Risikoanalyse: Rockstars sterben früher

Rockstars leben schnell und sterben jung, heißt es. Aber ist das mehr als eine bloße Floskel? Als Versicherungsmediziner muss es Karsten Filzmaier schon von Berufs wegen genauer wissen. Denn eine Lebenspolice erfolgreicher Musiker läuft nicht wie im Schnitt der Bevölkerung über einige zehntausend oder hunderttausend Euro. Tritt ein Star für immer von der Bühne ab, werden oft einige Millionen Euro fällig, weiß der Leiter des medizinischen Kompetenzzentrums beim Assekuranzkonzern Munich Re.

Bei ihr versichern sich Versicherer wie die Allianz, die Lebenspolicen verkaufen, um solche Risiken auf mehrere Schultern zu verteilen. In diesem Fall das Sterberisiko von Rockstars und das ist eindeutig mehr als ein Mythos, belegen Studien.

„Rockstars sterben bis zu 25 Jahre früher als der Bevölkerungsdurchschnitt“, zitiert Filzmaier aus einer Studie der Universität Sydney. Die Wissenschaftler haben den Tod von 12.665 Musikern unter die Lupe genommen, die zwischen 1950 und 2014 gestorben sind. Diese Daten untermauern eine Vorgängerstudie der Universität Liverpool, die Leben und Sterben von 1.489 Rock- und Popstars aus Europa und den USA analysiert hat: Das Sterberisiko der Rocker ist fast doppelt so hoch wie das der Normalbevölkerung.

Gefährdet wie Raucher

„Das entspricht vereinfacht ausgedrückt dem Sterberisiko langjähriger Raucher oder von Menschen, die schon einmal an Krebs erkrankt sind“, sagt Filzmaier. Das bedeutet für Lebensversicherer ein gewaltiges Risiko. Auf Basis der beiden Studien können Assekuranzexperten jetzt das Rockstar-Risiko verlässlicher kalkulieren. Männliche Rockstars sterben im Schnitt mit 51 Jahren, während es durchschnittliche US-Bürger auf 76 Jahre bringen.

Solokünstler haben laut Studien ein doppelt so hohes Sterberisiko wie Bandmusiker. Europäische Musikstars sterben statistisch wiederum fünf Jahre früher als US-Kollegen. Allgemeine Hauptgründe sind Drogen oder Alkohol und Suizid. Letzteres ist übrigens meistens nur in den ersten drei Jahren nach dem Abschluss einer Lebenspolice ein Ausschlussgrund für die Auszahlung der Versicherungssumme. Geändert habe sich über die Jahrzehnte nichts am – statistisch gesehen – riskanten Lebensstil der Rockstars, sagt Filzmaier.

Reiche leben oft länger

Um das Risiko in den Griff zu bekommen, rät die Munich Re ihren Versicherungskunden bei diesem Klientel zu einer genauen Risikoprüfung. Das kann ein Drogentest sein oder in der Entscheidung münden, bei deutlichen Hinweisen auf einen sehr riskanten Lebensstil auf eine Versicherung zu verzichten.

Für ihre Einkommensgruppe ist der frühe Tod von Rockstars eigentlich untypisch. Normalerweise leben Wohlhabende länger als Normalverdiener, weil sie sich höhere Ausgaben für ihre Gesundheit leisten können. Das macht Reiche im Allgemeinen zu einem guten Versicherungsrisiko. Die Lebensweise von Elvis & Co verkehrt das ins Gegenteil.

Mythos Club 27

Ein Mythos ist dagegen in seiner Zugespitztheit der sogenannte Club 27, haben Wissenschaftler der Uni Freiburg ermittelt. Mit 27 Jahren sei kein spezifischer Risikogipfel statistisch nachweisbar und der Tod von Stars wie Jimi Hendrix, oder Kurt Cobain in diesem Alter keine auffällige Häufung. Allerdings sei das Risiko erfolgreicher Musiker, zwischen 20 und Ende 30 für immer abzutreten, bis zu dreimal so hoch wie im Vergleich zur Normalbevölkerung.

Generell haben Jungstars das größte Sterblichkeitsrisiko. Wer die Anfangsjahre seiner Berühmtheit überlebt, ist nicht selten geläutert, ernährt sich gesund und hat bisweilen einen persönlichen Fitnesstrainer. Statistisch gesehen nähert sie sich wieder Normalsterblichen an.

Beeindruckendstes Beispiel dafür ist Rolling Stones-Gitarrist Keith Richards, der im Laufe seines Lebens so gut wie alle bekannte Drogen konsumiert hat. Mit bald 71 Jahren lebt er entgegen aller statistischen Wahrscheinlichkeiten aber immer noch.