Blick auf Stoerrmthaler See und das Kohle Kraftwerk Lippendorf suedlich von Leipzig.
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Die Corona-Krise hat nach Einschätzung des Dresdner Ifo-Instituts im ersten Halbjahr zu einem Konjunktureinbruch in Ostdeutschland geführt. Demnach sinkt das Bruttoinlandsprodukt im Osten laut Prognose in diesem Jahr um 5,9 Prozent, sagte der Ökonom und stellvertretende Institutsleiter Joachim Ragnitz am Donnerstag. In Sachsen könnte die Wirtschaftsleistung wegen des größeren Industrieanteils sogar um 6,4 Prozent zurückgehen. Bundesweit rechnet das Ifo-Institut beim Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr mit einem Minus von 6,7 Prozent. Ragnitz sagte der Berliner Zeitung, er sehe im Osten „eine größere Insolvenzgefährdung als im Westen, da die Wirtschaft von vielen kleinen Unternehmen mit einer eher schwachen Finanzbasis geprägt“ sei. Dies belege auch eine Umfrage zur Existenzgefährdung, die das Ifo-Institut durchgeführt hat. Da die Erwerbstätigkeit im Jahr 2010 nur gering steigen werde – um 0,3 Prozent – sieht Ragnitz auch Auswirkungen auf die Arbeitslosigkeit. „Diese dürfte im Osten ansteigen.“

Besondere Probleme sieht Ragnitz auch für die vom Kohle-Ausstieg betroffenen Regionen in Sachsen und Brandenburg. Die „mittelfristige Perspektive“ zeige, dass es eine Belastung der Wirtschaft geben werde. Zwar werde der Kohleausstieg mit massiven öffentlichen Mitteln unterstützt. Es sei aber „fraglich, ob das alles so greift“.

Die Corona-Pandemie und die Maßnahmen zur Eindämmung hätten die deutsche Wirtschaft in die „tiefste Rezession der Nachkriegsgeschichte“ gestürzt, so Ragnitz. Betroffen seien alle Regionen Deutschlands. Dass die Wirtschaftsleistung im Osten etwas weniger einbricht als im Westen hat nach Einschätzung des Ökonomen vor allem mit der Struktur zu tun. Die ostdeutsche Wirtschaft ist demnach kleinteiliger und weniger geprägt von großen Industriebetrieben.

In Berlin, das vom Ifo-Institut zu Ostdeutschland gezählt wird, sei die Lage „generell etwas besser“ als für die anderen Regionen. Ragnitz: „Zwar haben wir in Berlin die Kreativwirtschaft und den Tourismus, die beide abschmieren. Aber der öffentliche Sektor, der in Berlin sehr stark ist, gleicht das aus.

Die Industrie zählt laut Ifo-Institut zu den am stärksten von der Corona-Krise betroffenen Bereichen. In der jüngsten Konjunkturumfrage schätzen rund 27 Prozent der Betriebe in Sachsen die Situation als existenzbedrohend ein – in Ostdeutschland waren es 21,5 Prozent. Die Industrie leide unter deutlichen Produktionsausfällen, vor allem wegen der zeitweisen Störung von Lieferketten, so Ragnitz. Neben dem verarbeitenden Gewerbe sind vor allem Dienstleister wie Handel und Gastgewerbe von der Krise betroffen.

Das bekommen auch die Arbeitnehmer zu spüren: Das Wirtschaftsinstitut rechnet damit, dass die Zahl der Erwerbstätigen im Osten in diesem Jahr um 80.700 – minus ein Prozent – zurückgeht. Auch im nächsten Jahr geht die Zahl laut Prognose nur wieder leicht nach oben (0,3 Prozent). Zwar wirke derzeit das Instrument der Kurzarbeit, so Ragnitz. Die Frage sei aber, ob der Arbeitsplatz nicht dennoch irgendwann verloren geht.

Wegen der Veränderung der Regelungen der Insolvenzantragspflicht sind im April weniger Firmen in Deutschland in die Pleite gerutscht als ein Jahr zuvor. Insgesamt 1465 Fälle meldeten die Amtsgerichte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes vom Donnerstag. Das waren 13,3 Prozent weniger als im gleichen Vorjahresmonat. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten durch die Pandemie spiegeln sich somit bislang nicht in den Daten wider, folgern die Statistiker. Zudem kann die Bearbeitung von Anträgen bei den zuständigen Gerichten derzeit länger dauern, weil auch dort der Betrieb nur eingeschränkt läuft. Trotz der geringeren Pleitezahlen stiegen bei der Bundesagentur für Arbeit die Ausgaben für die von den Insolvenzen betroffenen Arbeitnehmer. Für das Insolvenzgeld wurden nach älteren Angaben im ersten Halbjahr 492 Millionen Euro aufgewendet. Das waren 3,6 Prozent mehr als im Haushalt angesetzt.

Die Ifo-Ökonomen gehen davon aus, dass sich im zweiten Halbjahr auch die Wirtschaft in Ostdeutschland langsam erholt. Die Ökonomen prognostizieren für das nächste Jahr in Sachsen eine Steigerung des Bruttoinlandsprodukts um 6,3 Prozent, im gesamten Osten um 5,8 Prozent.

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