Die Inflation ist laut einer Umfrage gerade die größte Sorge der Menschen in Deutschland. Sie treffe vor allem Paare und Familien mit niedrigen und mittleren Einkommen, heißt es in den Medien. Sie liegt laut dem statistischen Bundesamt aktuell bei 7,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Drei in Berlin lebende Menschen haben uns erzählt, wie sie damit umgehen.

Anastasia, 35. Hausfrau. Kürzlich aus einer 2-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg in eine 4-Zimmer-Wohnung nach Köpenick umgezogen

Bin ich die Einkaufschefin? Mein Mann scherzt, ich sei die Verschwendungschefin. Ich kümmere mich aktuell noch um unsere kleine Tochter (4) und schaue mich langsam nach einer passenden Arbeitsstelle um. Mein Mann ist aktuell also der Alleinverdiener. Trotzdem: Wir sind eine Familie mit einem mittleren Einkommen. Er hat kürzlich sein altes Hybridauto verkauft. Da aber seine Traummodelle alle Benziner sind, zögert er mit dem Kauf, nicht zuletzt wegen der gestiegenen Benzinpreise.

Ich dagegen kaufe für unsere Familie die Lebensmittel ein. Was soll ich sagen? Ich bin sehr unzufrieden damit, wie die Preise speziell für Gemüse gestiegen sind. Das Gemüse gehört zu unserem Einkaufskorb, da wir uns auch gesund ernähren wollen.

Ich kaufe also nie das billigste Produkt, aber auch nicht grundsätzlich nur Bio-Produkte. Ich wähle Gemüse zu einem mittleren Preis, aber es soll auch schmecken. Und jetzt ist es so, dass ich auf manche Lebensmittel öfter verzichte, zum Beispiel auf Tomaten. Die 500-Gramm-Packung, die ich bei Edeka noch im Februar für 2,49 Euro gekauft hatte, kostet jetzt fast 4 Euro. Ich kaufe aber nicht nur für mich, sondern für uns alle ein. Soll ich jetzt also fast 8 Euro nur für die Tomaten ausgeben? Das ist zu teuer. Ob diese Tomaten regional sind oder nicht, spielt keine Rolle, denn die Packung ist die gleiche geblieben. Ich kaufe auch die billigeren Tomaten nicht, weil sie mir nicht schmecken. Ich warte jetzt auf die Saison, vielleicht werden die Tomaten dann etwas günstiger.

Ich frage mich jetzt ernsthaft: Wie schaffen es die Familien, die weniger Geld haben und es sich nicht leisten können, ihre Kinder gesund und vielfältig zu ernähren? Es ist ja nicht nur das Gemüse. Nehmen wir Hähnchenfleisch: Das Brustfilet, das ich bei Edeka oder Kaufland kaufe, kostete im Februar noch 3,40 Euro für 600 Gramm. Jetzt kostet die gleiche Packung fast 6 Euro. Ich brauche aber weitere Lebensmittel, um ein Abendessen zuzubereiten. Ich schaue noch nicht auf die reduzierten Preise. Einmal habe ich mir solch einen reduzierten Fisch angeschaut, der nur noch einen Tag lang haltbar war. Aber der hatte solch eine verdächtige Farbe, dass ich ihn lieber nicht gekauft habe.

Aber ich kann mich nicht in die Lage aller versetzen, denn letztendlich muss ich die Familie versorgen, aus unserer Tasche.

Anastasia aus Köpenick

Haushaltswaren kaufe ich allerdings nicht täglich. Ich merke nur, dass mein durchschnittlicher dm-Rechnungsbeleg für die gleichen Waren viel höher geworden ist.

Was ich jedoch sagen will: Ich kann wirklich, wirklich verstehen, dass man mit Sanktionen auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine reagiert. Aber ich kann mich nicht in die Lage aller versetzen, denn letztendlich muss ich meine Familie aus der eigenen Tasche versorgen. Ich hoffe, die Regierung wird die Preise aus der Verbraucherperspektive kontrollieren. Wie können wir unsere Kinder sonst gesund ernähren, ihnen gesunde Ernährungsgewohnheiten beibringen?

Tim, 33. Student, Korrektor und Übersetzer ins Russische. Lebt in einer 1-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg

Ich mache noch meinen Bachelor und bin aufgrund der EU-Sanktionen gegen Russland arbeitslos. Ich lebe dank staatlicher Unterstützung gerade mal über dem Existenzminimum, zahle die Hälfte meines Einkommens für die Miete. Wegen der Inflation achte ich schon besonders darauf, dass ich Lebensmittel kaufe, die vielleicht schon heruntergesetzt sind, vor allem Butter und Milchprodukte. Bei Käse spüre ich die Preissteigerungen und auch bei Obst und Gemüse oder Kaffee. Selbst die Nudeln sind teurer geworden, wer hätte das gedacht. Im Discounter um die Ecke kosteten die billigsten Nudeln noch weniger als einen Euro, jetzt ist der Preis bei 1,30 Euro gelandet. Ich kaufe bei Lidl oder seltener auch bei Rewe.

Ich erwarte jetzt allerdings, dass die Heizkosten meiner Wohnung steigen werden. Die Hausverwaltung hatte schon Anfang März angeboten, die Nebenkostenabrechnung für die Warmmiete präventiv zu erhöhen, damit die Mieter nicht eine Nebenkostenabrechnung mit Nachzahlungsforderungen erwartet. Ich habe zugesagt, weil ich früher durch höhere Nebenkostenzahlungen am Ende fast eine ganze Monatsmiete durch eine Extra-Abrechnung zurückerhalten habe. Ob ich sie dieses Jahr auch noch kriege?

Aus dem Privatarchiv
Tim

Ich habe kein Auto und fahre vor allem Rad. Die gestiegenen Benzinpreise betreffen mich daher nicht, meine Familie aber schon. Mein Vater hatte überlegt, mit dem Auto nach Berlin zu kommen. Bei den Spritpreisen erwägt er aber, auf den Zug umzusteigen. Er mag Zugfahren eigentlich nicht, aber vielleicht nimmt er das Neun-Euro-Ticket?

Das Problem bei der Inflation ist ja, dass die Löhne dabei nicht steigen. Die DKP, wo ich Mitglied bin, fordert mit der Kampagne „Energiepreise stoppen!“, dass nicht nur die Energiekonzerne in die öffentliche Hand gehen, sondern auch dass Menschen mit geringem Einkommen vom Staat unterstützt werden, damit sie später nicht frieren müssen oder Stromsperren bekommen. Diese 300-Euro-Energiepauschale der Bundesregierung ist doch ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie hilft nicht den Hartz-  IV-Empfängern und nicht den Menschen, die aus verschiedenen Gründen unter dem Existenzminimum leben.

Ich frage mich, ob die Bundesregierung damit rechnet, dass wir frieren müssen.

Tim aus Kreuzberg

Daher habe ich eine sehr radikale Position. Die Bundesregierung hat Mitschuld an den Verhältnissen, die zum Ukraine-Krieg geführt haben, auch weil sie nicht genug Druck auf Kiew wegen des Minsker Abkommens ausgeübt hatte. Was wir jetzt mit der Inflation haben, ist nicht eine Frage der Sanktionen. Ich frage mich, ob die Bundesregierung nicht damit gerechnet hat, dass wir frieren müssen. Solange die Bundesregierung nicht versucht, den Frieden zwischen der Ukraine und Russland zu vermitteln, wird das deutsche Volk weiter dafür bezahlen.

Eine gemäßigtere Position von mir ist: Wenn die Bundesregierung schon all die Sanktionen machen muss, dann ist es nicht die Aufgabe der Unterschicht in Deutschland, dafür zu leiden. Wir haben in der Pandemie gesehen, dass Konzerne mit Steuergeldern unterstützt wurden. Wir sehen jetzt, dass 100 Milliarden Euro für die Aufrüstung vorhanden sind. Dass jahrelang kein Geld für die Gesundheit, Bildung und Kultur da war, ist also eine Frage der Prioritäten. Also muss die Unterstützung der Unterschicht auch eine echte Priorität der Bundesregierung werden.

Uwe, 81. Rentner, lebt mit seiner Frau in Köpenick

Ich bin Rentner, das sagt schon vieles. Ich kann eigentlich kaum noch laufen, weil ich einen kaputten Fuß habe. Aber ich kann unendlich viel Fahrradfahren, und dafür ist Köpenick mit dem Müggelsee am besten geeignet. Ich und meine Frau besitzen hier ein kleines Einfamilienhaus, ich muss also keine Miete bezahlen. Ich habe eine Rente von mehr als 1000 Euro. Meine Frau hat weniger als 1000 Euro, weil sie nicht ständig gearbeitet hat, aber es reicht uns schon zum Leben.

Meine Frau kauft bei Edeka ein, und sie klagt schon über die hohen Preise für die Tomaten, Apfelsinen, Milch, Käse. Aber wir beschränken uns noch nicht merklich, denn wir haben keine großen Bedürfnisse mehr. Ich fahre auch kaum Auto. Was ich zu essen brauche, kann ich mir kaufen.

Aus dem Privatarchiv
Uwe

Ich weiß natürlich, dass die Energiepreise steigen, und das macht mir riesige Sorgen. Das wird noch wohl ins Uferlose gehen, wenn Russland oder unsere Bundesregierung die Öl- und Gaslieferungen stark reduzieren oder komplett einstellen werden. Ich habe in unserem Haus bereits vor, die Heizung zu drosseln, die Warmwasseraufbereitung weitestgehend auszuschalten und stattdessen meinen Kaminofen mit etwas Holz anschmeißen. Solche Überlegungen muss man sich in dieser Zeit leider machen.

Ich habe eine große Sorge, dass die soziale Spannung in Deutschland sich zuspitzen wird.

Uwe aus Köpenick

Die Gutverdiener und der gute Mittelstand werden das schon verkraften. Aber es wird ganz, ganz schwer und bitter für die große Zahl von Hartz-IV-Empfängern und Leuten mit einer geringen Rente werden, die an die Tafel gehen müssen, um sich einigermaßen das Leben zu sichern. Die meisten von meinen Bekannten haben allerdings lange gearbeitet und müssen sich jetzt nicht jeden Bissen vom Munde absparen. Aber ich kenne da schon ein paar dramatische Fälle auch in meinem Bekanntenkreis. Und meine große Sorge ist es, dass die soziale Spaltung in Deutschland sich extrem verschärfen und zuspitzen wird.

Ich wünschte mir an der Stelle allerdings eine völlig andere Politik. Ich habe zwar keine DDR-Nostalgie, aber ich habe schon meine Fragen an die Bundesregierung. Ich wünschte mir, dass sie den Krieg in der Ukraine nicht mit noch mehr Waffen und Sanktionen fördern würde. Zugleich sehe ich keinerlei Lichtblick, dass sich durch die gegenwärtige Politik hier irgendetwas ändern wird. Ich bin da Realist genug, um zu sagen, dass irgendwelche 300-Euro-Zuschüsse nie ausreichen werden, um das Leid der Ärmeren merklich abzufedern. Das sind Trostpflaster, die gut und richtig sind, aber sie lösen natürlich keines der bevorstehenden Probleme.