Durch die westlichen Sanktionen kann Russland das Rohöl und Produkte aus seiner Verarbeitung wie Benzin und Diesel nicht im gleichen Volumen in den Westen exportieren wie früher. Das eingeschränkte Öl-Embargo der EU soll die Lage für Russland noch verschlimmern.

Es ist für die russischen Ölkonzerne jedoch auch nicht verlockend, mehr Rohöl an dritte Länder zu verkaufen, denn der deutlich gestärkte Rubel wird die Gesamteinnahmen nicht begünstigen. Die Exporteure sollen nach wie vor wenigstens 50 Prozent ihrer Deviseneinnahmen in Rubel wandeln. Die Ölgewinnung schon jetzt zu reduzieren, würde aber bei ähnlichen Betriebskosten Verluste bedeuten.

Die Spritpreise an Tankstellen ändern sich kaum

Was hat das für die Russen zur Folge? Auf dem heimischen Markt bleibt gerade mehr Sprit übrig als üblich, also müssten die Spritpreise fallen. Aber das stimmt so nicht. Es entsteht auf dem russischen Spritmarkt ein spannendes Phänomen. Die Großhandelspreise fallen zwar rasant: zuletzt kostete eine Tonne von AI-92 (ein in Russland und GUS-Staaten gängiges Analogon zum Super E10, also Benzin mit einer Oktanzahl 92) auf der St. Petersburger Internationalen Warenbörse knapp 37.000 Rubel (umgerechnet Stand Mittwochnachmittag: 565 Euro) und damit so wenig wie fast seit sechs Jahren nicht mehr. Das ist fast 30 Prozent günstiger als Anfang des Jahres und fast 40 Prozent günstiger als beim letzten Preishoch im September 2021.

Doch die Spritpreise an den Tankstellen für den Endverbraucher sinken nicht. Sie haben sich im Mai kaum geändert. Die durchschnittlichen Verbraucherpreise für Benzin in Russland beliefen sich zwischen dem 16. Mai und 22. Mai 2022 nach den letzten Angaben des statistischen Amtes Rosstat bei 50,67 Rubel pro Liter (80 Cent). An Moskauer Tankstellen lagen die Benzinpreise in der letzten Maiwoche nach Angaben des Moskauer Brennstoffverbandes bei 47,8 Rubel für AI-92 und 53,02 Rubel für AI-95 (ein Analogon zu E5). Die Dieselpreise betragen im Schnitt 54,1 Rubel (85 Cent).

Während die Bundesregierung die überteuerten Spritpreise in Deutschland zu senken versucht, wollen die russischen Ölkonzerne und von ihnen unabhängige Marktteilnehmer also, einen Preisabsturz an den Zapfsäulen verhindern – und halten die Preise stabil hoch. Im Schnitt sind die Preise etwa 10 Prozent höher als im Mai 2021. Und die russische Regierung hindert sie nicht daran. Mehr noch: Seit 2019 entschädigt sie die Ölkonzerne mit vielen Milliarden Rubel alleine dafür, dass sie die Inlandspreise nicht noch mehr erhöhen.

Allerdings meldet die Russische Brennstoffunion schon jetzt, dass die Verkäufe an den Tankstellen im Mai im Vergleich zum Vorjahr um fast 20 Prozent zurückgegangen seien – offenbar, weil die Zahlungsfähigkeit der Russen infolge der Inflation (offiziell liegt sie im Durchschnitt bei 18 Prozent) und Sanktionen ebenfalls sinkt. In diesem Sinne erwarten einige russische Experten, darunter der Analyst Grigori Bashenow von der Unabhängigen Brennstoffgewerkschaft, in absehbarer Zukunft einige Preissenkungen an den Tankstellen, die aber nicht unbedingt sich durchsetzen müssen.

Und wie ist es in der Ukraine?

Mitte Mai zerstörten die russischen Streitkräfte in der Nähe von Poltawa in der Zentralukraine eine Ölraffinerie, die die Streitkräfte der Ukraine mit Kraftstoff versorgt hatte. Im April war eine Ölraffinerie bei Odessa ebenfalls von der russischen Armee angegriffen worden. Die ukrainische Regierung schaffte Mitte Mai die staatliche Regulierung der Spritpreise ab, um das kriegsbedingte Defizit zu mildern und den Markt zu sättigen.

Seitdem steigen die Spritpreise in der Ukraine kontinuierlich. Ein Liter von A-95 (ein Analogon zu AI-95 in Russland) kostete zuletzt 50 UAH im Durchschnitt oder 1,59 Euro. Und ein Liter Diesel 57 UAH beziehungsweise 1,81 Euro. Zum Vergleich: Anfang Februar kostete ein Liter A-95 in der Ukraine etwa 40 UAH, also 1,27 Euro.

Nicht zuletzt spielen die veränderten Bedingungen der westlichen Sprit-Lieferungen an die Ukraine eine Rolle. Zu Beginn des Krieges hätte Polen die Kraftstoffe noch gratis an die Ukraine geliefert, sagte die polnische Klima- und Umweltministerin Anna Moskwa dazu in einem Interview, aber heute seien es nur Lieferungen kommerzieller Art, denn die logistischen Kosten seien sehr hoch.