Gold gegen Bares.
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dpa/Fredrik von Erichsen

BerlinEs ist eine Sache von Minuten: Ein Mann legt eine Goldkette auf den Tresen. Die Dame ihm gegenüber nimmt sie in die Hand, sucht mit der Lupe nach einer Prägemarke. Dann legt sie die Kette auf eine Waage und sagt, dass sie ihm dafür 630 Euro geben könne. Kurzes Zögern, dann willigt der Mann ein und bekommt das Geld sowie einen Pfandschein. Fertig.

Auf legalem Wege ist Bargeld nach wie vor nirgendwo schneller und unkomplizierter zu bekommen als in einem Pfandhaus. Es gilt als das älteste Banksystem der Welt und hat sich zudem als extrem krisenrobust erwiesen. Nicht einmal die Niedrigzinspolitik, die seit Jahren den traditionellen Banken das Leben schwer macht, konnte Pfandleihen etwas anhaben. Nun stellt die Corona-Pandemie das Pfandkreditwesen jedoch auf eine harte Probe.

Das „Pfandleihhaus am Hermannplatz“ in Kreuzberg gibt es seit 1993. Thomas Struck ist dort Geschäftsführer. Eigentlich sollte das Geldgeschäft florieren. Es gibt Hundertausende Kurzarbeiter in der Stadt. In Kreuzberg und Neukölln liegt die Arbeitslosenquote schon wieder bei elf und über 15 Prozent. Doch in Strucks Pfandleihe zog es in den vergangenen Wochen deutlich weniger Kunden, als es noch vor Corona der Fall war. Struck macht den Lockdown dafür verantwortlich. „Die Geschäfte und Restaurants waren geschlossen, Reisen nicht möglich. Es gab kaum Gelegenheiten, Geld auszugeben“, sagt der Pfandhaus-Chef.

Von den bundesweit gut 500 Pfandhäusern befindet sich etwa jedes zwölfte in Berlin. Tatsächlich gibt es in der Stadt mehr Pfandhäuser als Filialen der Deutschen Bank – 39 insgesamt. Die Kundschaft dort ist bunt gemischt. Es sind Azubis und Rentner, Unternehmer und Beamte, Professoren und Putzfrauen. Es gibt Stammkunden, die regelmäßig kommen, um die letzten Tage vor der nächsten Lohnzahlung zu überbrücken. Manche Pfandhäuser haben rund um den Monatswechsel die meisten Kunden.

Denn um dort Geld zu bekommen, sind weder Gehaltsnachweise noch Bonitätsprüfungen oder Schufa-Auskünfte nötig, nur ein Pfand, das einen Wert besitzen muss. Das Handy ist ebenso üblich wie der Goldring oder die Luxusuhr. Der Zinssatz ist seit 60 Jahren gesetzlich festgeschrieben: Das Darlehen wird mit einem Prozent pro Monat verzinst. Hinzu kommt eine Gebühr von zweieinhalb Prozent pro Monat. Allerdings bestimmt der Kunde die Laufzeit. Wird das Pfand nach einer Woche wieder ausgelöst, zahlt er auch nur Zinsen für eine Woche. In mehr als 90 Prozent der Fälle wird das Pfand wieder eingelöst. Wenn nicht, wird es versteigert.

Es sind die Zinsen und Gebühren, die Pfandhäusern das Überleben sichern, aber beides wurde knapp, seit im März das Corona-Virus die Stadt erreichte. Zwar hatten die Pfandhäuser auch während des Lockdowns geöffnet, aber die Kundschaft blieb aus. „So schlecht wie in den letzten Wochen lief es noch nie“, sagt Markus Schadow, der in Steglitz ein Pfandleihhaus führt. Seit 25 Jahren ist Schadow im Geschäft und nun ziemlich ratlos. „Die Leute scheinen alle Geld genug zu haben.“

Dass das kein Berliner Phänomen ist, weiß man beim Bundesverband des Deutschen Pfandkreditgewerbes. Auch dort hat man seit März einen deutlichen Rückgang der Auszahlungen registriert. Und noch etwas macht den Pfandhäusern zu schaffen: Viele öfter als in normalen Zeiten kommen Leute, um ihr Pfand wieder einzulösen.

Das spürt auch Thomas Struck am Kottbusser Damm seit Wochen. „Die Bundesregierung hat viel Geld unter die Bevölkerung gebracht“ sagt er und will nicht konkreter werden. In dem ehemaligen Industriegebiet an der Edisonstraße in Oberschöneweide hat das bundesweit aktive Kfz-Pfandkredithaus Wittlich seine Berliner Dependance eingerichtet. Es sind vorzugsweise Oldtimer und Sportwagen, die dort als Pfand deponiert werden. Doch der Bestand ist geringer als sonst. „In den vergangenen Monaten wurden vermehrt Fahrzeuge ausgelöst“, sagt Firmenchef Christoph Wittlich. Seine Kundschaft besteht zu 95 Prozent aus Unternehmern. Die Darlehenssumme liegt laut Wittlich im Schnitt bei 20.000 Euro. Der Pfandleiher hilft, wenn beispielsweise eine größere Rechnung nicht pünktlich bezahlt wurde , aber die Löhne für die Mitarbeiter fällig sind. Wittlich versteht sich als „Lösungsfinder für Unternehmen“.

Insofern müsste eigentlich gerade jetzt das Geschäft in den Pfandleihen brummen. Schließlich sind etlichen Unternehmen die Aufträge weggebrochen, oder die Firmenumsätze sind trotz beendeten Shutdowns noch weit von den Erwartungen entfernt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Statt Geld zu leihen, bringen es Kunden in die Pfandhäuser und holen ihr Pfand zurück.

Ein Pfandleiher, der anonym bleiben möchte, klagt ebenfalls über leere Regale und Tresore. Wo normalerweise die eine oder andere Rolex  ihren Platz hat, sei nun „Ebbe“, sagt er und ist sich sicher, dass ein Teil der von Staat und Land gewährten Hilfen direkt in die Pfandleihen getragen wurde: „Als die IBB damit anfing, Soforthilfen auszuzahlen, standen bei mir die Leute Schlange“, sagt er. Einige seiner Kunden hätten gleich für mehrere Firmen kassiert und plötzlich so viel Geld gehabt wie nie zuvor. Nun sieht sich der Pfandleiher als Kollateralschaden-Opfer stattlicher Hilfsmaßnahmen und glaubt nicht, dass das so gedacht war.

Bei der Investitionsbank Berlin, die die Soforthilfen ausgezahlt hatte, wird eigenen Angaben zufolge derzeit in etwa 1100 Betrugsverdachtsfällen ermittelt. Rund 720 Verfahren wegen des Verdachts betrügerischer Erlangung von Corona-Soforthilfen sind inzwischen bei der Berliner Staatsanwaltschaft anhängig, wo bei es nahezu täglich mehr werden. Dort ist nun übrigens auch ein Fall von „Pfandauslösung mittels vermeintlich betrügerisch erlangter Corona-Soforthilfen“ bekannt.  Es dürfte nicht der einzige bleiben.