Arbeit, Familie, Wlan – inmitten all der Bits und Bytes der sozialen Medien weicht unser analoges dem digitalen Sein mit jedem Like. Brüskierte uns noch vor Jahren, was Edward Snowden der Welt über die NSA als Spähorgan zu sagen hatte, klicken wir inzwischen die Nutzungsbedingungen von Whatsapp weg, wie wir im Sommer nach Mücken schlagen: unbedacht und im Reflex. 

Google, Amazon, Facebook und Apple wildern wie die spanische Conquista im 16. Jahrhundert in Lateinamerika, meint Nick Couldry dazu. Der Soziologe ist als Professor an der London School of Economics mit den großen Techfirmen befasst. Über die sozialen Dynamiken, die aus dem Geschäft mit Daten entstehen, hat er 2019 ein Buch geschrieben. 

Herr Couldry, in Ihrem Buch „The costs of connection – How data is colonizing human life and appropriating it for capitalism“ beschreiben Sie unsere Gegenwart als eine Zeit, in der wir der Renaissance kolonialer Verhältnisse gegenüberstehen. Warum, glauben Sie, ist das so?

Ich glaube, wir müssen uns zunächst ansehen, wie bereits bestehende Ideen zum Umgang mit Daten aussehen und wie darin zum Beispiel jene Plattformen eingeordnet werden, die unsere Daten erheben und daraus ein Geschäft machen. Es gibt einige Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass wir es beim Geschäft mit Daten lediglich mit einer Intensivierung kapitalistischer Verhältnisse zu tun haben. Und das stimmt zum Teil auch. In unserem Buch stellen wir hingegen die These auf, dass wir es mit einem viel größeren Prozess zu tun haben – dass wir vielmehr vor einem epochalen Wandel in der Menschheitsgeschichte stehen – von dem wir denken, dass er mit Kolonialismus richtig benannt sein könnte.

Welche Parallelen sehen Sie?

Dem Kolonialismus, wie er im 15. Jahrhundert begann, lagen vielleicht noch keine kapitalistischen Strukturen zugrunde, aber das 15. Jahrhundert ist eine Zeit, in der moderne Handelsformen aufkamen und in der die Handelstreibenden begannen, der Welt mit dem Anspruch zu begegnen, sich Ressourcen und Menschen zu eigen zu machen, um daraus Gewinne zu erwirtschaften. Der Kolonialismus dieser Tage macht sich hingegen keine Ressourcen wie Land oder Rohstoffe wie Goldvorkommen zu eigen. Wir meinen: Er unterwirft den Menschen selbst und betreibt Handel mit seinem Innersten. Und das ist ein dramatischer Wandel, von dem wir meinen, dass nur der Begriff „Kolonialismus“ uns begreifen lässt, wie groß der Wandel sein wird.

Sie ziehen in Ihrem Buch den Vergleich zwischen den großen Plattformen unserer Tage – etwa Facebook – und der spanischen Conquista. Ist das nicht etwas zu weit aus der Historie entlehnt?

Sehen Sie, wenn wir uns heute bei einer Plattform anmelden, werden wir in der Regel gefragt, ob wir mit den Nutzungsbedingungen dieser Plattform einverstanden sind, in denen steht, welche unserer Daten erhoben und gespeichert werden. In der Regel schauen wir uns diese Bedingungen allerdings nicht an, weil wir zu beschäftigt sind oder die App oder was auch immer schnell nutzen wollen. Wenn wir genau hinschauen würden, wären wir aber wahrscheinlich überrascht, welche Daten und wie unbegrenzt diese Informationen über uns gesammelt werden.

Und da gibt es dann wiederum diese fast verrückte Parallele zur spanischen Conquista während der Kolonialisierung Lateinamerikas. Die Spanier haben in der Nacht vor dem ersten Überfall ein Dokument aufgesetzt, in dem stand, dass, wenn die Bevölkerung die Konditionen der Conquista nicht akzeptierte, die Spanier das Recht hätten, alles – Land und Menschen usw. – grenzenlos zu okkupieren. Dieses Gesetz war darüber hinaus auf Spanisch formuliert – sodass seine Adressaten es gar nicht verstehen konnten. Ich glaube, dass die Nutzungsbedingungen vieler Plattformen in sehr ähnlicher Art und Weise angelegt sind und dass dieser Umstand bei näherer Betrachtung auch deutlich würde, wenn wir sie denn nur läsen – die Bedingungen.

Illustration: Enya Mommsen
Re-Existenzia

In den 1990er-Jahren von Utopisten noch als ultimatives Tool gepriesen, stehen wir mit dem Internet heute an diesem Punkt: Der Einfluss von Big Tech wächst von Tag zu Tag und strahlt inzwischen auf alle Lebensbereiche aus. Der Status quo scheint unveränderlich. Oder doch nicht? Wie sieht die Zukunft aus?

Hier geht es zur Serie „Re-Existenzia“.

Sie würden gerne einen Themenvorschlag beisteuern, haben Anregungen oder Kritik? Schreiben Sie uns unter leser-blz@berlinerverlag.com oder nutzen Sie unser Publishing-Tool Open Source.

Würden Sie eine Parallele zwischen dem sogenannten Peak Oil – dem Ölfördermaximum – und dem Beginn, den Menschen als Ressource zu begreifen, ziehen?

Im Buch sind wir vorsichtig, einen Zusammenhang herzustellen. Es ist aber auch nicht auszuschließen. Wir könnten vielleicht argumentieren, dass Daten schlichtweg eine weitere Ressource sind. Die Grundidee, Daten zu sammeln, um Zusammenhänge herzuleiten, ist ja für sich auch nicht schlecht. Auch die zweite Phase dieser Entwicklung, als einzelne Rechner miteinander verbunden wurden und damit auf einen Schlag radikal neue Formen der Kommunikation möglich waren, würde ich nicht verurteilen oder als schlecht kategorisieren. Aber es gibt dann doch ein Problem: Nämlich, dass über die Verbindung eines Rechners mit einem anderen auch möglich wurde, die Daten eines anderen auszuspähen – etwa durch Cookies oder auch ausgefeiltere Instrumente, die sich als Datenkraken verstehen. Wenn man sich zudem zeitgenössische Marketing-Literatur ansieht, wird darin zum einen ganz selbstverständlich von Daten als dem neuen Gold gesprochen und außerdem besprochen, wie man sich diese Ressource aneignet, sie aufbereitet und gewinnbringend einsetzt. Dass Daten das neue Öl sind, ist insofern die Ideologie hinter dem, was wir als neuen Kolonialismus beschreiben.

Was sind denn Daten dann?

Daten sind jedenfalls nicht mit Öl zu vergleichen. Öl ist etwas, das als Ressource auf unserem Planeten physisch vorkommt. Wir können es sehen und bergen. Wir können es nicht nutzen, solange es nicht raffiniert ist, aber es existiert tatsächlich im Boden. Daten hingegen sind ein soziales Konstrukt, das wir erst herstellen müssen. Wir sammeln Bits und Bytes. Die Information daraus wird allerdings zunächst von uns extrahiert und in Datenbanken überführt. Die müssen wiederum gepflegt und sortiert werden, sodass daraus höhere und komplexere Kategorien entstehen. Wir können uns kaum vorstellen, wie etwas noch stärker konstruiert sein könnte als das. Also noch einmal: Daten sind nicht das neue Gold. Aber der Glaube daran, die Ideologie dahinter, ist genau das, womit uns das Ausspähen unserer Daten verkauft wird: „Keine Angst! Lasst uns einfach machen! Alle werden davon profitieren, dass wir eure Daten erheben.“

Ihre Thesen lesen sich im Buch so, als stünden wir nicht nur einem technologischen Wandel gegenüber, sondern eher einer Epoche, in der sich der Mensch ob seiner Daten versklavt. 

Es gibt tatsächlich Leute, die das seriös diskutieren: Soziologen, Philosophen oder Juristen. Und ja, ich glaube, dass das eine ernst zu nehmende Möglichkeit ist. Wir hoffen aber, dass wir als Menschen die Geschichte der Kolonialisierung erinnern und realisieren, dass wir bereits mitten im Wandel stecken. Einige von uns können sich vielleicht noch an die Zeit vor den großen Plattformen der sozialen Medien erinnern und sogar, wie das Internet als Technologie Einzug gehalten hat in unser Leben. Ich glaube, wir haben noch 15 bis 20 Jahre, ehe es zu spät ist, aufzuwachen.

Sitzen wir mit Überlegungen wie diesen, nicht der Gefahr auf, die Welt wie die Menschen etwa in den Weberaufständen am Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wahrzunehmen – aus der Angst heraus, die uns lähmt, die notwendigen Schritte einzuleiten, Szenarien wie die von Ihnen besprochenen zu verhindern?

Schauen Sie, unsere Kinder wachsen gerade mit Spielzeugen auf, die wie Teddybären aussehen, aber Roboter sind und unsere Kinder vermessen. Wir sprechen also von dieser eigentlich freien Sphäre, die das Spiel doch sein sollte, und wie sie dieser Tage zum Teil einer Daten-Wertschöpfungskette wird. Diese Spielzeuge sind nicht mehr nur Objekte, die wir in den Arm nehmen, sie sind doch heute schon Subjekte, die uns vermessen und deren Ergebnisse zur Wertschöpfung genutzt werden. Ganz abgesehen davon, zu welchem Zweck diese Daten in der Zukunft genutzt werden. Wie wollen wir unseren heute 5-jährigen Kindern in 15 Jahren erklären, dass wir diese Form der Überwachung zugelassen haben? Ich glaube, wir sind in der Verantwortung, die Menschen vor den Risiken dieser Entwicklung zu warnen.

Nick Couldry, privat
Zum Autor

Nick Couldry lehrt als Professor of Media Communications and Social Theory an der London School of Economics (LSE) sowie am Harvard's Berkman Klein Center for Internet and Society. Das Buch „The Costs of Connection: How Data is Colonizing Human Life and Appropriating it for Capitalism“ hat er zusammen mit Ulises Mejias geschrieben (Stanford University Press, 2019).

Ließe sich der Prozess, den Sie beschreiben, nicht eher als Neofeudalismus begreifen?

Feudalismus ist eine Metapher, die von vielen Seiten genutzt, um nicht zu sagen ausgenutzt wurde. Aber wenn wir uns den Feudalismus ansehen, handelt es sich dabei vor allem um eine Beziehungsform zwischen einem Lehnsherren und seinen Belehnten, der einen gewissen Anteil dessen abgeben musste, was er produziert hat, um dafür wiederum beschützt zu werden. Insofern müssen wir von einer Form von Austausch sprechen, wenn auch ungerechter Natur. Nun könnte man argumentieren, dass es auch zwischen den Plattformen und uns einen Austausch gibt. Aber wir glauben nicht, dass das eine exakte Parallele ist, weil ja nicht nur ein Anteil von Daten gesammelt wird – sondern alle unseren Daten und zwar uneingeschränkt gesammelt werden. Und diese Kalkulation ist dann wieder viel näher am Kolonialismus als am Feudalismus.

Wie verorten Sie Ihren Ansatz in der Kapitalismus-Besprechung?

Wir argumentieren, dass der Daten-Kolonialismus ein neues Zeitalter beschreibt, das Menschsein zu kommerzialisieren bzw. ökonomisch zu nutzen. Im Buch beschreiben wir, dass der Kapitalismus in der ersten Epoche des Kolonialismus noch nicht existiert hat. Wir sagen aber nicht, dass die Prozesse, die wir heute erleben, nichts mit Kapitalismus zu tun haben. Im Kapitalismus sind im Unterschied zur ersten Epoche des Kolonialismus indessen alle möglichen sozialen Ordnungsstrukturen angelegt, die bestimmen, wie wir auf Basis eines Vertrages zur Arbeit gehen – oder dass es für jedes Gut einen Preis gibt. 

Und das sehen Sie in welchem Zusammenhang zum Daten-Kolonialismus?

Karl Marx hat formuliert, wie soziale Ordnung im Kapitalismus funktioniert – und zwar nicht als eine Form von Gewalt, sondern als soziale Ordnung, die wir als sinnvoll begreifen. Nun hat Marx diese Prozesse natürlich an den Verhältnissen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, ja – der der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts beschrieben. Dass seine Überlegungen auch heute noch Bestand haben, bestreiten wir selbstredend nicht. Wir überlegen aber, ob wir nicht vielleicht an einem Punkt in der Geschichte angekommen sind, an dem sich die Verhältnisse – wie sie Marx ursprünglich beschrieben hat – noch einmal umformulieren und auch einen radikaleren Kapitalismus bedeuten: Eine Wirtschaftsordnung nämlich, innerhalb derer das Geschäft mit den Daten den Kapitalismus regelrecht entfesselt und es eine neue Form der sozialen Kontrolle über das Kapital gibt.

Arbeit als philosophische Kategorie, aus der die Entfremdung des Menschen gegenüber sich selbst hervorgeht: Das ist nicht nur bei Marx ein beliebtes Bild ...

Genau, aber um bei Marx zu bleiben: Wenn man ihn richtig liest, ist das Kernthema bei ihm ja auch nicht das Arbeitsverhältnis an sich, sondern die Idee der Abstraktion – also inwieweit der Mensch sich durch die Kommerzialisierung seines Lebens immer weiter von sich selbst entfernt und dieser Prozess dann wiederum Arbeitsverhältnisse überhaupt erst möglich macht. Und wenn man nun diesen Gedanken aufnimmt, ist das genau, was heute passiert. Menschenleben werden als Abstraktion zum handelbaren Gut, aus dem wiederum Kapital geschöpft werden kann. Und darin sehen wir dann auch die Parallele zu den kolonialen Verhältnissen.

An diesem Punkt kommen Sie im Buch dann auch auf die Rolle der sozialen Medien zu sprechen.

Einige Forscher sagen, dass wir damit etwas beschreiben würden, was bereits beschrieben ist: Nämlich wie Menschen auf Plattformen wie den sozialen Medien unterwegs sind und inwieweit daraus eine ganz eigene, von Daten getriebene Wertschöpfungskette entsteht. Wir glauben, diese Annahme ist zu kurz gegriffen. Dieser Vorgang hat nichts mehr mit der Idee der sozialen Medien zu tun. Die Idee dahinter ist eine andere und wurzelt in einem Prozess, der vor 20 bis 30 Jahren seinen Ausgang hatte: Nämlich ein Kapitalismus, in dem jede denkbare Form von Interaktion und Handlung einem rationalen ökonomischen Zweck unterliegt.

Manche beschreiben das als Sozial-Fabrik oder als den Sozial-Kapitalismus und das basiert dann immer noch auf dem Konstrukt von Arbeit. Wir gehen einen Schritt weiter und meinen, dass wir im jetzigen Stadium der technologischen Entwicklung immer arbeiten, also auch dann, wenn wir eigentlich nicht arbeiten. Selbst wenn wir Dinge tun, die nicht weiter entfernt vom Arbeiten sein könnten – wie zum Beispiel mit Freunden Zeit zu verbringen oder Fotos von uns als Nachricht an jemanden zu verschicken – ja, selbst wenn wir uns nur ausruhen von unserer eigentlichen Arbeit. Und das ist nun wichtig zu verstehen: Das ist nicht Arbeit, aber wird in unserer Zeit trotzdem zu etwas, mit dem Werte, mit dem Kapital geschaffen werden kann.

Ich will noch einmal dazu zurückkommen, Ihre Theorien aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten: Soziale Medien ließen sich doch auch als ökonomisches Kreislaufmodell beschreiben, in dem unser Selbst und unsere Arbeit eben nicht noch stärker als ohnehin schon voneinander entkoppelt sind. Könnten die sozialen Medien insofern nicht auch ein Rahmen sein – wiewohl der Umgang mit Daten anders organisiert sein müsste –, in dem sich diese beiden Sphären wieder näher kommen?

Ja, aber nicht im Guten. Fangen wir so an: Miteinander verbunden zu sein, ist vordergründig etwas Gutes. Klar. Es ist natürlich und auch richtig für Menschen, miteinander in Kontakt stehen zu wollen. Und auch, mehr und besser in Verbindung zu stehen, scheint erst mal eine gute Sache zu sein. Vielleicht gibt es auch ein zu hohes Maß, miteinander in Verbindung zu stehen – aber das steht auf einem anderen Blatt. Aber: Das Maß der Verbindung wird uns online nicht geschenkt. Zum einen müssen wir als Kosten unserer Verbindungen den Umstand berücksichtigen, jederzeit getrackt zu werden – und zwar zu jeder Zeit in jeder vorstellbaren Art und Weise. Und wir müssen uns vor Augen halten, dass wir über diese Form der Vermessung gar keine Kontrolle haben. Dass wir vermessen werden ob diverser Kriterien und Ziele, die nicht unsere eigenen sind. Ich glaube, dieser Umstand steht Freiheit – wie wir sie heute noch begreifen – entgegen.

Inwieweit sehen Sie unsere Freiheit bedroht?

Es beginnt damit, dass Apps unser Intimstes tracken und wir das erlauben – und zwar ohne Limit. Das könnte sehr dramatische Folgen haben und zum Beispiel auch bedeuten, dass wir in 20, 30 Jahren vergessen werden, was Freiheit bedeutet. Wenn man das nun auf unsere Gesellschaft anwendet, die global betrachtet schon jetzt von krassen Ungleichheiten bestimmt ist, dann glauben wir, dass sich diese Verhältnisse dramatisch zuspitzen werden – und gleichzeitig nicht mehr kontrollierbar sein werden.

Gehen wir mal von einer Alleinerziehenden aus, die angewiesen ist, zwei, drei Jobs nebenbei zu machen und die selbstredend irgendein Smart Device hat, mit dem sie die ganze Zeit erreichbar ist – und mit dem ihre Performance durchgehend überwacht wird. Der wesentliche Unterschied zwischen Menschen in der Zukunft wird sein, wer sich aus dieser Form von Überwachung freikaufen kann und wer dieser Daten-Maschine mit all ihren Konsequenzen für den sozialen Status, den Job – ja auch Menschenrechte im Allgemeinen – ausgeliefert ist.

Sie zitieren in Ihrem Buch den Wirtschaftshistoriker und Sozialwissenschaftler Karl Polanyi. Der hat gesagt, eine Marktwirtschaft könne nur in einer Marktgesellschaft existieren. Und dass ein solches Umfeld von Stimulanzien ins Leben gerufen würde. Welche wären das in unserer digitalen Gesellschaft?

Karl Polanyi hat gesagt, dass Märkte nicht natürlich sind – er hat diese Annahme also als einen Mythos entlarvt. Er wusste: Märkte werden geschaffen. Und wie passiert das heute? Nun schauen wir uns die Plattformen unserer Tage an. Wir nutzen sie alle, weil sie unser Leben so bequem gestalten. Aber um das nicht zu vergessen: Das hat einen hohen Preis. All jene Daten, die auf solchen Plattformen gesammelt werden, werden darüber hinaus für andere Zwecke genutzt. Wir scheinen also einerseits ganz harmlos und natürlich kommunizierend und agierend auf diesen Plattformen unterwegs zu sein. Aber was im Hintergrund andererseits abläuft, ist, dass wir ganz neue Formen von Beziehung leben. Und genau das ist die Stimulanz – von der Polanyi gesprochen hat. Dinge zusammen zu tun, ist die Stimulanz, die Anregung, die uns dazu verleitet, die Plattform zu nutzen und aus der sich dann der Markt ergibt.

Wie schätzen Sie das Sozialkreditsystem Chinas an?

In China werden Menschen bereits in ihrem Verhalten vermessen und bewertet. Aber nicht, um ihre Freiheit zu vergrößern, diese Menschen etwa global zu vernetzen – das Sozialkreditsystem wurde als Modell von der chinesischen Administration aufgesetzt, um eine ökonomische wie soziale Ordnungsmacht zu begründen. Die Technologie, wie wir sie heute sehen, ist keine dem Individuum oder einer kollektiven Freiheit zugeneigte Technologie. Sie trägt vielmehr zu einer Verlagerung von Machtverhältnissen bei – in politischer Hinsicht, aber vor allem auch, was die Privatwirtschaft anbelangt. Wir müssen uns vor allem Gedanken über unsere Werte machen und wie wir sie verteidigen wollen gegenüber autoritären Ordnungsstrukturen – wie zum Beispiel in China und seinem Einfluss auf unsere westlichen Demokratien.