Erich Benesch ist vor einem Vierteljahrhundert vom Auto aufs Lastenrad umgestiegen.
Foto: Berliner Zeitung/Thomas Uhlemann

PotsdamWilma hat einen Platten. Über die Stirn von Erich Benesch ziehen sich ein paar Sorgenfalten. Der 57-jährige Potsdamer inspiziert auf dem Hof des gemeinnützigen Wohn- und Werkstättenkomplexes „Projekthaus“ in Potsdam-Babelsberg einen nicht ganz gewöhnlichen Drahtesel. Wilma ist ein Lasten-Fahrrad der neu gegründeten „Flotte Potsdam“ – eines offenen und kostenlosen Verleihsystems für Transportvelos. „Da hat es wohl jemand etwas übertrieben mit seiner Ladung“, sagt der Mit-Begründer des Netzwerkes. „Das sind die Tücken des Alltags, auf die wir uns einstellen müssen.“

Wilma muss so schnell wie möglich in die Werkstatt, denn die „Lasttretwagen“, wie Erich Benesch die klimafreundlichen Transporter nennt, sind mittlerweile sehr begehrt in der Landeshauptstadt.

Zehn Verleihstationen in ganz Potsdam

Knapp zehn Verleihstationen haben sich binnen kürzester Zeit der Initiative angeschlossen. Stadtteil- und Begegnungszentren, Bürgerhäuser, die Fachhochschule, ein Fahrradparkhaus und ein Lebensmittelmarkt machen mit. Die einen haben die Räder selber gekauft wie der Bio-Supermarkt am Bassinplatz. Dort wartet Fritz auf seine Kundschaft – jedes Flotte-Rad hat seinen eigenen Namen. „Das ist mindestens zwei-, dreimal die Woche unterwegs“, sagt der zuständige Mitarbeiter Felix Rostock. „Die Leute packen ihren Einkauf rein. Sie holen sich das Rad aber auch gern für Fahrten zum Baumarkt oder Ausflüge mit den Kids am Wochenende.“

Andere Verleiher – vor allem die gemeinnützigen Einrichtungen – haben Potsdamer Eigenkreationen im Angebot, die in zahlreichen Lastenrad-Workshops des „Projekthauses“ entstanden sind. Die wurden dort vor gut fünf Jahren vom Radenthusiasten Erich Benesch zusammen mit dem Hamburger Ingenieur Till Wolfer ins Leben gerufen. Der Designer hat unter dem Logo xyzcargo Selbstbausätze für verschiedenste Radtypen entwickelt. „Die sind stabil, geprüft und im öffentlichen Verkehr zugelassen“, sagt Erich Benesch. „Und sie sind gut für die Projektarbeit mit den verschiedensten Gruppen geeignet.“

Renter, Flüchtlinge, Studenten helfen als Ehrenamtliche

Der gelernte Journalist entwickelt und betreut seit vielen Jahren als freier Medienpädagoge soziale und ökologische Kursangebote für alle Altersklassen und Bevölkerungsschichten. „Der Lastenradbau fing mit einem Schul-Workshop an“, erinnert er sich. „Die, die damals mit geschraubt haben, sind heute übrigens noch mit demselben Vehikel bei Fridays for Future mit unterwegs.“

Mittlerweile hat er auch mit Senioren, mit Flüchtlingen, mit Studenten oder anderen, bunt zusammen gewürfelten Gruppen zahlreiche weitere Modelle ins Rollen gebracht. „Beim Tüfteln kommt man ins Gespräch“, sagt er. Denn Erich Benesch hat eine Botschaft. Er will mit seinem Lastenrad-Engagement ganz bewusst für eine Verkehrswende in der Stadt werben.

Die Idee

Potsdam: Die Flotte wird vom Verein Inwole koordiniert. Er ist Träger des Projekthauses Potsdam (Rudolf-Breitscheid-Str. 164 in Babelsberg). Mittwochs gibt auch eine Offene Fahrradwerkstatt von 15 bis 19 Uhr. Bei Workshops werden gemeinsam Räder gebaut. In den nächsten Wochen werden weitere Räder an Verleihstationen übergeben. Infos: www. projekthaus-potsdam.de

Berlin: In der Bundeshauptstadt betreut der ADFC, der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club, das Netzwerk namens „fLotte“. Dort stehen aktuell mehr als 70 Räder zur Verfügung. Seit dem Start des kostenloses Verleihs im Januar 2018 wurden in der Hauptstadt 135000 Kilometer mit den geliehenen Transport-Bikes zurückgelegt. Das entspricht allein drei Erdumrundungen. Infos: www.flotte-berlin.de

Brandenburg/Havel: Die Stadt entwickelt eine „Arbeitsgruppe Lastenrad“ derzeit ein eigenes eines Verleihsystem. Freie Lastenräder können mittlerweile in mehr als 50 deutschen Städten ausgeliehen werden. Die Initiativen haben sich zu einer Plattform zusammengeschlossen. Dort gibt es auch Tipps und Erfahrungsberichte zum Aufbau von Mietstationen. Infos: www.dein-lastenrad.de

Selber ist er schon seit mehr als 30 Jahren mit einem schnittigen Cargo-Treter namens Filibus auf Achse. „Man kann das Auto locker auch für größere Einkäufe und Spritztouren mit den Kindern ersetzen“, sagt er aus eigener Erfahrung. Im Angebot der Potsdamer Flotte gibt es das Dreirad mit und ohne Sitzmöglichkeiten, das sicher auf dem Geläuf liegt, aber etwas behäbiger zu handhaben ist. Die, die gern aufs Tempo drücken, können auch auf schlanke, wendige Zweiräder steigen. Alle Exemplare, die in der Regel für rund 150 Kilogramm Last zusätzlich zum Fahrer ausgelegt sind, sollen noch in diesem Monat online unter www.flotte-potsdam.de gebucht werden können. „Wir können die Software der bereits bestehenden Flotte Berlin nutzen“, sagt Erich Benesch. „Dafür sind wir dankbar. Die ist übersichtlich und sehr leicht bedienbar, also warum das Rad zweimal erfinden.“

Die über das gesamte Stadtgebiet verteilten Akteure betreiben das kostenlose „Verleihgeschäft“ sozusagen im Ehrenamt. Die Anschaffung, Pflege und Reparatur der Räder erfolgt entweder in Eigeninitiative wie im Bio-Supermarkt-Markt am Bassinplatz oder über die geförderte Workshop-Arbeit. Deswegen sind die Stationen auch auf Spenden angewiesen. Das soll im Grunde auch so bleiben, geht es den Initiatoren doch darum, dass sich möglichst viele Einzelpersonen und auch Institutionen bewusst für mehr Klimafreundlichkeit im Alltag einsetzen. „Wer ein Rad hat und mitmachen will, ist herzlich willkommen“, sagt Erich Benesch. Trotzdem soll die „Flotte Potsdam“ langfristig auf gesicherter, solider Grundlage rollen und weiter wachsen. Deswegen bewirbt sie sich im Rahmen des aktuellen Bürgerhaushaltes der Stadt um eine geregelte finanzielle Ausstattung, mit der sowohl Personal zur Koordinierung der Arbeit als auch Material für den Bau weiterer Räder und ihre Unterhaltung bezahlt werden kann.

Zum Transport schwerer Lasen gut geeignet

„Wir wollen und brauchen nicht viel, denn wir machen das ja aus Überzeugung und mit viel Eigeninitiative“, sagt Lastenrad-Pionier Erich Benesch, „aber im Prinzip entscheiden die Potsdamer selber darüber, wie konsequent und professionell wir das ausbauen können.“

Dann schwingt er sich auf seinen eigenen zweirädrigen Lastenesel, der heute mit Mischpult, Boxen und allerlei weiteren Mediengerätschaften voll geladen ist. „Ja, man kann auch eine ganze mobile Sendeanstalt bequem auf sein Rad laden“, sagt er mit einem Lachen und macht sich auf zum nächsten Workshop, bei dem es ums Radiomachen gehen wird.