Berlin - Auf den ersten Blick scheint der Bitcoin ein Spekulationsobjekt zum Verzweifeln. Stieg er in den vergangenen Monaten scheinbar nicht zu verhindern von einem zum anderen Kurshoch, rast der Kurs zwischendurch immer wieder kaum kalkulierbar in den Keller. Die Welt rätselt, was es bedeutet, wenn Tesla sich in die Kryptowährung einkauft, während unter dem Hashtag #IchBinBitcoiner Anhänger auf Twitter in Massen beschreiben, warum sie Bitcoin halten. Erstaunlich oft bricht sich unter Letzteren Kritik am aktuellen Geldsystem Bahn. Anderswo kursiert die Sorge, es könne bald kein Bargeld mehr geben.

Zu all diesen Fragen haben wir Alexander Bechtel getroffen. Er forscht und arbeitet zur Geldpolitik, zu digitalen Währungen und Themen wie der Blockchain. Wir sprechen ihn zwei Tage, ehe der Bitcoin-Kurs von ungefähr 58.000 US-Dollar auf 45.000 Euro crasht, über die Gegenwart des Geldsystems, Perspektiven wie die Token-Ökonomie und welche Rolle darin Zentralbanken, aber auch Facebook spielen könnten – und zur Frage, ob der Bitcoin eine Blase ist.

Herr Bechtel, in Ihrem Podcast sprechen Sie davon, dass wir zunächst unser aktuelles Geldsystem verstehen müssten, ehe wir jüngere Entwicklungen begreifen wollen. Wie ist es denn angelegt, das alte System?

Grundsätzlich ist es wichtig zu verstehen, dass wir zwei verschiedene Arten von Geld haben. Es gibt Geld, das direkt von der Zentralbank ausgegeben wird. Und es gibt Geld, das von Banken ausgegeben wird. Das sind zwei verschiedene Dinge. Fangen wir mal mit dem Geld an, das Banken ausgeben: Giralgeld. Dieses Geld existiert nur in elektronischer Form und es ist das Geld, das wir auf unserem Bankkonto halten. Dieses Geld ist kein Geld, das von der Zentralbank kommt. Es ist auch kein gesetzliches Zahlungsmittel. Giralgeld ist letztlich eine Verbindlichkeit der Bank. Das heißt, wenn Sie einen 100-Euro-Schein bei Ihrer Bank einzahlen, tauschen Sie Zentralbankgeld (Bargeld ist Zentralbankgeld, Anm. d. Red.) gegen Giralgeld, also Buchgeld.

Was bedeutet das?

Das bedeutet – und das wissen die meisten nicht –, dass Sie in dieser Situation Ihrer Bank 100 Euro leihen. Das, was Sie auf Ihrem Konto sehen, nachdem Sie das Geld eingezahlt haben, liegt in keinem Safe, es ist ein Zahlungsversprechen Ihrer Bank. Die Bank ist aber zu jeder Zeit verpflichtet, das Geld wieder auszuzahlen. 

Wie unterscheidet sich Zentralbankgeld davon?

Bargeld, das von Zentralbanken verteilt wird, ist ein gesetzliches Zahlungsmittel. Das bedeutet, dass Sie das Recht haben, wenn Sie bei irgendjemandem Schulden haben, diese Schulden in Euro zu begleichen, sprich in Zentralbankgeld. Neben dem physischen Zentralbankgeld, also dem Bargeld, gibt es Zentralbankgeld aber auch in digitaler Form. Auf Letzteres haben aktuell nur Banken Zugriff. Das funktioniert so: Ihre Bank hat ein Konto bei der Zentralbank und auf diesem Konto liegt Zentralbankgeld. Dieses Geld fließt vor allem zwischen Banken hin und her. Darauf haben wir als Endverbraucher keinen Zugriff, weil die Zentralbank keine Konten für Privatleute eröffnet. Aber die Banken gleichen am Ende ihres Tages ihre Verbindlichkeiten untereinander so aus.

Digitales Geld existiert also bereits. Es ist sogar so, dass das allermeiste Geld, das im Umlauf ist, in digitaler Form vorliegt – als Giralgeld, das durch die Verbindlichkeiten zwischen Finanzmarktakteuren entsteht. Wenn wir nun über die Zukunft unseres Geldes reden, wird aber eine weitere Form interessant: programmierbares Geld. Wie unterscheidet sich das vom bisherigen Geld?

Um mal so einzusteigen: In Deutschland reden wir immer nur von der Digitalisierung. Im Englischen unterscheiden wir hingegen zwischen zwei Begriffen und das trifft es besser: digitization und digitalisation. Was wir im vergangenen Jahrhundert gesehen haben, war eine digitalisation von Zahlungsprozessen. Wenn Banken vor 100 Jahren eine Zahlung unternommen haben, wurde das noch mit Stift und Papier erledigt. In der Zwischenzeit wurden diese Prozesse digitalisiert und automatisiert. Was heute wiederum passiert, ist die digitization nicht der Prozesse, sondern des Geldes selbst. Der wichtige Unterschied ist also: Im vergangenen Jahrhundert haben wir Prozesse automatisiert und digitalisiert. Heute digitalisieren wir das Geld selbst.

Das wird so aussehen, dass wir digitale Güter haben, die Geld repräsentieren. Der Unterschied zwischen dem Geld, das wir heute haben, und dem Geld, das wir in der Zukunft haben könnten, wird deutlich, wenn man sich ansieht, wie mit Token, also digitalen Gütern, Zahlungen ablaufen würden – im Unterschied dazu, wie bereits heute digitalisierte Zahlungsprozesse vorgenommen werden. Wenn Sie heute eine Überweisung ausführen wollen, passiert das über eine Bank. Die Bank funktioniert hier als Intermediär. Die Bank vermittelt das Geld, gleicht ab, ob Sie zahlungsfähig sind usw. Wenn wir das Geld selbst nun in der Zukunft in digitaler Form vorliegen haben, können Sie dieses Geld – technisch vereinfacht ausgedrückt – z. B. auf Ihr Handy herunterladen und ohne Bank an jemand anderes verschicken. Das nennt sich Token-Ökonomie, in der Peer-to-Peer-Transaktionen zwischen zwei Individuen ohne Intermediär vorgenommen werden können.

Foto: Privat
Zur Person

Alexander Bechtel ist in der Strategieabteilung der Deutschen Bank für das Thema Blockchain und digitale Währungen zuständig. Nebenbei forscht und publiziert er zu den Themen (unkonventionelle) Geldpolitik und digitale Währungen an der Universität St. Gallen. Er hat als externer Berater bei der Europäischen Zentralbank gearbeitet und an der Stanford University geforscht. Seit Juni 2019 bespricht Alexander Bechtel digitale Währungen außerdem in seinem Podcast „Bitcoin, Fiat & Rock 'n' Roll“.

Was daran nennen Sie programmierbares Geld?

Geld in Form von Tokens kann man mithilfe von sogenannten Smart Contracts, also schlauen, automatisierten Verträgen, programmierbar machen. Somit lassen sich Zahlungsflüsse noch flexibler automatisieren, als dies heute bereits möglich ist. Man könnte beispielsweise Zahlungen automatisch ausführen, wenn etwa der Niederschlag in Brandenburg eine vordefinierte Schwelle unterschreitet, um Landwirte zu entschädigen – sozusagen ein automatisiertes Versicherungsprodukt. Man könnte auch Euro-Token emittieren, die nur für Nahrungsmittel oder Medizin ausgegeben werden können. Die Anwendungsfälle sind endlos.

Um noch einmal einen Schritt zurückzugehen: Wenn Banken noch vor hundert Jahren den Tausch von Werten auf Papier notiert haben, sollten wir vielleicht erklären, auf welcher Basis Werte in der Token-Ökonomie vermittelt werden. Und da wären wir dann bei der Idee der Blockchain, die ja in gewisser Weise die Zukunft von Buchhaltung bedeutet – und die ermöglicht, Transaktionen dezentral zwischen zwei Akteuren abzusichern.

Die allerwichtigste Funktion ist, dass die Blockchain eine verteilte Datenbank ist. Das ist genau der Punkt, der uns erlaubt, Geld von A nach B zu transferieren. Bleiben wir bei dem Zahlungsbeispiel: Wenn Sie heute eine Zahlung vornehmen, weisen Sie sich dabei gegenüber der Bank aus. Die Bank hat eine Datenbank, in der steht, dass Sie 100 Euro haben. Wenn Sie die nun auf ein anderes Konto verschieben wollen, verschickt die Bank nicht das Geld selbst, sie schickt dem Adressaten des Geldes eine Textnachricht, in der die Information steht, welcher Betrag wohin übermittelt wird. So funktioniert Zahlung heute. Dahinter stecken zwei Datenbanken, die beide aktualisiert werden müssen. Zwischen zwei Intermediären ist das noch einfacher. Komplizierter wird es, wenn Zahlungen über Ländergrenzen vorgenommen werden. Da können auch schon mal vier bis fünf Intermediäre zwischengeschaltet sein. Das Potenzial der Blockchain ist nun, dass es mit ihr nur noch eine Datenbank gibt, in die Akteure wie Banken oder Sie selbst reinschreiben.

Wie wird sichergestellt, dass nicht einfach alle möglichen Akteure irgendetwas in die Blockchain schreiben?

Die Bitcoin-Blockchain war letztlich die erste, die genau dieses Problem gelöst hat – und zwar in einem ganz extremen Fall, nämlich einem komplett dezentralen. Das heißt, jeder, der möchte, darf in die Bitcoin-Datenbank hineinschreiben. Jeder darf an diesem Netzwerk teilhaben. Nicht nur Finanzmarktakteure, auch Sie und ich. Und trotzdem gelingt es, dass diese Datenbank immer auf dem neuesten Stand ist und in ihr nur Informationen gespeichert sind, die auch tatsächlich der Wahrheit entsprechen.

Wie funktioniert das?

Die Lösung dahinter beruht auf dem Nakamoto Consensus. Das ist ein Algorithmus, mit dem Informationen so gespeichert werden, dass es zwischen vielen – dezentralen – Parteien einen Konsens über den Wahrheitsgehalt dieser Informationen gibt. Das kann zum Beispiel eine Information über einen Ledger sein (Wertspeicher, Anm. d. Red.). Das funktioniert, egal wie viele Parteien darin involviert sind. Die Information ist dann als unveränderbarer Zustand in der Blockchain angelegt, der für alle einsehbar ist. In der Bitcoin-Blockchain werden Informationen zu Transaktionen in Blöcken verpackt, die wiederum aneinandergehängt werden. Um diese Blöcke zu berechnen, muss sehr viel Energie aufgewendet werden. Wer nun einen Eintrag im jüngsten Block verändern wollte, muss diesen Block neu minen, also errechnen lassen. Will man einen Eintrag im Block davor ändern, muss man sowohl diesen als auch wiederum den davor neu minen. Eine Information in der Blockchain zu ändern, ist also sehr aufwendig. Und je weiter die Information in der Vergangenheit liegt, desto aufwendiger wird es. Es lohnt sich auch aus spieltheoretischen Gesichtspunkten nicht, das Bitcoin-Netzwerk anzugreifen, weil das Netzwerk dabei zerstört werden könnte und die erbeuteten Bitcoins somit ihren Wert verlieren würden.

Illustration: Enya Mommsen
Re-Existenzia

In den 1990er-Jahren von Utopisten noch als ultimatives Tool gepriesen, stehen wir mit dem Internet heute an diesem Punkt: Der Einfluss von Big Tech wächst von Tag zu Tag und strahlt inzwischen auf alle Lebensbereiche aus. Der Status quo scheint unveränderlich. Oder doch nicht? Wie sieht die Zukunft aus?

Hier geht es zur Serie „Re-Existenzia“.

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Über die Energie, die verbraucht wird, um Bitcoins herzustellen, wird viel diskutiert – vor allem vor dem Hintergrund des Klimawandels. Der zweite große Diskurs rankt um die Annahme, bei Kryptowährungen wie dem Bitcoin handele es sich um eine große Blase. Was meinen Sie dazu?

Das wird vor allem von neoklassisch orientierten Ökonomen so besprochen. In deren Theorie müssen Vermögenswerte immer einen intrinsischen Wert haben. Demnach muss ein Wert an ein Zahlungsversprechen beziehungsweise die Zahlungsfähigkeit gekoppelt sein. Wenn das nicht gegeben ist, dann spricht man von einer Blase. Die Frage ist aber, ob wir Bitcoin als Wertkategorie so behandeln können. Streng genommen müssten wir dann auch Gold so sehen und auch Zentralbankgeld. Aber der Preis, den wir zum Beispiel für Gold ansetzen, definiert sich nicht über dessen Nutzen. Der Wert definiert sich darüber, dass wir Gold toll finden und es für wertvoll halten. Wir hängen uns Gold nicht um den Hals, weil es gelb ist, sondern wegen seiner Symbolkraft, weil jeder weiß, dass es wertvoll ist. Wir stellen damit unseren Status zur Schau. Uns mit Gold zu schmücken, ist insofern genauso eine Blase, wie anzunehmen, Bitcoin sei eine Blase. Diese Werte beruhen vor allem auf unserem Glauben daran.

Da wären wir bei der nächsten Diskussion abgeleitet vom Wert, den wir Gold zusprechen. So wie wir Gold nicht mehr als Zahlungsmittel nutzen, meinen einige Beobachter, dass Kryptowährungen auch eher ein Wertspeicher seien. Welche Position vertreten Sie da?

Also, ich würde sagen, dass man all die bestehenden Kryptowährungen nicht über einen Kamm scheren kann, weil sie so unterschiedlich sind. Wahrscheinlich sind aber Kryptowährungen abseits der Top 10 oder Top 20 sowieso kaum ernst zu nehmen, weil es sich dabei um sehr kleine Projekte handelt. Aber selbst unter den Top 20 ist Bitcoin der absolute Vorreiter. Und Bitcoin ist für mich keine Währung.

Sondern?

Also, man kann es Geld nennen. Geld hat immer diese drei Funktionen: Aufbewahrung, Tauschmittel und Recheneinheit. Bitcoin ist nun weder eine Recheneinheit noch ist es wirklich ein Tauschmittel. Ich würde Bitcoin eher als eine alternative Anlageklasse bezeichnen, die sehr ähnliche Eigenschaft hat wie Rohstoffe. Für mich passt der Vergleich mit Gold als Anlage, also als Wertaufbewahrungsmittel, gut. Es gibt aber auch Krypto-Projekte, die mehr in die Richtung Geld gehen, zum Beispiel Libra, das inzwischen Diem heißt, und tatsächlich zum Zahlen vorgesehen ist.

Ehe wir zu Projekten wie Libra und Diem kommen und uns den digitalen Euro der EZB anschauen, würde ich gerne einen Zwischenschritt machen und die sogenannte DLT-Based Economy sprechen. Worum geht es da?

Die basiert auf der Distributed Ledger Technology und der Idee, dass Wertschöpfungsketten und Geschäftsprozesse in Zukunft in Teilen über eine Blockchain abgewickelt werden – immer dann, wenn es Sinn ergibt. Das ist seltener der Fall, als das jetzt den Anschein macht. Viele glauben, dass alles in Zukunft nur noch über eine Blockchain läuft. Das glaube ich nicht, weil zentrale Datenbanken auch sehr sinnvoll sein können und sich eine Blockchain eigentlich immer nur dann lohnt, wenn es verschiedene Parteien gibt, die sich gegenseitig nicht vertrauen, die sich aber auch nicht auf eine Partei einigen können, der alle vertrauen.

Wenn es aber eine solche vertrauenswürdige zentrale Partei gibt, der alle vertrauen, das könnte zum Beispiel die EZB sein, dann ist es viel aufwendiger, einen komplizierten Mechanismus zu durchlaufen, auf dem die Blockchain beruht, als einfach der EZB zu vertrauen. Der EZB als zentraler Partei zu vertrauen, wäre dann viel effizienter und schneller, als wenn die Prozesse dezentral angelegt wären.

Nun gibt es auch eine ganze Bewegung hinter Kryptowährungen, die als libertär bewegt beschrieben werden kann. In Teilen der Krypto-Szene scheint es Hoffnungen darauf zu geben, dass der Bitcoin als Revolution das bestehende Geldsystem ablösen könnte. Im US-amerikanischen Nevada werden dieser Tage ganze Enklaven an Bitcoin- und Blockchain-Jüngern begründet, die sich damit autark aufstellen wollen. Die Ideen scheinen mitunter sehr anarchistisch bewegt. Wie ist Ihre Perspektive auf die Krypto-Szene?

Ich komme da immer wieder zu der Frage zurück, was Bitcoin ist. Und für mich ist Bitcoin eben kein Geld im Sinne eines Zahlungsmittels. Für mich ist der Bitcoin ein Wertaufbewahrungsmittel, und ich glaube, die Industrie sieht das ebenso – so ist zum Beispiel auch die Investition von Tesla in Bitcoin zu verstehen. Was in den kommenden 20 oder 30 Jahren sein wird, ist für mich nicht absehbar. Bitcoin-Maximalisten und auch andere Teile der Bitcoin-Gemeinde sind für Lösungen, die zwar an das bestehende Finanzsystem gekoppelt sind, aber oft nicht offen. Alles, was nicht Bitcoin ist, interessiert sie nicht. Und dann sind viele in der Szene unterwegs, die wenig Verständnis dafür haben, was Banken eigentlich machen.

Die Bitcoin-Maximalisten denken vielleicht darüber nach, ob sie im privaten Umfeld einen Kaffee mit Bitcoin zahlen können. Aber die Realität von Unternehmen ist sehr weit davon weg, irgendwas in Bitcoin zu bezahlen. Technisch ließe sich das wahrscheinlich sogar heute schon lösen. Die Unternehmen wollen das aber gar nicht, vor allem, weil der Bitcoin sehr volatil ist. Die warten lieber zwei, drei Jahre, bis der digitale Euro zur Verfügung gestellt wird.

Gerade für Kleinanleger ist der Umgang mit Kryptowährungen durchaus schwierig. Wie tausche ich zum Beispiel Geld gegen Kryptowährungen? Wie und wo lagere ich es? Die Nutzbarkeit ist aktuell überhaupt nicht so, dass sich Bitcoin gut als Zahlungsmittel einsetzen ließe.

Ja, wobei das fast schon eine ganz grundlegende Frage ist. Wollen wir das? Egal wie gut und einfach Bitcoin funktionieren könnte – wollen wir selbst wirklich für hundert Prozent unseres Vermögens verantwortlich sein? Darauf läuft es nämlich hinaus, wenn wir unsere Bitcoins – genauer: die Schlüssel zu unseren Bitcoins – selbst verwahren. Verlieren wir diese Schlüssel, sind auch die Bitcoin für immer verloren. Ich kann in der Hinsicht nur für mich sprechen, aber ich freue mich darauf, wenn es irgendwann mal Dienstleister gibt, denen ich zumindest einen Teil meiner Bitcoin-Investitionen anvertrauen kann. Selbst wenn ich Bitcoins auf einer sogenannten Hardware Wallet lagere, ist mir das zu viel Verantwortung (ein USB-Stick, auf dem man Bitcoin speichern kann, der nicht an das Internet angeschlossen ist, Anm. d. Red.). Es mag einige Bitcoin-Maximalisten geben, die gerade weil sie unabhängig sein möchten, ihre Investitionen nicht von Dritten verwalten lassen wollen. Aber der normale Bürger ist ja nicht so ideologisch bewegt. Da siegt dann eher die Faulheit, und die Aufgabe, über Werte zu wachen, wird an andere abgegeben.

Kommen wir auf Libra beziehungsweise Diem zu sprechen. Weil Facebook als Initiator mit dabei ist, gab es am Anfang viele Diskussionen drüber, ob die Initiatoren damit eine eigene privatwirtschaftlich organisierte Währung schaffen wollen. Wie ist das einzuordnen?

Ja, das war die große Angst der Regulatoren am Anfang, dass da ein Konsortium aus privaten Unternehmen plötzlich eigenes Geld schafft. Gerade die Zentralbanken haben ja ein großes Interesse daran, die monetäre Hoheit zu behalten. Um überhaupt Geldpolitik betreiben zu können, muss Geld, das im Umlauf ist, kontrolliert werden können. Wenn stattdessen Libra benutzt würde, hätte die Zentralbank Angst, ihr Währungshütermonopol zu verlieren. Deshalb gab es, nachdem das erste Whitepaper zu Libra publiziert wurde, noch viel Gegenwind. Das war im Juni 2019. Deshalb gab es dann auch ein zweites Whitepaper, in dem die Organisation ordentlich von den ursprünglichen Plänen zurückgerudert ist.

Wo stehen wir aktuell?

Aktuell sind wir an dem Punkt, dass die Organisation sogar noch einmal weiter zurückrudert. Aber Diem, wie Libra inzwischen heißt, wird wohl in den kommenden Wochen oder Monaten live gehen. Allerdings wird es dann weit davon entfernt sein, was ursprünglich geplant war. Libra sollte komplett dezentral verwaltet sein. Aber das wollten die Zentralbanken nicht mit sich machen lassen, weil sie annahmen, dass daraus ein regelrechtes Monster entstehen kann, das nicht mehr zu kontrollieren ist. Sobald etwas dezentral ist – wie der Bitcoin –, lässt es sich nur schwer verbieten, kontrollieren. Deshalb ist das ursprünglich dezentral geplante Projekt Libra zu einem viel kleineren geschrumpft.

So oder so ist viel Bewegung im Markt um neue Währungen. In der Nachkriegsgeschichte standen wir seit Bretton Woods, also dem Zusammenbruch des Weltwährungssystems, das an den Goldstandard gebunden war, vor keiner größeren Schwelle. Wie wird der Währungsmarkt der Zukunft aussehen?

Ich glaube, dass es einen Wettbewerb geben wird: Was wird für welche Situationen genutzt, welches Geld eignet sich für welchen Zweck? Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass verschiedene Geldarten weiter parallel nebeneinander bestehen werden. Wir werden zum Beispiel weiterhin Zentralbankgeld haben, vielleicht dann für den Endverbraucher nicht nur als Bargeld, sondern auch digitalisiert. An die Rückkehr des Goldstandards glaube ich wiederum nicht. Gleichzeitig werden vielleicht auch Währungen wie Diem Probleme lösen: Denn es gibt weltweit immer noch sehr viele Menschen, die an das Finanzsystem überhaupt nicht angeschlossen sind, also z. B. kein Bankkonto haben. Aber Diem kann auch für grenzüberschreitende, effiziente Zahlungswege interessant sein. Banken werden weiterhin mit Giralgeld arbeiten, aber es vielleicht auch tokenisieren, also aus ihren Konten rausnehmen und stattdessen auf einer Blockchain anbieten. Und genauso wird es weiter Kryptowährungen als dezentrales Geld geben, das als Wertaufbewahrung genutzt wird und anonym eingesetzt werden kann. Wie dieser Wettbewerb ausgeht, kann ich nicht sagen. Aber wie gesagt gehe ich davon aus, dass alle diese Währungsformen nebeneinander existieren können und verschiede Funktionen erfüllen werden.

Noch eine Angst, die dieser Tage durch viele Foren und die sozialen Medien geistert – nämlich die, dass es bald kein Bargeld mehr geben wird. In der EZB wird derweil tatsächlich über einen digitalen Euro nachgedacht. Christine Lagarde äußert sich als Präsidentin der EZB schon seit geraumer Zeit dazu, sagt aber gleichzeitig auch immer, dass das Bargeld deshalb nicht abgeschafft würde. Wie ist da der Status quo?

Christine Lagarde hat sich tatsächlich sehr früh in ihrer Präsidentschaft dazu geäußert, im Dezember 2019. Sie hat damals bestätigt, dass in der EZB darüber nachgedacht würde, inwieweit wir eine digitale Zentralbankwährung brauchen. Darauf hat die EZB eine eigene Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, und die hat schließlich einen Bericht darüber veröffentlicht. Darauf gab es nun bis zum Januar eine Phase, in der die EZB Rückmeldungen zu diesem Bericht gesammelt hat, welche Erwartungen an den digitalen Euro geknüpft werden und welche Funktionen er haben soll. Das wird aktuell ausgewertet. Parallel dazu werden in den nationalen Notenbanken der Eurogruppe Tests durchgeführt. Wobei eher im Kleinen experimentiert wird, was möglich ist, wie der digitale Euro aussehen könnte usw. Die richtige Arbeit beginnt aber erst Mitte des Jahres, wenn sich die EZB dafür oder dagegen entscheidet. Und dann dauert es noch einmal ein paar Jahre, bis da etwas passiert.

Würden Sie sagen, dass überhaupt zur Frage steht, ob es einen digitalen Euro geben wird oder nicht?

Ich möchte hier natürlich nicht spekulieren und der Entscheidung der EZB vorgreifen. Sagen wir es mal so: Der Markt kann sich derzeit gut vorstellen, dass der digitale Euro kommt.

Während die EZB noch plant, gibt es auf den Bahamas bereits eine eigene digitale Zentralbankwährung, wenn ich das in Ihrem Podcast richtig verstanden habe?

Ja, die Bahamas haben seit der zweiten Jahreshälfte 2020 eine eigene digitale Währung. Das ist dort insbesondere interessant, weil Finanzdienstleistungen de facto eben nicht zugänglich für alle sind – es gibt dort also keine echte finanzielle Inklusion. Die neue digitale Zentralbankwährung ist ein einfacher Weg, Zentralbankgeld auszugeben und dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen auch Zugang zu diesem Geld bekommen.

Das Gespräch führte Katharina Brienne.