Berlin - Wer 2019 in Rente ging, erhielt deutlich niedrigere Bezüge als frühere Generationen. Darauf macht der Deutsche Gewerkschaftsbund (DBG) in seinem aktuellen Rentenreport aufmerksam. Insbesondere groß sind die Unterschiede laut DBG bei Männern, die im Osten Berlins leben. Die monatlichen Durchschnittsrenten lagen demnach für Neurentner in Brandenburg um 154 Euro niedriger als bei Bestandsrentnern. Im Osten Berlins bezogen sie im Schnitt 210 Euro weniger. Für Frauen weist der DGB stabilere Rentenbezüge aus, wenngleich auch auf viel niedrigerem Niveau. Die Rückgänge insgesamt könnten davon nicht aufgefangen werden.

In Berlin und Brandenburg beziehen aktuell rund 1,5 Millionen Menschen eine gesetzliche Rente. In Berlin macht das 21 Prozent der Bevölkerung aus, in Brandenburg liegt der Anteil bei rund 29 Prozent. Zum Vergleich: Bundesweit gab es zum Stichtag der Erhebung am 1. Juli 2019 insgesamt 21 Millionen Rentner und Rentnerinnen. Das sind 25 Prozent der Gesamtbevölkerung. Berlins Bevölkerung ist also etwas jünger im Vergleich, Brandenburg ist hingegen „schon heute überaltert“, wie es im DGB-Report heißt. Diese Tendenz dürfte zunehmen: Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass von 2019 bis 2035 die Bevölkerungsgruppe der über 65-Jährigen in Berlin um 16 Prozent, in Brandenburg sogar um 31 Prozent steigt.

Dabei gilt für die neuen Bundesländer, und damit auch für Berlin und Brandenburg, ein Spezifikum: Im Unterschied zum Bundesgebiet sind Rentner hier nach Auskunft des DGB fast vollständig von Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung abhängig. Nur 6 Prozent der Berliner und Brandenburger Rentner beziehen darüber hinaus Bezüge aus einer Betrieblichen Altersvorsorge, aus Tarifverträgen zur Altersvorsorge oder sonstigen Rentenzusatzleistungen. In Deutschland insgesamt liegt diese Quote hingegen bei 27 Prozent. Die Gesetzliche Rentenversicherung sei insofern „hier die wichtigste Quelle des Alterseinkommens, und deshalb muss die Rente für ein gutes Leben reichen“, so Christian Hoßbach, Vorsitzender des DGB in Berlin und Brandenburg. 

Das besondere Gewicht der gesetzlichen Rente im Osten sei noch deutlicher, heißt es im Rentenreport, wenn zusätzlich die Einnahmen aus privater Vorsorge für das Alter betrachtet würden. Während Ehepaare über 65 Jahren in den alten Bundesländern ihr Einkommen aus privater Vorsorge etwa aus Mieteinnahmen im Schnitt um 9 Prozent aufstockten, liege dieser Anteil in den neuen Bundesländern nur bei 3 Prozent. Vor allem geringere Verdienste als in den alten Bundesländern führen laut DGB nach wie vor zu gravierenden Vermögensunterschieden zwischen Ost und West. So verfügte 2017 ein mittlerer Haushalt im Osten über ein Vermögen von 23.400 Euro. Ein Durchschnittshaushalt im Westen besaß hingegen 92.500 Euro. Neben geringeren Löhnen wird im Osten im Vergleich auch weniger vererbt, das Betriebs- und Immobilienvermögen fällt kleiner aus. 

Unrealistische Erwerbsbiografien 

Die Höhe der gesetzlichen Rente wird hauptsächlich von zwei Einflussgrößen bestimmt: Einerseits durch die Dauer und die Höhe der eingezahlten Versicherungsbeiträge und andererseits durch das jeweils geltende Rentenniveau. In der Rentenpolitik wird dabei bis heute auf das Modell des „Eckrentners“ abgestellt. Danach hat ein Rentner 45 Versicherungsjahre ohne Unterbrechung ein bestimmtes Durchschnittseinkommen erzielt. Von diesen „Eckrentnern“ gebe es zwar immer noch viele, schreibt der DGB – insbesondere in Brandenburg und im Osten Berlins würden die Menschen noch heute von den langen und stabilen DDR-Erwerbsbiografien sowie von der Aufwertung der Ost-Renten profitieren. Im Vergleich zum Westen Berlins kommen laut DGB vor allem den Frauen ihre höheren und durchgehenden Einkommen zugute. Die Durchschnittsrente liege aber niedriger als mit der Eckrente kalkuliert. Erwerbsbiografien seien heute nicht mehr so kalkulierbar wie noch für frühere Generationen.

Als Hauptursache für den Trend rückläufiger Altersbezüge benennt der DGB derweil die Umbrüche nach der Wende. Dazu gehörten verbreitete Arbeitslosigkeit, ein großer Niedriglohnsektor und prekäre Beschäftigung. Auch die Erhöhung des Renteneintrittsalters verschärfe das Problem: Wer früher aufhören wolle oder vor der Altersrente eine Erwerbsminderungsrente beziehe, müsse Abschläge in Kauf nehmen. Das generell sinkende Rentenniveau – also das Verhältnis einer sogenannten Standardrente nach 45 Beitragsjahren zum Einkommen eines aktuellen Durchschnittsverdieners, das aktuell bei 48,2 Prozent liegt – komme noch hinzu. 

Soloselbstständige und Altersarmut

Die Grundlage für eine gute Rente wird am Arbeitsmarkt gelegt, heißt es beim DGB. Wer länger arbeitslos sei oder dauerhaft für Niedriglohn und in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeiten müsse, bekomme zwangsläufig eine Armutsrente. Bereits heute sei Altersarmut für immer mehr Menschen eine konkrete Bedrohung, so die Gewerkschafter. Fast 18 Prozent aller Pensionäre in Berlin lebten unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle. In Brandenburg liege diese Zahl bei fast 15 Prozent. 

Für das Gesamtsystem der sozialen Sicherung sei es immer wichtiger, heißt es im Rentenreport, die Beschäftigungsfähigkeit der älteren Menschen durch konsequenten Arbeitsschutz und durch betriebliche Gesundheitsförderung zu erhalten, damit Beschäftigte die Altersgrenze von 67 Jahren sicher in Arbeit erreichen könnten.

Der Arbeitsalltag, schreiben die Gewerkschafter, mache heute vielen zu schaffen: Sehr häufig seien die Beschäftigten mit einer so starken Arbeitsintensität und einem so hohen Zeitdruck konfrontiert, dass nicht nur die Qualität der Arbeit leide. Als Ergebnis dieser verbreiteten Arbeitsverdichtung seien psychische Erkrankungen inzwischen die Hauptursache für Arbeitsunfähigkeit. Gerade unter den Bedingungen der Digitalisierung dürfe Arbeit nicht krank machen.

Problematisch sieht der DGB Berlin-Brandenburg dabei vor allem die Lage vieler Soloselbstständiger, von denen es in Berlin überdurchschnittlich viele gibt. Die Corona-Pandemie habe ein weiteres Mal deren schlechte soziale Absicherung offengelegt. In Berlin sei zudem der Anteil atypischer Beschäftigter groß, die besonders von Altersarmut bedroht seien.

Mit Blick auf die Folgen der Pandemie und gegenüber Diskussionen zur Notwendigkeit der privaten Vorsorge betonen die Gewerkschafter in ihrem Bericht, wie wichtig die gesetzliche Absicherung sei. Im Unterschied zur privaten Altersvorsorge beinhalte sie wichtige Zusatzleistungen. „Sie hilft den Versicherten mit Maßnahmen zur beruflichen Rehabilitation und zahlt bei Erwerbsminderung. Auch Hinterbliebenenrenten sichern die Existenzgrundlage vieler Menschen ab“, so Christian Hoßbach.