff wurde Petrobras ein Beitrag zur Inflationsdrosselung aufgebürdet, der die Firma, so der Ökonomieprofessor Edmar de Almeida, über 40 Milliarden Dollar gekostet hat. Petrobras musste den Benzinpreis subventionieren. Da die Eigenproduktion nicht ausreichte, wurde auf dem Weltmarkt teuer zugekauft, was intern dann billig abgegeben wurde.

Das Gegenmodell wäre ein rein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen. Die Befürworter der Umwandlung verweisen auf den früheren staatlichen Flugzeugbauer Embraer, der nach der Privatisierung ein Weltunternehmen wurde. Weniger Monopol und mehr Konkurrenz, so meint Ex-Petrobras-Chef Freire, hätte im Übrigen auch Korruption erschwert – wäre Petrobras mehr Joint Ventures eingegangen, hätten die Partner das gigantische Schmiergeldsystem schon unterbunden.

Der Skandal kocht zu einer Zeit hoch, zu der Petrobras auf dem Kapitalmarkt Milliarden einsammeln muss, um die ehrgeizigen Pläne zur Förderung der schwer zugänglichen Ölquellen vor der Küste zu verwirklichen. Bis 2018 sind 45 Milliarden Euro nötig, allein 2015 wird die Aufnahme von 15 Milliarden angepeilt. Aber die Anleihen eines Unternehmens, dessen Ruf derart lädiert ist, dürften sich nicht so gut verkaufen lassen.

In jedem Fall wird sich Petrobras nun noch teurer finanzieren müssen als vorher schon. In den vergangenen vier Jahren ist der Marktwert der Firma schon um die Hälfte gesunken. Petrobras ist die am stärksten verschuldete Ölfirma der Welt und eine der am wenigsten produktiven – was natürlich nicht unbedingt an Misswirtschaft liegt, sondern an den gewaltigen Investitionsvorhaben des Tiefsee-Öls. Tröstlich immerhin ist die Ausbeute des bisher Erschlossenen: 22 Prozent der 2,1 Millionen Barrel pro Tag stammen aus den in sechs bis sieben Kilometern Tiefe liegenden Quellen, die sich als außerordentlich produktiv erwiesen haben.

Fraglich ist allerdings, ob sich die gewaltigen Investitionen überhaupt rechnen. In den vergangenen fünf Monaten ist der Ölpreis von 112 auf knapp unter 70 Dollar abgesackt. Pro zehn Dollar Preisverfall verliert der Konzern Petrobras 1,7 Milliarden Euro pro Jahr.

Aber solange der Preis über 45 Dollar liegt, sei das Tiefsee-Öl noch wirtschaftlich zu fördern, sagt der Konzern. Branchen-Analysten, etwa des Brasilianischen Infrastruktur-Zentrums CBIE, sind jedoch skeptischer: Die Grenze der Rentabilität verlaufe zwischen 60 und 70 Dollar. Der Petrobras-Geschäftsplan 2014-2018 geht noch von ganz anderen Werten aus: Von 105 Dollar pro Barrel für dieses Jahr und von 100 Dollar für die folgenden Jahre bis 2017.