Farnborough - Das Rennen ist gestartet. Wer wird bei der Luftfahrtshow im britischen Farnborough mehr Aufträge einheimsen? Airbus oder Boeing? Wird es Rekordbestellungen geben?

Gut möglich, dass sich dieses Jahr die Orders in einem bescheidenen Rahmen bewegen. Unter Airline-Managern wächst die Zurückhaltung – nicht nur wegen Handelsstreitigkeiten und diversen geopolitischen Unsicherheiten, sondern auch weil sie auf neue Flugzeuge warten.

797 könnte ein komplett neues Flugzeug werden

Deshalb wird auf der Messe, die am Montag eröffnet wurde und bis kommenden Sonntag geht, viel über Flugzeuge diskutiert, die es noch gar nicht gibt. Vor allem über die 797 von Boeing. Die Bezeichnung mit den drei Ziffern hat sich der US-Flugzeugbauer schon einmal urheberechtlich gesichert. 

Die 797 könnte ein komplett neues Flugzeug werden.

So etwas wie die Quadratur des Kreises ist geplant: Einerseits soll es über eine relativ großzügige Kabine mit zwei Gängen wie ein klassisches Langstreckenflugzeug verfügen, andererseits so agil und kompakt wie ein Mittelstreckenjet sein. Boeing will beides gleichzeitig mit einem ovalen Rumpf schaffen.

Boeing plant eine Reichweite von rund 9000 Kilometern

Die US-Airline Delta und auch andere Fluggesellschaften fordern solch ein Flugzeug seit längerem. Es könnte auf Destinationen mit dichtem Verkehr eingesetzt werden – etwa auf den Rennstrecken über den Atlantik, aber auch für Verbindungen zwischen den großen Metropolenregionen in Asien.

Eine Reichweite von rund 9000 Kilometer hat Boeing anvisiert. Damit lässt sich problemlos von Frankfurt nach New York oder Chicago fliegen. Sogar die Strecke Frankfurt-Schanghai wäre theoretisch machbar. 

Bedarf an solchen Maschienen ist riesig

Zwei Gänge haben den Vorteil, dass Standzeiten an Flughäfen verkürzt werden können, da Passagiere schneller ein- und aussteigen können, was die Kosten erheblich drücken würde. Um die 250 bis 270 Sitzplätze werden gefordert. Damit können Airlines mehr Passagiere als mit einer klassischen Mittelstreckenmaschine befördern. Aber zugleich ist es einfacher als bei einem Großraumjet eine hohe Auslastung zu erreichen. Der Bedarf jedenfalls soll riesig sein. Verschiedene Studien haben ergeben, dass in den nächsten 20 Jahren bis zu 5000 Exemplare der mittelgroßen Maschinen verkauft werden könnten.

Viele Branchenkenner hatten denn auch erwartet, dass Boeing-Chef Dennis Muilenburg die Luftfahrtshow in Britannien nutzt, um den Start des 797-Programms zu verkünden. Doch der Manager winkte schon unmittelbar vor Eröffnung der Messe ab. Die Entscheidung werde auf nächstes Jahr vertagt. Gleichwohl sei es noch immer möglich, dass die neue Maschine 2025 in Dienst gestellt werden kann. Damit könnte dann eine Lücke im Angebot des US-Flugzeugbauers geschlossen werden, nämlich die zwischen der 737-Reihe – diese Maschinen werden unter anderem von Ryanair auf der Mittelstrecke eingesetzt – und der 787. Einst lag die 757 dazwischen, doch die wird schon seit 15 Jahren nicht mehr gefertigt.

Gründe für das Zögern der Boeing-Manager

Das Zögern der Boeing-Manager dürfte einerseits damit zu tun haben, dass sie den Marktforschern nicht so recht trauen – langfristige Trends sind in der Luftfahrt immer schwerer vorherzusagen. Andererseits spielen die enormen Risiken bei der Entwicklung komplett neuer Maschinen eine entscheidende Rolle. Dafür sind Kosten von umgerechnet mindestens zehn Milliarden Euro zu veranschlagen.

Ein Fehlschlag könnte das gesamte Unternehmen in Gefahr bringen. Deshalb geht es kaum ohne direkte oder indirekte staatliche Subventionen – das könnte angesichts der von US-Präsident Trump angezettelten Handelsstreitigkeiten ziemlich brisant werden. Außerdem werden Tausende Ingenieure für Jahre gebunden.

Zudem stellt sich für Boeing die Frage, wie der Erzkonkurrent Airbus reagiert. Die Europäer haben derzeit in der Kategorie der mittelgroßen Passagierjets die Nase vorn. Einerseits gibt es den A321, der bis zu 236 Passagiere an Bord nehmen kann und in seiner neuen LR-Version für größere Distanzen bis zu 8000 Kilometer weit fliegen kann. Der 321 hat allerdings den Nachteil, dass er über nur einen Gang verfügt.

Verschiedene Airbus-Modelle kann man modifizieren

Doch es gibt auch noch den kleinen Langstreckenjet A330 – mit zwei Gängen in der Kabine und einer Kapazität, die bei 250 Sitzen beginnt. Die Maschine ist seit einiger Zeit als „Neo“-Version mit sparsamen Treibwerken zu haben. Airbus-Verkaufschef Eric Schulz hat jedenfalls bereits betont gelassen auf die Pläne der Amerikaner reagiert: Wenn Boeing ein neues Flugzeug auf den Markt bringe, werde man entscheiden, wie zu reagieren sei. 

Modifikationen an verschiedenen Airbus-Modellen seien innerhalb von 18 Monaten bis zwei Jahren machbar. Branchenkenner gehen davon aus, dass Airbus die Reichweite des A321 weiter steigern will. Denkbar ist auch eine neue leichtere Variante des A330. Airbus könnte Boeing also zuvor kommen.

Deshalb müsste eine 797 erhebliche Vorteile gegenüber den Konkurrenzjets aufweisen – vor allem, was den Spritverbrauch, aber auch die Anschaffungskosten angeht. Kein Wunder, dass Boeing mit der 797 auch an Konzepten für neue Fertigungsprozesse bastelt.

Derweil gab es am ersten Messetag bei den Bestellungen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Airbus meldete bis zum Montagnachmittag Orders für 42, Boeing für 43 Maschinen. Vor allem die Mittelstreckenjets - A320 und 737 - waren gefragt.