Ob auf dem eigenen YouTube-Kanal oder im Wirtschaftsbriefing bei „Jung & Naiv“: Der Ökonom Maurice Höfgen klärt auf, kritisiert und polarisiert, wenn es um die Inflation oder Geldpolitik geht. Wir haben mir ihm über die akutesten Probleme unserer Zeit gesprochen.

Herr Höfgen, Sie fallen als Youtuber und Wirtschaftsanalyst positiv auf. Früher waren Sie für Fabio De Masi (Linksfraktion) im Bundestag tätig. Was sind Ihre Aufgaben im Bundestag heute?
Heute arbeite ich im Bundestag für den Abgeordneten und ehemaligen Finanzminister Brandenburgs, Christian Görke, ebenfalls von der Linksfraktion. Aber das ist nur eine von vielen Tätigkeiten. Daneben bin ich Autor und betreibe den Youtube-Kanal „Geld für die Welt“.

Sie haben das Buch „Mythos Geldknappheit“ geschrieben. Tut die Inflation gerade den deutschen Staatsschulden gut? Wenn die Inflationsrate höher ist als der Zins, zu dem sich der Staat Geld geliehen hat, schmelzen ja die Schulden, und man kann mehr neue Schulden machen. 
Nein. Und Finanzminister Lindner (FDP) versucht ja das Gegenteil. Er will zurück zur Schuldenbremse und sieht darin seinen Beitrag, die Inflation zu bekämpfen. Das halte ich für falsch, denn wir haben die hohe Inflationsrate, weil wir vor allem viel für Öl und Gas bezahlen müssen, weil China einen Lockdown hat und die Lieferketten gebrochen sind, nicht wegen zu vieler Schulden. Also: Wir haben kein Nachfrage-, sondern ein Angebotsproblem.

Im originären Sinne ist das noch nicht mal Inflation. Denn Ökonomen meinen mit Inflation eigentlich einen sich selbst verstärkenden Effekt zwischen Löhnen und Preisen. Also wenn die Gewerkschaften sehr hohe Löhne verhandeln und die Firmen als Folge ihre Preise erhöhen, um ihre Gewinne wieder zu stabilisieren. Die Gewerkschaften legen dann wieder nach und man landet in der sogenannten Lohn-Preis-Spirale. Wir haben aber bisher kaum Lohnwachstum und deswegen auch keine Lohn-Preis-Spirale. Was wir haben, ist ein Energiepreisschock – auch wegen Putins schrecklichen Krieges.

Sie schrieben auf Instagram: „Wir haben heute acht Prozent Inflationsrate, weil wir in der Vergangenheit zu wenig Schulden gemacht haben, nicht zu viel.“ Was wollen Sie damit sagen?
Das war natürlich provokativ. Was ich meine: Gegen teures Öl hilft nicht, wenn wir in Deutschland mit Sparpolitik die Wirtschaft abwürgen und uns in eine Rezession stürzen. Es würde helfen, wenn wir unabhängiger wären von russischem oder saudi-arabischem Öl, indem wir bei erneuerbaren Energien, bei der Energieeffizienz und bei der Verkehrswende schon weiter wären. Dafür hätten wir in der Vergangenheit mehr Geld ausgeben, mehr Schulden machen müssen.

Was macht die Bundesregierung aus Ihrer Sicht grundsätzlich falsch bei der Bekämpfung des Preisschocks? Nehmen wir beispielweise den Tankrabatt und Finanzminister Lindner. 
Die Ampel macht mit über 30 Milliarden Euro an Entlastungen schon relativ viel – auch wenn das längst nicht ausreicht. Der Tankrabatt macht davon nur drei Milliarden Euro aus, erhitzt die Gemüter aber, als wäre er die einzige Maßnahme. Die Debatte über den Tankrabatt ist kompliziert. Man kann nicht den Tankstellenpreis heute mit dem von vor zwei Wochen oder vor sechs Wochen vergleichen, um zu folgern, dass die Ölkonzerne alles selbst einsacken und beim Pendler nichts ankommt. In der Zwischenzeit sind sowohl der Preis für Rohöl, als auch der Preis für das Benzin auf der Rotterdamer Börse kräftig gestiegen. Beides rechtfertigt erst einmal höhere Preise an der Zapfsäule – unabhängig vom Tankrabatt.

Auch das Ifo-Institut hat die Entwicklung der deutschen Benzinpreise mit denjenigen der französischen Benzinpreise über die letzten Wochen verglichen. Die Daten zeigen: Der Rabatt hat den deutschen Benzinpreis im Vergleich zum französischen um knapp 30 Cent gesenkt. Ein Großteil kommt also bei den Pendlern an. Ohne Rabatt wäre Benzin heute teurer. Einen kleinen Teil streichen Raffinerien wohl ein.

Grundsätzlich ist der Tankrabatt aber eine vernünftige Idee gegen den Preisschock. Auch der Vorwurf, dass er ökologisch und klimapolitisch falsch sei, ist Quatsch. Denn der Effekt, dass der Spritpreis für drei Monate bei 2 Euro statt 2,30 Euro liegt, entscheidet nicht darüber, ob wir den Klimaschutz hinbekommen oder nicht. Wer im Alltag auf das Auto angewiesen ist, lässt ja nicht das Auto stehen, sondern kürzt Ausgaben woanders. Im Gegenteil: Mondpreise an der Tankstelle verspielen Akzeptanz für wirklichen Klimaschutz.

Da haben Sie den DIW-Chef Marcel Fratzscher als einen wichtigen Opponenten. Der sagte neulich, dass der Rabatt gescheitert sei und man die drei Milliarden nicht weiter den Mineralölkonzernen schenken müsse. 
Der geschätzte Herr Fratzscher argumentiert hier polemisch und gegen die eben genannte Datenlage. Den Tankrabatt jetzt zu stoppen, wäre politisch und ökonomisch fatal. Dann würden die Preise an den Tankstellen wieder nach oben schießen.

Sie sind doch links. Sind die Ölkonzerne keine Gewinner? Aral und Shell offenbaren die Preisentwicklung nicht – „aus kartellrechtlichen Gründen“. Es heißt auch: Ein Liter Benzin soll um 35 Cent günstiger werden – aber was ist bitte die Vergleichsbasis? 
Das ist die entscheidende Frage. Das müsste das Bundeskartellamt mit der Sektoruntersuchung herausfinden. Denn wir können nur mutmaßen, wie die Lieferketten sind, wenn wir auf die Einkaufspreise auf dem Großhandelsmarkt gucken. Aber natürlich ist es grundsätzlich so, dass mächtige Mineralölkonzerne die Krise für gute Geschäfte genutzt und auch Übergewinne gemacht haben. Aber sie haben die schon vor dem Tankrabatt gemacht, weil sie in der Lage sind, langfristig günstiger einzukaufen und bei Unsicherheit am Markt extreme Margen zu verlangen. Dafür gibt es zum Beispiel die Übergewinnsteuer als Maßnahme. Auch ein Kartelleingriff wäre sinnvoll. Den Tankrabatt jetzt auf Kosten der Verbraucher zu stoppen, halte ich aber für unpragmatisch.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke fürchtet, dass ein Liter Benzin bald über 3 Euro kosten wird, wenn Deutschland komplett auf das russische Öl verzichtet. Hat er dafür Belege? 
Es ist nicht sichergestellt, wie die Ölraffinerie in Schwedt in Brandenburg weiterarbeiten kann und zwar zu vernünftigen Preisen. Wenn das nicht der Fall ist, wird die Versorgung in Ostdeutschland in Gefahr sein. Putin lacht sich kaputt, weil er das Öl woanders hin verkauft. Aber Ostdeutschland hat dann ein großes Problem. Das komplette Ölembargo ist also keine clevere Sanktion. Sanktionen sollten so sein, dass sie Putin möglichst viel und uns möglichst wenig schaden. Nicht andersherum. Und beim Gas wäre es noch schlimmer.

Wenn es klar wäre, dass Putin seine Panzer durch unseren kompletten Verzicht auf das russische Öl und Gas nicht mehr finanzieren könnte, wäre die Entscheidung einfach. Denn wir haben natürlich eine moralische Verpflichtung, solidarisch mit der Ukraine zu sein. Aber es ist nicht der Fall. Putin finanziert seinen Krieg in Rubel und nicht in Euro. Und da wir extrem abhängig sind von russischem Gas und in Ostdeutschland auch von russischem Öl, wären die kompletten Embargos extrem teuer für uns, hätten aber keinen klaren Nutzen für den Kriegsverlauf. Solidarität ja, aber nicht blind.

Sie bezeichnen sich als einen Vertreter der Modern Monetary Theory (MMT), also der modernen Geldtheorie. Was ist das? 
Die MMT ist eine ökonomische Denkschule, die unser gegenwärtiges Geldsystem beschreibt: Woher der Staat und die Banken das Geld bekommen und wie sie es ausgeben. Geld entsteht immer aus dem Nichts. Wenn ein Staat seine eigene Währung hat, kann ihm die eigene Währung nicht ausgehen. Geld ist also nicht knapp, Arbeitskräfte und Rohstoffe hingegen schon. Die können uns ausgehen! Das bedeutet, dass der Staat viel mehr ausgeben kann, als wir bisher annehmen. Ex-Finanzminister Wolfgang Schäuble oder Christian Lindner fragen permanent: Wo kriegen wir das Geld her? Das ist die falsche Frage. Die richtige Frage wäre: Haben wir genug Handwerker und kriegen wir genug Ressourcen?

Hat die MMT auch was mit modernen Währungen wie dem Bitcoin zu tun, der gerade so dramatisch abgestürzt ist? 
Der Bitcoin ist aus meiner Sicht keine Währung, sondern eine Ware. Und es ist ein Spekulationsobjekt, wie wir gerade sehen. Die Preisschwankungen beim Bitcoin sind viel größer als bei den Aktien. Die Kryptowährungen werden nie staatliche Währungen ersetzen, denn Steuerzahler können die Steuern eben nicht mit Bitcoin begleichen.

Ein Kollege von mir hat nach dem neuesten Absturz verstärkt in Bitcoin investiert. Sollte er nicht weitermachen? 
Wer am Jahresbeginn beim Bitcoin eingestiegen ist, hat jetzt einen Kursverlust von rund 50 Prozent. Die Erzählung von Wirtschaftsliberalen, dass Bitcoin als Schutz vor Inflation gelte, ist irreführend.

Der Bitcoin kann nur steigen, wenn immer mehr Leute von außen in den Markt rein wollen. Warum aber sollten Leute in Zukunft den Bitcoin halten? Der wird nicht staatlich durchgesetzt. Er bringt auch keine Zinsen. Deswegen kann der Bitcoin theoretisch auf null fallen. Es gibt nicht viel, was ihn stabilisiert, außer einem ideologischen Fanclub, der glaubt, im Bitcoin eine Befreiung von der bösen staatlichen Währung gefunden zu haben.

Eigentlich ist der Bitcoin nur ein feuchter Spekulantentraum, der auch morgen platzen kann. Ich halte ihn nicht für ein seriöses Anlageobjekt, und ich sehe es kritisch, wenn Crash-Propheten wie Marc Friedrich den Leuten teilweise mit Fake News einreden, in Bitcoin zu investieren, weil das staatliche Geld angeblich vor dem Ende stehe. Ein unredliches Geschäftsmodell.

Der große Crash wird also nicht kommen. Aber vielleicht ein noch größerer Preisschock im Herbst, wenn das 9-Euro-Ticket und der Tankrabatt nicht mehr da sind? Haben Sie eigene Horrorszenarien? 
Nein. Es kann schon sein, dass die Preise weiter steigen, vor allem wenn der Krieg weitergeht oder sich die Corona-Pandemie wieder zuspitzt. Dann braucht es weitere Entlastungspakete für die Verbraucher. Aber unser Finanzsystem steht nicht unmittelbar vor einem Zusammenbruch.

Aber gerade für viele ärmere Menschen ist der Preisschock schon eine Katastrophe. Was sollte die Bundesregierung an der Stelle besser tun?
Die Ampel sollte die Energiepreispauschale verdoppeln und auch Rentner und Studenten einbeziehen. 300 brutto sind zu wenig. Man sollte das 9-Euro-Ticket bis zum Jahresende verlängern und die Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel aussetzen, denn der Preisschock ist längst in den Supermarktregalen angekommen.

Und dafür kann man ruhig weitere Schulden machen?
Dafür kann man ruhig weitere Schulden machen. Die Schuldenbremse ist dieses Jahr noch ausgesetzt. Das zweite Entlastungspaket läuft im Ergänzungshaushalt schon an der Schuldenbremse vorbei. Man sollte die Aussetzung der Schuldenbremse nutzen. Jetzt gilt: klotzen, nicht kleckern.

Vielen Dank für das Gespräch.