Nikosia - Brüssel Leichenblass soll Zyperns Finanzminister Michalis Sarris gewesen sein bei den Verhandlungen zum Rettungspaket. So berichten es EU-Diplomaten, die an der entscheidenden Sitzung am Wochenende teilgenommen haben. Der Gefühlszustand des Ministers dürfte sich am Dienstag kaum gebessert haben. Zyperns Parlament lehnte einen Kompromiss zum Rettungspaket ab. Einstimmig. „Mein Gefühl sagt mir, dass das Gesetz durchfällt“, hatte Präsident Nikos Anastasiades schon zuvor erklärt.

In Zypern herrscht eine allgemeine Einlagenverunsicherung, seit die Eurogruppe beschlossen hatte, auch Sparer an den Kosten der Bankenrettung zu beteiligen. Am Dienstag hatte man vergeblich versucht, die Lage zu beruhigen. Kleinsparer mit Guthaben von weniger als 20.000 Euro sollten von einer Sonderabgabe verschont werden. Kontoinhaber mit Einlagen von bis zu 100 000 Euro sollten eine Abgabe von 6,75 Prozent bezahlen.

Der Pleite entgegen

Vermögende mit mehr als 100 000 Euro Einlagen sollten gar eine Sonderabgabe von 9,9 Prozent entrichten. Kaum waren die neuen Zahlen bekannt, teilte Zyperns Notenbank mit, das reiche nicht, um den geforderten Eigenbeitrag von 5,8 Milliarden Euro zu erzielen. Eine konzertierte Aktion sieht anders aus. Das Land taumelt der Pleite entgegen. Bis Ende Mai soll das Geld aber noch reichen.

Das Vertrauen in die EU und ihr Krisenmanagement dürfte das nicht stärken. Präsident Anastasiades telefonierte am Dienstag mit Kanzlerin Angela Merkel. Die verwies an die Troika von Europäischer Zentralbank (EZB), Internationalem Währungsfonds (IWF) und EU-Kommission. In Brüssel beharrte EU-Kommissar Olli Rehn darauf, dass Zypern 5,8 Milliarden Euro zur Bankenrettung aufbringen müsse.

Hoffen auf Unterstützung aus Russland

Anastasiades sprach vielsagend von „eigenen Plänen“. Sein Finanzminister Michael Sarris hielt sich bereits am Dienstag in Russland auf und dementierte dort am Abend Berichte über seinen Rücktritt, die an den Finanzmärkten für zusätzliche Unruhe gesorgt hatten. Am Mittwoch will Sarris in Moskau weitere Gespräche mit russischen Vertretern führen.

#gallery1

#gallery2

Das Land hatte Zypern schon 2011 einen Kredit gewährt. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte auch schon seinen Unmut kundtun lassen, dass die Abgabe vor allem Russlands Reiche treffe. Ein Drittel der 68 Milliarden Euro Einlagen bei Zyperns Banken werden von Ausländern gehalten, überwiegend Russen und Briten, die die Steuervorteile nutzen. Russische Behörden dementierten allerdings Spekulationen, der Kreml könnte mehr Geld anbieten. Auch EU-Kommissionschef José Manuel Barroso reist am Mittwoch nach Moskau. Das Treffen ist lange geplant.

Chaotisches Krisenmanagement

Die Planung für Zyperns Rettung ist indes außer Kontrolle geraten. Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker lästerte über das Krisenmanagement. Sein Nachfolger als Eurogruppenchef, der Niederländer Jeroen Dijsselbloem, wies dies zurück.

Auch EU-Diplomaten berichteten, ohne Dijsselbloems strikte Regie hätten die Verhandlungen 20 Stunden gedauert. Sie erklärten, dass der IWF im Vorjahr das Sparermodell ins Spiel gebracht habe. Wolfgang Schäuble hätte dies gern aufgegriffen. In der Nacht zu Sonnabend sei lange verhandelt worden.

Hätte man Kleinsparer verschont, hätten die Vermögenden eine Abgabe von 20 Prozent zahlen müssen. Das habe Anastasiades abgelehnt, er fürchtete um Zyperns Geschäftsmodell und verließ die Runde. Ein anderer Deutscher brachte ihn zurück. EZB-Mitglied Jörg Asmussen erklärte, ohne die Aussicht auf ein Hilfspaket könne die EZB Zyperns Banken kein Geld mehr gewähren. So kam der Kompromiss zustande. Jetzt konterte Zypern. Offen droht das Land mit der Pleite. Ein organisiertes Chaos mit riskantem Ausgang. (mit dak/rtr/dpa)