Kreditkarte der Wirecard AG.
Foto: obs/Wirecard AG

Die Zahl der Kunden des Zahlungsdienstleisters könnte viel geringer sein als vom Unternehmen offiziell bekanntgegeben. Laut einer Aufstellung, die der Financial Times zugespielt wurde, haben nur 100 Kunden über die Hälfte des Umsatzes ausgemacht. Die FT beruft sich auf eine interne Aufstellung aus dem Unternehmen und folgert aus ihren Erkenntnissen, dass das Unternehmen die Märkte in die Irre geführt habe. Die Zeitung hat das Jahr 2017 untersucht, in dem Wirecard angegeben hat, 33.000 große und 170.000 kleine Kunden mit seinem Zahlungssystem zu versorgen. Die FT schreibt, Wirecard habe seine zahlen auf einfachen Excel-Sheets präsentiert, in denen viele Kunden mehrfach aufgeführt gewesen sein. Insgesamt ergäbe sich, dass das Unternehmen im Jahr 2017 etwa 18 Milliarden Transaktionen statt der offiziell ausgewiesenen 37,9 Milliarden  gemacht haben soll. Dementsprechend habe der Umsatz 292 Millionen Euro statt wie gemeldet 616 Millionen Euro ausgemacht. Die 200 größten Kunden hätten demnach 193 Millionen Euro Umsatz eingebracht, etwa zwei Drittel des Gesamtumsatzes. Unter den Kunden befinden sich luat FT einige fragwürdige Online-Wettbüros sowie der Broker Rodeler and Hoch Capital, dem die britische Finanzaufsicht kürzlich die Lizenz entzogen hat.

Ein Anwalt des zurückgetretenen Vorstandsvorsitzenden Markus Braun sagte der FT, die Schlussfolgerungen der Zeitung seien aus dem Zusammenhang gerissen. Die Existenz des internen Papiers, auf welches sich die FT beruft, dementierte der Anwalt jedoch nicht.

Eine gewisse Plausibilität erhalten die Recherchen der FT durch Mitteilung des Handelsforschungsinstituts EHI Retail Institute, wonach Wirecard im deutschen Einzelhandel kein Massenphänomen sei:

Eine Einstellung des Betriebs von Wirecard würde den deutschen Einzelhandel wohl nicht in größerem Ausmaß treffen. Das seit Montag unter Regie des vorläufigen Insolvenzverwalters stehende Unternehmen habe nach Daten des EHI nur einen relativ geringen Marktanteil bei Kreditkartenzahlungen. Für die Girocard als meist genutztes bargeldloses Zahlungsmittel habe Wirecard keine Netzbetreiberlizenz, sagte Horst Rüter, Leiter des Forschungsbereichs Zahlungssysteme und Mitglied der Geschäftsleitung. Auch bei elektronischen Lastschriftverfahren sei der skandalgeschüttelte Zahlungsabwickler Wirecard nicht vertreten, sagt Rüter am Dienstag der dpa.

Zahlungen per Kreditkarte dagegen laufen durchaus über Wirecard. Doch spielen Kreditkarten laut EHI bei den Zahlungsarten im Einzelhandel mit einem Anteil von 7,6 Prozent eine untergeordnete Rolle - und Wirecard hat in dieser Hinsicht ohnehin keine dominante Rolle. „Wirecard ist nicht unter den größten Anbietern“, sagte Rüter. „Der Anteil von Wirecard ist deutlich unter fünf Prozent.“ Mehrere Konkurrenten des in einen Bilanzskandal verwickelten Konzerns sind demnach deutlich größer, darunter Concardis, Payone und Wordline. Insolvenz beantragt hat bisher die Muttergesellschaft Wirecard AG, ausgenommen bleiben soll die Wirecard-Bank.

Die Zukunft von Wirecard ist ungewiss, seit der Vorstand vergangene Woche Insolvenz beantragte - und meldete, dass „die Fortführbarkeit des Unternehmens nicht sichergestellt“ sei. Der Insolvenzverwalter prüft aktuell die Lage des Unternehmens. (mit dpa)

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