Putin soll für Klimaschäden von Krieg in der Ukraine zahlen 

Erstmals werden in der Ukraine die Klimaschäden eines Krieges gemessen. Kiew verlangt, dass Russland für die ökologische Zerstörung Reparationen zahlt.

Dieses vom Pressedienst des russischen Verteidigungsministeriums veröffentlichte Foto zeigt einen russischen Soldaten, der an einem Kampftraining auf einem belarussischen Schießplatz teilnimmt. 
Dieses vom Pressedienst des russischen Verteidigungsministeriums veröffentlichte Foto zeigt einen russischen Soldaten, der an einem Kampftraining auf einem belarussischen Schießplatz teilnimmt. Foto: Uncredited/Russian Defense Ministry Press Service/AP/dpa

Lennard de Klerk träumte bis vor kurzem von einer besseren Welt. Er glaubte daran, dass die Menschen das Klima retten können. Sie müssten sich nur richtig verhalten. Viele kleine Schritte, die zusammen eine große Wirkung haben. Beim Bau seiner ökologischen Ferienanlage im ungarischen Irota haben er und sein Ehemann an alles gedacht: ökologischer Fußabdruck, Nähe zum Nationalpark, Naturpool, Holzheizung. Hunde sind willkommen, ohne zusätzliche Gebühr. Es gibt eine Ladestation für das Elektroauto. Doch plötzlich wurde der gebürtige Niederländer aus seinem Traum vom Guten als dem Machbaren gerissen: Russland marschierte in der Ukraine ein. Nur wenige Autostunden von der grünen Idylle entfernt tobte plötzlich ein realer Krieg. De Klerk, der an der Berliner TU Elektrotechnik studiert hatte und später als Entwickler von Klima- und Energieprojekten in der Schwerindustrie in Bulgarien, der Ukraine und Russland arbeitete, wusste sofort: Dieser Krieg ist auch verheerend für das Klima. Er sagt der Berliner Zeitung: „Der CO2-Ausstoß der sieben Kriegsmonate war so hoch wie der Ausstoß der gesamten Niederlande. Man kann also sagen, es ist ein ganzes Land mit seinen Emissionen dazugekommen.“ 

De Klerk wollte nicht einfach zusehen. Er begab sich in die Dienste der ukrainischen Regierung und erstellte mit der „Initiative on GHG Accounting of War“ eine Studie über die ökologischen Schäden des Kriegs und präsentierte sie kürzlich auf dem Klimagipfel in Ägypten. Es ist die erste Untersuchung dieser Art, er habe sie ehrenamtlich gemacht, sagte de Klerk. Das Ergebnis ist ernüchternd: Der Krieg hat bisher 100 Millionen Tonnen an zusätzlichem CO2 freigesetzt. Berechnet werden unter anderem die höheren Emissionen für den Wiederaufbau, die Kampfhandlungen, die Schäden an der Infrastruktur und die Folgen der Vertreibung von Millionen Menschen. Die Studie, an der auch ukrainische Experten mitgearbeitet haben, kommt zu dem Ergebnis, dass den größten Schaden die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines verursacht habe. Wegen des Austritts von Methangas habe die Sprengung dem Klima zweimal soviel geschadet wie die reinen Kampfhandlungen.

Die Folgen von Kriegen und militärischen Aktivitäten für das Klima werden erst seit einigen Jahren gründlicher unter die Lupe genommen. Stuart Parkinson von den im britischen Lancaster ansässigen „Scientists for Global Responsibility“ ist einer der Pioniere auf diesem Gebiet. Er sagt dieser Zeitung, das Problem sei auch in der Vergangenheit gewaltig gewesen: „Der Einsatz von Agent Orange in Vietnam hat den Ausstoß von 300 Millionen Tonnen CO2 verursacht, durch die Bombardierung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg wurden bis zu 250 Millionen Tonnen CO2 freigesetzt.“ Parkinson hat gemeinsam mit Kollegen eine aktuelle Studie vorgelegt, die von Nature publiziert wurde und deren Ergebnisse auf der Klimakonferenz in Scharm El-Scheich diskutiert wurden. Das Ergebnis: Die Streitkräfte der Welt hinterlassen einen massiven CO2-Fußabdruck, der in allen globalen Berechnungen fehlt.

Der Ausstoß aller militärischen Aktivitäten in der Welt macht etwa fünf Prozent der globalen Emissionen aus. Das ist etwa gleich viel wie die gesamte zivile Schifffahrt oder die Luftfahrt. Doch während „Flugscham“ fast schon ein Volkssport ist, ist von „Kriegsscham“ noch wenig zu hören. Parkinson sagt, dass die Folgen der Klimabeeinflussung durch Kriegshandlungen gravierend seien und es mitunter 100 Jahre dauern könne, bis das Gleichgewicht wiederhergestellt sei: „Wir beobachten neben den Emissionen zahlreiche direkte ökologische Konsequenzen von Kriegen: Zerstörung von Ackerland, der Biodiversität, Überflutungen, Waldbrände.“ Immerhin: Die britische Regierung will Transparenz schaffen und hat die Studie mitfinanziert. Der deutsch-englische Forscher Oliver Heidrich von der Universität Newcastle sagt dieser Zeitung: „Unser Forschungsprojekt wird teilweise von der britischen Regierung finanziert, um ihr zu helfen, die Klimabilanz der Streitkräfte zu verbessern.“

„Die britischen Streitkräfte und die Bundeswehr nehmen das Thema sehr ernst“

Heidrich, eigentlich ein Umweltingenieur, hat durch Zufall über den Zusammenhang von Militär und Klima zu forschen begonnen: „Ich selbst bin über meinen Schwager auf das Thema gestoßen. Er arbeitet bei der Bundeswehr. Als ich einmal meine Schwester besuchte, lag so ein Bundeswehr-Magazin auf dem Tisch. Mein Schwager hat mit Panzern zu tun. Ich habe ihn gefragt, wie viel Emissionen so ein Ding ausstößt. Er wusste es nicht. Dann habe ich zu rechnen begonnen, wie viel Panzer es gibt und so weiter.“ Dass ein Umdenken nicht schnell geht, weiß Heidrich. Er habe über 20 Jahre gebraucht, bis sein Vater gesagte habe, „ja, es gibt einen Klimawandel“. Die Skepsis war auch bei den großen Unternehmen anfangs groß, „und plötzlich mussten es alle machen“, sagt Heidrich. „Die britischen Streitkräfte und die Bundeswehr nehmen das Thema sehr ernst.“ Und auch die amerikanische Regierung habe begonnen, Daten zu erheben, es gäbe „ein Partnerprojekt mit der U.S. Air Force“, sagt Heidrich. Die Nato hat sogar eine eigene Task-Force für den Klimawandel ins Leben gerufen, um die Emissionen zu senken, doch die sei durch „den Ukraine-Konflikt etwas in den Hintergrund geraten“.

Es gibt allerdings Faktoren, die Verantwortlichkeiten verwischen. Stuart Parkinson: „Wir stellen einen vermehrten Einsatz von privaten Unternehmen bei Militäreinsätzen fest. Daher sind die offiziellen Zahlen nur wenig aussagekräftig.“ Er gibt sich keiner Illusion hin: „Blackwater aus den USA oder die russischen Wagner-Söldner melden uns keine CO2-Werte.“ Die Belastung für das Klima hängt außerdem stark davon ab, wie viele Kriege gerade geführt werden. „Nach dem Ende des Kalten Krieges, also in den 1990er-Jahren, haben wir einen Rückgang der Emissionen durch das Militär gesehen. Seit 2001 steigen die Werte wieder an“, sagt Parkinson. Und: „Die Abwesenheit von Krieg wäre das Beste für das Klima.“ Lennard de Klerk sagt, dass die Lage aktuell unerfreulich sei: „Es wird wegen des Krieges mehr ins Militärische investiert. Das ist zwar verständlich, weil es um Selbstverteidigung geht. Aber es ist eine schlechte Nachricht für das Klima.“

Allein der Kerosinverbrauch des amerikanischen Militärs verursacht jedes Jahr Emissionen in Höhe von sechs Millionen Pkw

Doch auch ohne Kriegsgeschehen sind Armeen und Militäreinrichtungen wahre Klimakiller: Wenn sie eine Nation wären, hätten die Streitkräfte der USA die höchsten Pro-Kopf-Emissionen der Welt, befindet die Nature-Studie. Für jeweils hundert geflogene Seemeilen stößt ein F-35-Kampfjet der U.S. Air Force so viel CO2 aus wie ein durchschnittliches britisches Benzinauto, das ein Jahr lang gefahren wird. Allein der Kerosinverbrauch des amerikanischen Militärs verursacht jedes Jahr Emissionen in Höhe von sechs Millionen Pkw. Die Forschungen dürften laut Aussage der Autoren im übrigen noch nicht einmal die ganze Wahrheit enthalten. Die Klimabilanz vieler Militärstandorte und Stützpunkte ist in der Regel schwer zu erfassen. Der Grund laut Oliver Heidrich: „Die Regierungen verwenden die nationale Sicherheit als Entschuldigung, um nicht für Transparenz sorgen zu müssen. Sie sagen: Wir können das nicht veröffentlichen, unsere Mitbewerber würden sich die Hände reiben.“

Während schon Gedanken gesponnen werden, wie die Klimabilanz künftig jedes einzelnen Individuums oder jeder einzelnen Familie zu einem System von Belohnung und Bestrafung werden könnte, laufen die militärischen Aktivitäten „außer Konkurrenz“. Die Studie dazu: „Während der Verhandlungen über das Kyoto-Protokoll 1997 haben sich Delegierte der USA aus Gründen der nationalen Sicherheit dafür eingesetzt, das Militär von der Meldepflicht für Treibhausgase auszunehmen.“ Der Ansatz habe sich gehalten, obwohl es längst Methoden gäbe, „um Emissionen entlang globaler Lieferketten zu zählen, ohne die Rechte an geistigem Eigentum zu gefährden oder sensible Informationen offenzulegen“.

Die UN-Gremien scheinen in der Thematik einen Konflikt zu scheuen. Die Autoren der Nature-Studie schreiben: „Warum schweigen die Berichte des Weltklimarats (IPCC) und der Klimagipfel der Vereinten Nationen über militärische Emissionen?“ Hans-Otto Pörtner, deutscher Ko-Vorsitzender der hochrangigen IPCC-„Working Group“ und Wissenschaftler am Helmholtz-Institut in Bremerhaven, reagierte nicht auf eine Anfrage der Berliner Zeitung. Oliver Heidrich hält die Ausblendung der Auswirkungen von Krieg und Militäraktivitäten auf den Klimawandel für einen gravierenden Fehler. Es gehe um die Korrektheit der Berechnungen: Wenn nämlich wesentliche Verursacher von Emissionen nicht berücksichtig werden, werden die apokalyptischen Szenarien wahrscheinlicher – auch wenn Millionen Menschen vom Auto aufs Fahrrad umstiegen oder ihr Wohnungen aus Solidarität mit der Menschheit nur noch stundenweise heizten. Oliver Heidrich sagt, die Klimaziele könnten nur erreicht werden, wenn die Berechnung stimmt: „Wir haben keine Berechnungsmethoden. Das geht nicht, denn wenn man etwas nicht messen kann, dann kann man es auch nicht managen.“

Stuart Parkinson sagt, ein Umdenken sei unerlässlich – wenn auch nicht einfach. Denn es gibt ein Paradox: „Wenn wir Panzer, Schiffe und Flugzeuge in Bezug auf den CO2-Ausstoß effizienter machen würden, würden die Systeme vermutlich mehr eingesetzt werden“, sagt er. In diesem Fall würde mehr Ökologie dem Weltfrieden schaden. Parkinson hofft auf verstärkten öffentlichen Druck, der auch von den Finanzmärkten kommen sollte. Es sollte verbindliche Regeln geben, ohne die in bestimmte Unternehmen nicht investiert werden dürfe. Dies ist im Hinblick auf fossile Energieträger im zivilen Bereich bereits vor einigen Jahren geschehen: Investments in Öl, Kohle und Gas wurden als potentiell wertlose Assets eingestuft. Solche Entscheidungen zeigen Wirkung. Parkinson: „Wenn die Börsenkurse runtergehen, weil sich die Unternehmen nicht an die Regeln halten, dann wird sich etwas ändern.“ Der Abschied von fossilen Energieträgern würde die Welt auch im Großen friedlicher machen, weil fossile Energie und Militär eng zusammenhängen. Parkinson erinnert „an den Nahen Osten und die vielen Kriege, die ums Öl geführt werden“.

Das ist keine Wahnvorstellung von pazifistischen Spinnern

Für den niederländischen Öko-Idealisten Lennard de Klerk hat die Zeitenwende bereits begonnen. Er sieht mit seinen Berechnungen für die Ukraine einen wichtigen Anfang. „Es ist das erste Mal, dass ökologische Schäden in die Berechnung von Kriegsschäden einfließen“, sagt er. Die Berechnungen, die von der Regierung der Ukraine verarbeitet werden, würden konkrete Folgen haben. De Klerk: „Die Ukraine registriert alles, was an Klimaschäden, Verschmutzung und ökologischer Zerstörung geschieht. Nach dem Krieg werden diese Kosten den Reparationszahlungen zugeschlagen, die von Russland verlangt werden.“

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nutzte seine Ansprache an die Staats- und Regierungschefs bei den COP27-Klimagesprächen in Ägypten, um die Schaffung einer Plattform zur Bewertung der Auswirkungen des Krieges auf Klima und Umwelt zu fordern – und sicherzustellen, dass die richtige Partei zur Rechenschaft gezogen wird.

Oliver Heidrich sagt, er habe das Privileg, als Forscher nicht für die Umsetzung von Ideen verantwortlich zu sein. Dennoch ist er überzeugt davon, dass die Rufe nach Verantwortlichkeit der Militärs und ihrer Regierungen für die durch Kriege und Kampfhandlungen verursachten Umweltschäden keine Wahnvorstellung mehr von pazifistischen Spinnern ist. Heidrich: „Das sind nicht nur gutgemeinte Ideen. Es gibt einen strukturierten Prozess bei der Klimakonferenz in Ägypten.“ Dieser werde Folgen haben – wenngleich wohl erst in ferner Zukunft.