Wo mal ein Fluss war: Abgeholzte Baumstämme treiben auf dem Staubecken und führen beinahe zum Kollaps des Damms.
Foto: Fabian Grieger

BerlinDer Rio Cauca ist eigentlich einer der schönsten Flüsse Kolumbiens. Trotz der hässlichen Vorkommnisse an seinen Ufern. Das Wasser war sprichwörtlich rot gefärbt, so viele Leichen musste der Fluss Richtung Norden tragen. Heute ist es grün – verfault aufgestaut – und auf andere Weise tödlich. Der Rio Cauca erzählt viele Geschichten, wenn er sich durch das Tal schlängelt. Die letzte handelt von einem Staudamm.

In Sabanalarga stehen an einer Straßenecke drei ältere Männer, erzählen sich Dorfgeschichten; von Prügeleien, Scharlatanen und Faulpelzen. Die Stimmung ist gut. Bis zwei Techniker ein Rohr an ihnen vorbeitragen. „Wer ist das?“ , fragt Angel, einer der Alteingesessenen. Die anderen beiden schütteln den Kopf. Sie sind hier skeptisch geworden gegenüber Technikern. Die könnten, das ist der Verdacht, etwas mit dem Staudamm Hidroituango zu tun haben, einige Kilometer weiter flussabwärts. Und der ist bei vielen im Dorf unwillkommen. Auch bei Angel, der fast sein gesamtes Leben in Sabanalarga verbracht hat, wo sich kleine Häuser auf den stark abfallenden Straßen reihen. Über Jahre trugen dabei die Goldschürfer von unten aus dem Fluss und die Kaffeebauern von oben aus den Bergen den Wohlstand ins Dorf.

„Wenn die Kaffee-Ernte nicht reichte, ging es an den Fluss, und das Auskommen war gesichert. Nun fehlt das Gold, und die Kaffee-Ernte reicht immer noch nicht“, erklärt Angel. Oberkörperfrei zeigen sich die sehnigen Spuren eines Lebens voller körperlicher Arbeit. Der 57-Jährige hat eine rauchige Stimme. Sein Gesicht trägt einige Falten, die sich vertiefen, wenn er davon erzählt, wie sich sein Leben mit dem Wasserkraftwerk verändert hat.

Chronik einer vielschichtigen Katastrophe

Denn mit Hidroituango kamen vielfältige Probleme in die Region. Als sich die Staudammplanungen konkretisierten, begannen die Paramilitärs einen brutalen Krieg gegen die Bevölkerung. Den massenhaften Vertreibungen von Menschen folgte mit dem Staudammbau die Vertreibung eines einzigartigen Ökosystems, was den Bewohnern des Caucatals die Nahrungsgrundlage entzog. Proteste der Betroffenen werden bis heute durch staatliche und paramilitärische Gewalt unterdrückt. Hier, rund um die Gemeinde Ituango im Nordosten des Landes, lassen sich die komplizierten Hintergründe der Gewalt im heutigen Kolumbien besser verstehen. Die Chronik einer vielschichtigen Katastrophe.

Dabei sollte Hidroituango eigentlich der Stolz der ganzen Region werden. Unter dem damaligen Gouverneur und späteren Präsidenten Álvaro Uribe wurde 1997 die Betreibergesellschaft für den Damm gegründet. Der Staat nahm das Projekt in die Hand und erkor die Stadtwerke Medellín, die Empresas Públicas de Medellín (EPM), zum Betreiber. Hauptaktionär ist die Regierung des Bundesstaats Antioquia. Der Bau des größten Staudamms Kolumbiens begann 2011. Er soll mit einer Leistung von 2400 MW einmal die Kapazität zur Erzeugung von 17 Prozent des nationalen Strombedarfs haben und Startschuss für weitere Megaprojekte sein.

Menschenerbautes Monster. Über eine Abflussrampe versucht EPM Wasserdruck von der Staumauer zu nehmen, um einen Dammbruch abzuwenden
Foto: Fabian Grieger

Aus Dokumenten, die der Berliner Zeitung vorliegen, geht hervor, dass in Ituango 2011 Konzessionen für den Gold- und Silberabbau an den südafrikanischen Konzern Anglogold Ashanti vergeben wurden, und eine bereits gebaute Stromtrasse führt vom Wasserkraftwerk zur Nickelmine „Cerro Matoso“, die vom australischen Multi BHP Biliton betrieben wird und mehr Strom konsumiert als die Millionenstadt Barranquilla.

Hidroituango wäre dabei ohne ausländische Investitionen und Technik nicht möglich gewesen. Gleich mehrere deutsche Firmen unterstützen das Projekt: Siemens lieferte Schaltanlagen und Transformatoren, der Druckluftspezialist Kaeser Kompressoren, die KfW IPEX-Bank finanzierte das Projekt mit 100 Millionen Dollar mit, und die Munich Re (mit einem dreistelligen Millionenbetrag) und Hannoveraner Rück agierten als Rückversicherer. Auch die Allianz hatte sich um einen Versicherungsvertrag beworben, erhielt aber letztlich nicht den Zuschlag. Das bis heute 4,5 Milliarden Dollar schwere Projekt und die Entwicklung, die es proklamiert, haben einige Gewinner produziert – und jede Menge Verlierer.

Eine Kettenreaktion 

Diese Geschichte lässt sich am besten am Ufer des Stausees erzählen, der mit seiner Flutung im Mai letzten Jahres eine Kettenreaktion in Gang gesetzt hat: Das Wasser schluckte den weltweit einzigartigen tropischen Trockenwald, die hier beheimateten Tiere siedelten in höhere Lagen über und zerstörten die Kaffee-Ernte; gleichzeitig endet die Fischwanderung aus dem Delta an der Staumauer, und das Goldschürfen ist im tiefen Stausee nicht mehr möglich.

Angel aus Sabanalarga und seine Kollegen fischen jetzt in einem Bach, dem sie an diesem Tag 20 kleine Fische entlocken – Eigenbedarf. Alle außer Angel wohnten einst in anderen Orten der Region und wurden von bewaffneten Gruppen nach Sabanalarga vertrieben – hier konnte der Fluss sie ernähren. Nun hat sich der einst reiche Rio Cauca verfärbt. Organische Reste, die nicht mehr abtransportiert werden, gammeln im Fluss, das Wasser ist sauerstoffarm. Eine Fischerin zeigt auf eine entzündete Wunde; es gebe nun Pilze im Fluss.

EPM hat ein Schild aufgestellt, dass das Fischen am Stausee verboten ist. Private Sicherheitsdienste sorgen dafür, dass sich jeder dran hält. Gleichzeitig hat EPM hier Land aufgekauft, um aufzuforsten. Das soll den Umweltschaden verringern und den Wasserspiegel des Flusses hoch halten. Was umweltfreundlich klingt, mündet jedoch in einer weiteren Verknappung der landwirtschaftlichen Nutzflächen.

„Wir brauchten kein Abitur für das Leben hier. Ein Netz und Gummistiefel, das war ausreichend“, sagt ein Fischer. Jetzt sagen ihnen jene, die vorgeben, die Entwicklung in die Region zu bringen, dass sie sich um ihre Lebensläufe kümmern und auf einen „richtigen“ Job bewerben sollen.

Die in dieser Form von Fortschritt keine gute Entwicklung sehen, versammeln sich in der Organisation „Rios Vivos Antioquia“, der stärksten Opposition gegen den Staudamm. „Wir sind in Sabanalarga 9200 Einwohner, davon haben sie 450 entschädigt“, erklärt Angel bei einer Versammlung und dass zwei Jahre vor der Betroffenenregistrierung Paramilitärs ein Massaker in Sabanalarga ausübten. Unter dem Vorwand einer Zählung riefen sie die Menschen zusammen und ermordeten sie. Als EPM dann die Menschen registrieren wollte, kamen die meisten nicht – aus Angst, sie würden erschossen.

Die Massaker in der Region waren systematisch und sollten den Bau von Hidroituango ermöglichen.

Elmer Arrieta

Die Gewalt hinterlässt Spuren in den Köpfen. Allein in der Staudamm-Region wurden seit 1982 in 62 Massakern mehr als 1350 Menschen umgebracht, vor allem Männer. Es gab eine Zeit, da lebten fast nur noch Frauen in den Dörfern. Bis heute gelten rund 500 Menschen als verschwunden, viele werden auf dem Grund des Rio Cauca vermutet. Durch die Flutung des Staudamms ist die Suche kaum noch möglich.

„Die Massaker in der Region waren systematisch und sollten den Bau von Hidroituango ermöglichen“, ist sich Elmer Arrieta sicher, Ex-Kommandant der 18. Front der Guerilla FARC-EP, die bis zum Beginn des Friedensprozesses Ende 2016 die Region Ituango kontrollierte. Die Guerilla unterstützte 1989 die Gründung einer Vereinigung gegen den Staudamm, erzählt Arrieta. Er sitzt an seinem Schreibtisch im Parteibüro der neuen FARC-Partei und erinnert sich an die Situation von damals: „Als die Paramilitärs kamen, haben sie gezielt die Mitglieder dieser Organisation umgebracht.“ Hatte die FARC nicht die Mittel, um den Staudamm zu verhindern? „Wir haben die Paras rausgeworfen. Das war unsere Aufgabe. Für den Stopp des Baus hätte es größeren Widerstand der Bevölkerung gebraucht.“ Den gab es aber nicht. Für Arrieta liegt das vor allem an der Angst nach den Massakern.

Jorge Londoño de la Cuesta

Chef der Stadtwerke von Medellín (EPM), die als Betreiberfirma des Staudamms Hidroituango agieren.

„Unsere Aufgabe war es,  eine große Investition in einer Region zu machen, die historisch stark von Gewalt betroffen war.“

Was er dann erzählt, lässt aufhorchen: „Wir haben vor unserem Rückzug darauf hingewiesen, dass der Staat in der Region Präsenz zeigen muss, weil sonst andere Gruppen unseren Platz einnehmen. Der Staat hatte ausreichend Militär in der Gegend – trotzdem setzten sich einen Tag nach unserem Abzug die Paramilitärs ungestört in Ituango fest.“ Es klingt bei Arrieta so, als habe der Staat bewusst die heutige Präsenz von Paramilitärs rund um Hidroituango zugelassen.

Die Konsequenzen hat die Fischerin Lucirian del Carmen Hernandez am eigenen Leib erfahren. Das Interview mit ihr ist kurz und findet unter Tränen statt. Erst im Mai 2018 hat sie ihren Mann Hugo Albeiro George verloren, erschossen am Rande einer Demonstration in Puerto Valdivia. Der Mord fand tags vor einer Bäckerei statt, die anderen Gäste erkannten das Gesicht des Mörders: ein Jugendlicher aus dem Dorf, Mitglied der Paramilitärs Clan del Golfo. Die Polizei konnte bis heute allerdings keinen Täter ermitteln. Auf Anfragen der Berliner Zeitung reagiert sie nicht. Damit ist Hugo George das vierte Mitglied von Rios Vivos, das innerhalb der letzten sechs Jahre ermordet wurde. Alle Morde blieben straffrei. Hugo George hinterlässt zwölf Kinder.

Wie kommt es zu den selektiven Morden?

Die Menschen von Rios Vivos sehen das Problem vor allem in denen, die die Gewalt legitimieren. Sie müsse man zur Rechenschaft ziehen, damit es aufhört. Nicht den Jugendlichen, der letztlich geschossen hat. Sie meinen den Pfarrer, der regelmäßig sonntags die Aktivisten in der Messe beleidigt oder den Bürgermeister von Valdivia, der keine Mitglieder von Rios Vivos in der öffentlichen Verwaltung einstellt. Und die Medien, die betonen, dass Rios Vivos die Entwicklung in der Region blockiert.

Doch wer hat im größeren Zusammenhang Interesse an der Unterdrückung der Opposition? Wer befehligt die Paramilitärs? Es gibt dazu in Kolumbien keine Gewissheiten, aber ein Puzzlespiel aus Ereignissen. So blockierte das Militär eine Finca, auf der eine Versammlung von Rios Vivos stattfinden sollte. Kurz darauf wurden dort die Leichen von zwei Verschwundenen ausgegraben. 2016 verboten Mitglieder des Clan del Golfo Sprüche gegen EPM und lösten eine Demo auf. Beunruhigende Allianzen.

Es weist viel darauf hin, dass ein Netzwerk aus Profiteuren des Staudamms nach wie vor staatliche und paramilitärische Gewalt nutzt, um eigene Interessen durchzusetzen. Das können lokale Eliten wie Zulieferer-Unternehmer und Bürgermeister sein, die finanziell vom Projekt profitieren. Oder regionale Unternehmereliten, die mit dem Bau beauftragt sind oder die Regierung von Antioquia, die sich große Gewinne von Hidroituango verspricht. Auch nationale Eliten aus Regierungs- und Wirtschaftskreisen, die strategisch-militärische Interessen in der Region verfolgen und die Region infrastrukturell erschließen wollen haben genauso ein Interesse am Dammbau wie internationale Investoren. Dazu mischen sich die eigenen Machterhaltungsinteressen der illegalen bewaffneten Gruppen wie den Paramilitärs, die hier illegale Minen und Drogenhandel betreiben. Wer aber genau einen Mord an einem Staudammkritiker in Auftrag gibt, das kommt in Kolumbien kaum ans Licht. Auch, weil die Verstrickungen zwischen den einzelnen Akteuren heute nicht mehr so unmittelbar sind wie vor 20 Jahren.

Hidroituango ist ein Paradebeispiel für den Krieg, der nach dem Friedensvertrag mit der FARC im Jahr 2016 herrscht. Gemordet wird dort, wo die FARC war und Koka und Bergbau stark sind. Die Gewalt bricht oft am Rande von Großprojekten aus, und soziale Aktivisten werden selektiv ermordet. Der Staat und internationale Investitionen spielen eine zentrale Rolle. „Durch einen seltsamen Zufall finden immer dort Massaker statt, wo kurz darauf Megaprojekte gebaut werden“, sagt Luz Maria Munera, Abgeordnete im Stadtrat von Medellín. Sie fragt: „Wen interessiert ein Guerillero irgendwo in den Bergen, wo es keine wirtschaftlichen Interessen gibt?“ Der Staat interveniere im Sinne wirtschaftlicher Interessen und das mit großer Gewalt. „In Kolumbien hat die Demokratie eine Waffe in der Hand.“

Unsere Aufgabe war es, eine große Investition in einer Region zu machen, die historisch stark von Gewalt betroffen war.

Jorge Londoño de la Cuesta, Geschäftsführer von EPM

Warum sie sich an einem Projekt beteiligen, in dessen Umfeld so viel Gewalt ausgeübt wird, beantworten die deutschen Unternehmen KfW IPEX und Siemens nicht wirklich. Die Pressesprecherin von Siemens Colombia bittet zunächst um eine schriftliche Zusendung der Fragen, die dann ohne Antwort bleiben. Besonders knapp äußert sich die öffentliche KfW-IPEX-Bank gegenüber der Berliner Zeitung. Die Geschehnisse vor Ort seien im Einklang mit den Nachhaltigkeits- und Menschenrechtsrichtlinien, zu denen sich die Bank bekennt. Zur Frage, wie genau die Prüfung und Einhaltung sichergestellt wird, heißt es: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen aufgrund des Bankgeheimnisses keine Details zur internen Überprüfung des genannten Projekts machen können.“ Man nehme die Geschehnisse vor Ort allerdings sehr ernst und sei dazu im regelmäßigen Austausch mit den Projektverantwortlichen. Doch auch zu den Inhalten der aktuellen Gespräche könne man keine Auskunft geben.

Dagegen stellt sich Jorge Londoño de la Cuesta, Geschäftsführer von EPM, im obersten Stock der Firmenzentrale in Medellín den Fragen. Londoño bewertet das Projekt trotz der Schwierigkeiten letztlich als Erfolg. „Unsere Aufgabe war es, eine große Investition in einer Region zu machen, die historisch stark von Gewalt betroffen war.“ Und dies sei mit rund 700 Millionen Dollar für Infrastruktur geschehen. Durch Straßenbau wurde die Fahrtzeit von Medellín nach Ituango reduziert. EPM baute Schulen und Kindergärten, schloss Gemeinden an das Stromnetz an und finanzierte für geschädigte Familien Landwirtschaftsprojekte. Die Abgaben von EPM haben den Haushalt einiger Gemeinden vervielfacht. Sämtliche Bürgermeister der Region standen hinter dem Projekt. Selbst die Natur habe letztlich profitiert, meint Londoño. Mit der Aufforstung in Naturreservaten für die Abholzung beim Bau sei letztlich Wald geschützt worden, der eh von Rodung bedroht worden sei.

Alle Menschen, die durch das Projekt Nachteile hatten, seien angemessen entschädigt worden. Allerdings: „Nun gibt es Leute, die die Umstände ausnutzen wollen und jetzt sagen: ,Wir wurden nicht beachtet‘ oder ,Ich will mehr!‘“ Er meint damit wohl Menschen wie Cecilia und Angel.

Im Vorgespräch hatte der Pressesprecher verraten, dass in der Vergangenheit EPM Wasserkraftwerke nicht bauen konnte, weil sich zu viele Menschen in das Entschädigungsregister geschummelt hätten. Bei EPM sieht man Widerstandsorganisationen als eine letztlich schädliche Blockade eines legitimen Prozesses.

Mit seinem Fisch- und Goldreichtum ernährt Kolumbiens zweitgrößter Fluss die Menschen an seinen Ufern
Foto: Fabian Grieger

Als er nach den Morden an Aktivisten von Rios Vivos gefragt wird, wirkt Londoño gereizter: „Ich kenne diese Fälle nicht. Wir haben nichts mit dem Tod von Aktivisten zu tun. Die Todesfälle sind auf die schon lange existierenden Probleme dort zurückzuführen.“ Er geht noch weiter: „EPM hat nie Schutzgeld bezahlt. Wir sind der Staat. Damit wir das Projekt durchführen konnten, haben wir immer mit anderen staatlichen Institutionen wie der Armee zusammengearbeitet.“ Nach dem Interview, als das Aufnahmegerät aus ist, wird Londoño sagen: „Es tut mir weh, dass du mir solche Fragen stellst.“ Dann fragt er rhetorisch: „Glaubst du wirklich, eine private Firma hätte in dieser Region so viel Geld investiert?“

EPM genoss in Kolumbien lange mehr Vertrauen als der Staat. Doch nun scheinen sie die Kontrolle über ihren Staudamm verloren zu haben. Im April 2018 verstopften gerodete Baumstämme die Ableittunnel. Der Damm hielt dem Druck kaum stand. Als einer der Tunnel unkontrolliert freigelegt wurde, überschwemmte eine Flutwelle die Dörfer flussabwärts – über 24 000 Menschen wurden evakuiert. Seit Mai leitet EPM das Wasser durch das noch nicht fertiggestellte Maschinenhaus ab, um Schlimmeres zu verhindern.

Wegen der verursachten Umweltkatastrophen müssen sich die Verantwortlichen verschiedenen juristischen Untersuchungen unterziehen. Bereits in früheren Phasen des Projektes wurde wegen Korruption, der Missachtung der Umweltauflagen sowie der nicht ausreichenden Suche nach Verschwundenen vor der Staudammflutung ermittelt.

Unternehmen verschuldete sich für das Staudammprojekt

Als sich die Projektbetreiber bei einer Anhörung vor der Staatsanwaltschaft erklären müssen, schieben sie sich die Verantwortung gegenseitig zu. Denn bei der Katastrophe um Hidroituango steht viel auf dem Spiel. Nicht nur die eine oder andere politische Karriere. Im Prinzip bereits der Haushalt von Medellín, der Vorzeigestadt Kolumbiens, der von   den Gewinnen von EPM abhängt. Sozialprogramme wurden finanziert, Medellín hat die beste Infrastruktur und die stärkste Wirtschaft Kolumbiens. „Dank der Gewinne von EPM ist es nirgends so einfach, Bürgermeister zu sein, wie in Medellin“ , sagt die Stadtratsabgeordnete Luz Maria Munera. Doch das könnte sich in Zukunft ändern. Denn EPM hat sich für das Staudammprojekt hoch verschuldet, und wann es fertiggestellt wird, ist unklar. Öffentlich wurden Schulden gemacht, um private Auftragsnehmer zu bezahlen. Jetzt, so macht ein Gerücht im politischen Medellín die Runde, könnte die Krise von EPM genutzt werden, um mit ca. 16.000 direkt und 25.000 indirekt Beschäftigten eines der letzten großen öffentlichen Versorgungsunternehmen Kolumbiens zu privatisieren.

Währenddessen versucht EPM, seinen Staudamm zu retten: Im Januar 2019 kommt es zu neuen Schwierigkeiten: Bei einer Operation wird ein Hohlraum im angrenzenden Berg entdeckt, vermutlich ausgelöst durch den hohen Wasserdruck. Der Berg droht zu explodieren.

Da kommen bei Cecilia Muriel in Puerto Valdivia Erinnerungen an die Flutwelle im Mai 2018 auf, die ihr Haus zerstörte. Muriel malt mit dem Zeigefinger in die Luft: „Dort war die Brücke für die Schulkinder, die das Wasser mitgerissen hat. Und da hinten wohnten wir und hier vorne die Zivilisierten – die, die sich für was Besseres halten.“

Muriel lebte in einer indigenen Gemeinde der Nutabe, die bis 2000 offiziell als ausgestorben galten. Ihr letzter Kazike, der indigene Anführer, wurde 1998 von Paramilitärs umgebracht. Auch darum erkannte das Innenministerium die Existenz von Indigenen in der Region zunächst nicht an, was zu einer vorherigen Konsultation verpflichtet hätte. Nach langem Kampf wurden im Jahr 2017 schließlich 57 Familien anerkannt, mit denen nun nachträglich ein Konsultationsverfahren durchgeführt wird. Tatsächlich seien es aber viel mehr: „Da wurde teilweise der Sohn als indigen anerkannt, die Eltern aber nicht“, sagt Cecilia Muriel.

Staudamm hat die Menschen vertrieben

Muriels Gemeinde war immer unabhängig. Als die bewaffneten Gruppen ins Dorf kamen, haben sie sie mit Fackeln vertrieben. Und als die anderen anfingen, Koka anzubauen, blieb Muriel beim Goldwaschen. Der Rio Cauca war ihr immer gut gesinnt. Bis das „Monster“ , so nennt sie den Staudamm, mit einer Flutwelle ihr jahrelang aufgebautes Leben weggespült hat. Ein ganzes Viertel ist nun nicht mehr da, in einigen verlassenen Häusern stehen noch Ehebetten. Langsam bahnen sich Tränen über Muriels strenge Gesichtszüge: „Was die bewaffneten Gruppen in 60 Jahren nicht geschafft haben, hat Hidroituango geschafft – und uns vertrieben.“

Am Abend kehrt Muriel ausnahmsweise in ein Haus zurück, das der Fluss verschont hat. Hier ist die Präsenz der Paramilitärs, die sie mit dem Tod bedrohen, erdrückend. Wir essen ohne Licht und ohne mit dem Besteck zu klappern. Wenn sich jemand dem Haus nähert, verstummt Cecilia. „Ich habe Angst“, flüstert sie später. Dann regnet es, und die Tropfen auf dem Wellblechdach übertönen die unheimlichen Geräusche von außen. Ein Hauch von Frieden.

Doch in diesen Tagen droht wieder Gefahr vom Fluss: Als die Staudammbetreiber eine Tür des Maschinenhauses schließen, sinkt der Wasserpegel unterhalb der Staumauer ins Unmessbare. Wo einst ein mächtiger Fluss war, kommen Kiesbänke zum Vorschein. Dazwischen fließt noch ein Rinnsal, umgeben von tausenden Fischkadavern. Und auch wenn der Pegel zwei Monate später wieder steigt – das Ökosystem wird sich von diesem Schock nicht erholen. Die Fischer beerdigen in diesen Tagen ihren Fluss mit einer Kerze und einem letzten Lied in einer Zeremonie. Der Rio Cauca ist nun begraben.