Otto Kristls Tag beginnt morgens früh um vier. Dann kümmert der 57-Jährige sich als erstes um seinen Lebensgefährten. Otto Kristl steigt anschließend in den Zug von Mainz nach Frankfurt, um Viertel vor sieben sitzt er an seinem Schreibtisch in der DZ Bank, bis zwölf Uhr, dann macht er sich wieder auf den Nachhauseweg, um der polnischen Pflegekraft, die er eingestellt hat, zu helfen. Nebenbei arbeitet er nachmittags und manchmal auch noch abends in Telearbeit von zu Hause aus weiter.

Seit viereinhalb Jahren pflegt Kristl seinen an Parkinson erkrankten Lebensgefährten. Dennoch arbeitet er Vollzeit, weil sein Arbeitgeber es ihm durch ein flexibles Arbeitsmodell ermöglicht. „Die DZ Bank war unbürokratisch und hilfreich. Ich habe früher bei amerikanischen und britischen Arbeitgebern gearbeitet, da wäre das nicht möglich gewesen“, sagt Otto Kristl.

Gewinn für beide Seiten

Die DZ Bank hat sich das Thema Pflege auf die Fahnen geschrieben und ist damit ein Vorreiter unter deutschen Unternehmen. Die Bank führte 2009 eine interne Umfrage durch. Ergebnis: 12,2 Prozent der Mitarbeiter pflegten Angehörige, knapp zehn Prozent betreuten neben der Pflege auch noch Kinder. Viele gaben an, wegen der Belastung schon Fehlzeiten im Büro gehabt zu haben. Mehr als 21 Prozent der Befragten erklärten, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege für sie ein Zukunftsthema ist.

Die Bank sah sich durch diese Umfrage bestätigt in dem, was sie bereits im Programm hatte: Neben zahlreichen verschiedenen Teilzeitmodellen und mobilen Arbeitsplätzen bietet sie ihren Mitarbeitern die kostenlose Teilnahme an Pflegeseminaren an. „Mitarbeiter in Pflegesituationen haben den Kopf nicht so frei für die Arbeit. Wenn wir sie als Unternehmen unterstützen können und es ihnen dadurch besser geht, ist das eine Win-win-Situation“, sagt Christiane Erbacher, Personalexpertin in der DZ Bank, um das Engagement des genossenschaftlichen Geldinstituts zu erklären.

Das sehen noch nicht viele Unternehmen so. Eine Umfrage des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) unter 200 Personalentscheidern in mittelständischen Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern, die Anfang 2013 veröffentlicht wurde, ergab: Zwei Drittel der Befragten sehen weder akuten noch zukünftigen Handlungsbedarf, pflegenden Angestellten die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu erleichtern.

Während es den Firmen durchaus wichtig geworden ist, dass ihre Mitarbeiter Beruf und Familie miteinander vereinbaren können, scheint die Pflege Angehöriger noch außen vor zu sein: „Die größeren Unternehmen machen mit der Vereinbarkeit von Job und Kindern Werbung. Aber Pflege ist noch immer ein Tabuthema“, sagt auch Otto Kristl. „Das blenden die Leute und die Firmen bis zum letzten Moment aus.“

Dabei ist das Thema für immer mehr Menschen von Bedeutung. Schon heute pflegen oder unterstützen 13 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 40 und 65 Jahren in Vollzeit- oder Teilzeit eine pflegebedürftige Person, sehr oft den eigenen Vater oder die Mutter. Die durchschnittliche Pflegedauer beträgt acht Jahre und bestimmt damit einen langen Lebensabschnitt.

Die Zahl der Betroffenen wächst. In den kommenden Jahren wird die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland stark steigen. Bis zum Jahr 2050 könnten es laut Statistischem Bundesamt bis zu 4,5 Millionen Menschen werden.

Bleibt alles, wie es ist, werden diese Menschen überwiegend zu Hause gepflegt und nicht in stationären Einrichtungen. Momentan bleiben mehr als zwei von drei Pflegebedürftigen in den eigenen vier Wänden.

Schaffen die Firmen keine Möglichkeiten, dass pflegende Angehörige einer Erwerbsarbeit nachgehen können, werden sie ein Personalproblem bekommen. Denn derzeit sind zwar zwei Drittel der pflegenden Angehörigen im erwerbsfähigen Alter, aber nur ein Fünftel davon geht neben der Pflege noch arbeiten.

Verblüffen kann das keineswegs, ist doch die Pflege eines Angehörigen bereits anstrengend genug. Pflegende Angehörige geben den Zeitaufwand für die Pflege mit 42 Stunden pro Woche an. Das alleine ist schon ein Vollzeitjob.

Externe Spezialisten helfen

Dabei kostet es ein Unternehmen nur wenig, sich in diesem Bereich zu engagieren. Die Vorteile dagegen – ausgeglichenere und engagiertere Mitarbeiter – sind offensichtlich. „Man kann sehr viel leisten, ohne viel Geld in die Hand nehmen zu müssen“, sagt DZ-Bank-Personalerin Christiane Erbacher. So kosten die Seminare, die die Mitarbeiter belegen können, die Bank nur 4 000 Euro im Jahr.

Die Mehrzahl dieser Seminare werden von einem externen Spezialisten durchgeführt. Jedes Modul hat einen eigenen Themenschwerpunkt, etwa Depressionen im Alter, Demenz oder finanzielle und rechtliche Aspekte der Pflege. Zudem können Betroffene hier an einem Nachmittag praktische Pflegehandgriffe erlernen.

Anders als es die Zahlen zeigen, ist Pflege kein reines Frauenthema mehr. „Es melden sich mehr Männer als Frauen zu unseren Seminaren an. Es ist ein starkes Männerthema“, sagt Christiane Erbacher.

Das Geldhaus organisiert zusätzlich eigene, interne Seminare zu finanziellen und rechtlichen Aspekten der Pflege. Dort wird beispielsweise über Patientenverfügungen, Vorsorgevollmachten und Pflegestufen aufgeklärt. In einem internen Pflegenetzwerk können sich betroffene Mitarbeiter austauschen. Und eine Sozialberaterin steht hilfesuchenden Angestellten bei Bedarf zur Seite.

Krank und erschöpft

Das wird durchaus in Anspruch genommen. Denn die körperliche wie seelische Beanspruchung der Pflege ist erheblich. Zwar gibt es vielen Menschen ein gutes Gefühl, wenn sie Verwandten helfen können. Doch das alleine kompensiert die Anstrengungen nicht.

Von allen pflegenden Angehörigen erkrankt ein Drittel selbst. Muskelverspannungen, Schlafstörungen und depressive Symptome sind übliche Verschleißerscheinungen. Von den erwerbstätigen Pflegenden fühlen sich laut einer Studie des ZQP 80 Prozent erschöpft.

Dennoch: Die Mehrheit der vom ZQP befragten Unternehmen sieht die Pflicht für die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege bei den Mitarbeitern oder beim Staat. Die meisten Personalchefs haben kaum Kenntnisse des Pflegezeitgesetzes und der Familienpflegezeit. „Diese Ergebnisse lassen aufhorchen“, sagt Ralf Suhr, Vorstandschef des ZQP. „Die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege lässt sich nicht auslagern. Auch Unternehmen müssen sich künftig den Herausforderungen der demografischen Entwicklung stellen und bei ihrer Personalplanung die Bedürfnisse pflegender Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbeziehen.“

Ralf Suhr ist sich sicher: Viele Betroffene würden gerne eine berufliche Auszeit nehmen, um Familienangehörige zu pflegen – wenn der Arbeitgeber ihnen dabei helfen würde.

Otto Kristl sieht das als Betroffener etwas anders und fordert ein gesellschaftliches Umdenken: „In Deutschland wird Pflege noch immer nicht als Arbeit angesehen“, sagt er. „Es gibt dafür zu wenig Wertschätzung.“