Es gibt diesen Wandschrank im Schwesternzimmer, mit 30 Kunststoffbehältnissen bestückt, die für jeden einzelnen Bewohner die aktuell verordneten Arzneimittel enthalten. Und den Kühlschrank mit Fläschchen, Ampullen und Infusionslösungen, an denen Namensschildchen kleben. Nicht zu vergessen die Präparate in Flüssigform, die nicht gekühlt werden müssen, für die Plastikboxen aber zu groß sind und dennoch ebenfalls individuell aufbewahrt werden. Und es gibt 30 ausgebildete Pflegekräfte im Alten- und Pflegeheim Menzlingen in Rösrath bei Köln, die einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit darauf verwenden, die Medikamentenvergabe an die 30 zumeist schwer pflegebedürftigen Heimbewohner zu organisieren.

Nach Ansicht von Georg Krämer, Geschäftsführer der Einrichtung, ist dieses System teuer, fehleranfällig und für das Personal „total demotivierend, weil Zeit verloren geht, sich um Menschen zu kümmern, wenn man Verfallsdaten kontrollieren muss“. In seiner vergleichsweise kleinen Einrichtung seien 30 Wochenstunden einer ausgebildeten Pflegekraft allein diesen Tätigkeiten gewidmet. Was Krämer ärgert, ist die Tatsache, dass trotz ähnlich gelagerter Bedarfe die Arzneimittelversorgung in Krankenhäusern weitaus einfacher und kostengünstiger organisiert ist als in Pflegeheimen: Während Kliniken über eigene Apotheken verfügen, die zu günstigen Preisen in großen Mengen häufig benötigte Präparate einkaufen und nach Bedarf verteilen, werden Bewohner von Pflegeeinrichtungen über Einzelrezepte mit Medikamenten versorgt, die von niedergelassenen Ärzten verordnet und von örtlichen Apotheken abgegeben werden.

Das hat in der Praxis mitunter abstruse Folgen, berichtet Krämer: Arzneimittel werden weggeworfen, weil der Pflegebedürftige, auf den sie ausgestellt sind, mittlerweile gesundet ist, während im Nachbarzimmer eben dieses Präparat benötigt wird: „Wir schmeißen wertvolle Arzneien völlig unnötigerweise weg, die als Sondermüll auch noch aufwendig entsorgt werden müssen.“

Vierfach höhere Preise

Zu dem erheblichen Arbeitsaufwand und der Ressourcenverschwendung durch die individuelle Medikamentenverwaltung treten laut Krämer deutlich höhere Anschaffungskosten, die Einzelrezepte gegenüber in Kliniken üblichen Massenbestellungen verursachen. Für Infusionslösungen, die bei Flüssigkeitsmangel nötig sind, würden auf Rezept vierfach höhere Preise fällig als bei Großbestellungen. „Das kostet das System Millionen“, behauptet Krämer.

Er erhält Unterstützung von renommierter Seite: Pharma-Experte Gerd Glaeske, Professor für Gesundheitsökonomie an der Universität Bremen, geht von bis zu 350 Millionen Euro aus, die sich in Pflegeheimen durch eine Medikamentenvergabepraxis nach Vorbild der Krankenhäuser jährlich einsparen ließen. Wobei „jährlich“ keine Konstante bildet: Derzeit sind 2,4 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. 2030 werden es wohl bereits 3,4 Millionen Menschen sein und 2050 gar 4,5 Millionen, die auf Pflege angewiesen sind.

Doch nicht nur das. „Die bisherige Praxis in den Pflegeheimen mit zig niedergelassenen Ärzten, die hunderte unterschiedliche, wenn auch oftmals wirkstoffgleiche Präparate verordnen, ist ein Einfallstor für fehlerhafte Medikamentenvergabe“, sagt Glaeske. Zumal ein solches System jeder Koordination entbehre. Unerwünschte Wechselwirkungen, Doppelverordnungen, Über- und Unterversorgung seien die Folge. Der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen habe schon seit Jahren für spezielle Pflegeheim-Ärzte plädiert, die die Versorgung der Bewohner koordinieren, verbessern und effektiver gestalten könnten.

Karl Lauterbach, der dem Sachverständigenrat lange angehörte und seit 2005 für die SPD im Bundestag sitzt, weiß um die vielen Widerstände, die Reformbestrebungen auslösen. Weder Pharmahersteller noch Apotheker oder niedergelassene Ärzte hätten ein Interesse daran, das System zu ändern. „Für einen Apotheker ist ein nahe gelegenes Pflegeheim wie ein Lottogewinn“, bestätigt Glaeske.

Von Seiten der Bundesregierung ist Schützenhilfe allerdings nicht zu erwarten. „Ein Pflegeheim ist anders als ein Krankenhaus keine Einrichtungen zur medizinischen Versorgung, sondern ein Lebensraum für Menschen, denen die freie Wahl des Arztes und der Apotheke ihres Vertrauens offen steht“, sagt Susanne Wackers, Pressesprecherin des Bundesgesundheitsministeriums.

Für Georg Krämer und seine Fachkräfte wird der Wandschrank im Schwesternzimmer wohl noch eine Weile für Plastikboxen mit Namenschildern reserviert sein.