Berlin - Glyphosat ist weltweit das Unkrautvernichtungsmittel Nummer eins. Mindestens 750.000 Tonnen des Pflanzengifts werden jährlich auf Ackerflächen und Obstplantagen, im Gemüseanbau und in der Forstwirtschaft, auf öffentlichen Grünflächen und in privaten Gärten versprüht. Das vom US-Agrar-Konzern Monsanto entwickelte Mittel ist bereits seit 1974 auf dem Markt und galt lange als unbedenklich. In jüngerer Vergangenheit ist die Substanz allerdings immer stärker als Auslöser schwerwiegender Erkrankungen in Verdacht geraten. Erst im März stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. Auch Schädigungen des Erbguts sind laut IARC nicht auszuschließen.

Grenzwerte werden angehoben

Man könnte also annehmen, der Einsatz des Unkraut-Vernichters stehe zur Disposition oder werde zumindest eingeschränkt. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Die Zulassung von Glyphosat in der EU soll 2016 um zehn Jahre verlängert und dabei der zulässige Grenzwert um fast 70 Prozent angehoben werden. Verantwortlich zeichnen namhafte Bundesbehörden. Bereits Ende 2013 verschickte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) einen mehr als 1 000-seitigen Bericht an die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA, in dem die Zulassung von Glyphosat bis einschließlich 2025 befürwortet wurde. Maßgeblich an der Expertise beteiligt waren neben dem BVL das Umweltbundesamt sowie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

Deren Stellungnahmen haben in Brüssel kaum zu unterschätzendes Gewicht, da die Bundesrepublik in der EU der zuständige Berichterstatter für Glyphosat ist. Was die deutschen Behörden auf Grundlage wissenschaftlicher Untersuchungen und Erkenntnisse empfehlen, ist faktisch vorentscheidend für das Votum der EFSA. Das BfR gelangt zu dem Ergebnis, gesundheitsschädliche Wirkungen des Herbizids seien nicht nachweisbar. Tests an Krallenfröschen und Hühnerküken, die anderes nahelegten, könnten nicht auf die Humanbiologie übertragen werden. Giftig für den Menschen sei das Mittel nur in extrem hohen Dosierungen, die weit über den geltenden Grenzwerten lägen.

An dieser Position änderte auch der Krebsalarm der IARC nichts. Ende März 2015 ließ das BfR wissen, die Warnung der WHO-Organisation basiere auf nicht aussagekräftigen Untersuchungen. „In der Gesamteinschätzung“, so das BfR, habe sich „kein gesicherter Zusammenhang“ zwischen Glyphosat und einem erhöhten Krebsrisiko ergeben. Die akzeptable tägliche Aufnahmemenge (ADI) für den Menschen könne daher gefahrlos heraufgesetzt zusetzen. Konkret nennt das BfR einen Grenzwert von 0,5 Milligramm Glyphosat pro Kilogramm Körpergewicht. Bisher liegt die zulässige Höchstmenge 0,3 Milligramm. Für einen 80 Kilo schweren Zeitgenossen stiege der ADI für Glyphosat mithin von 24 auf 40 Milligramm pro Tag.

Dass das BfR solche Empfehlungen nicht allein aus wissenschaftlichen Erkenntnissen ableitet, zeigt ein Beispiel aus dem Januar 2012. Damals hatte der Glyphosat-Produzent Monsanto beantragt, die zulässige Glyphosat-Menge in Linsen um das 100-fache zu erhöhen, von 0,1 auf 10 Milligramm. Das Bundesinstitut nahm die Forderung auf und leitete sie an die FSA weiter, einschließlich der Empfehlung, dem Ansinnen zu entsprechen. So geschah es, nachzulesen in einem offiziellen Papier („Reasoned Opinion“) vom Januar 2012. Bereits Ende der 90er Jahre war der Glyphosat-Grenzwert für Sojabohnen um das 200-fache von 0,1 auf 20 Milligramm pro Kilogramm angehoben worden.

Die Bundesregierung vermochte an diesen Vorgängen nichts Kritikwürdiges finden. Einer Stellungnahme aus dem Jahr 2011 zufolge „sind Änderungen an Rückstandshöchstgehalten in der Regel durch die landwirtschaftliche Praxis bedingt“. Soll heißen: Die Höhe des Grenzwerts hängt davon ab, wie viel die Bauern spritzen. „Das ist ein übliches und auch unproblematisches Verfahren“, sagt BVL-Sprecher Andreas Tief.

Grüne fordern Aussetzung

Unproblematisch? Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Bärbel Höhn, sieht das anders. Die deutschen Behörden folgten offenbar der Linie der EFSA, die Gefahren von Glyphosat zu verharmlosen: „Mein Eindruck ist, dass der EFSA die Interessen der Industrie näher sind, als die der Verbraucher. Grenzwerte werden an wirtschaftliche Erfordernisse angepasst und durch Studien unterlegt, die von der Industrie finanziert werden. Wahrscheinlich krebserregende Pestizide haben in Lebensmitteln nichts zu suchen.“ Sie fordert daher: „Die Zulassung von Glyphosat muss ausgesetzt werden bis die Gesundheitsrisiken dieses Gifts geklärt sind.“