Ditzingen - #image0

Den Morgen mag sie am liebsten. Weil sie da die Kinder kurz beim Frühstück sehen kann. Und weil danach diese zehn Minuten kommen, die sie ganz für sich alleine hat. Zehn Minuten dauert die Fahrt von ihrem Haus im schwäbischen Gerlingen zur Firma nach Ditzingen. Ihr Fahrer weiß, dass sie in dieser Zeit nicht gestört werden darf. Sie sitzt im Fonds des Wagens, hört Musik oder die Nachrichten im Deutschlandfunk und schaut nach draußen. Einfach so.

Sie wollte nie ein Handy haben, weil es ja sein könnte, dass jemand sie genau während dieser zehn Minuten sprechen will. In dieser herrlich ungestörten Zeit. Sie wollte auch nie einen Fernseher haben, weil sie Fernsehen für Zeitverschwendung hält. Sie liest Bücher. Philipp Roth, Thomas Mann. „Die Buddenbrooks“ sind ihr Lieblingsroman, sie hat aus diesem Buch viel gelernt, sagt sie. Vielleicht hat sie sich auch wiedererkannt in dieser Familien-Firmen-Saga. „Man kann dort lernen, was man nicht machen darf. Eine Ehe der Firma wegen eingehen zum Beispiel, wie es Toni und Thomas Buddenbrook getan haben. Oder sich in riskante Geschäfte stürzen, die die Firma ausbluten.“

Wahrscheinlich gibt es nicht viele Top-Unternehmer in Deutschland, die sich in Management-Fragen von Thomas Mann inspirieren lassen. Aber Nicola Leibinger-Kammüller, 52 Jahre alt, gilt in diesen Kreisen vermutlich sowieso als recht exotische Person. Weil sie als Frau und Mutter von vier Kindern, als promovierte Literaturwissenschaftlerin, ins Kernland der deutschen Unternehmer-Männlichkeit vorgedrungen ist und heute an der Spitze des weltweit größten Werkzeugmaschinen-Herstellers steht.

Haltung und Gefühl

Eine riesige Überraschung war das, als vor sieben Jahren ihr Vater, Berthold Leibinger, seine Entscheidung bekanntgab, der ältesten Tochter die Leitung des Familienunternehmens zu übergeben. Schließlich gab es da auch ihren Bruder und ihren Mann, die beide Ingenieure sind und seit Langem in der Trumpf-Geschäftsführung sitzen. Aber der Vater, der fünf Jahrzehnte lang die Firma geprägt hat, fand, der Chef eines Unternehmens mit 9000 Angestellten und zwei Milliarden Euro Jahresumsatz müsse nicht unbedingt über Ingenieurswissen verfügen. Vielmehr sei es wichtig, jemanden an der Spitze zu haben, der zur Führung fähig ist. Der eine klare Haltung und ein Gefühl für Menschen hat. Der sich für das verantwortlich fühlt, was man gemeinhin als Firmenkultur bezeichnet. „Dies alles glaubte ich bei unserer ältesten Tochter Nicola am besten aufgehoben“, schreibt Vater Leibinger in seinen Erinnerungen.