Rügenwalder-Mühle-Chef Godo Röben: „Wir essen mehr Fleisch als uns gut tut“

Herr Röben, mit der Rügenwalder Mühle verbinden Verbraucher Teewurst, Mett und andere Fleischwaren. Seit Ende 2014 bieten sie auch vegetarische Produkte an. Warum brechen Sie mit Ihrer Tradition?

Genau genommen ist es eine 183 Jahre alte Tradition. Das Unternehmen gibt es schon seit 1834. Für die Entscheidung, vegetarische Wurst, Schnitzel und Frikadellen ins Programm aufzunehmen, sprechen drei große Entwicklungen, die man als Fleischunternehmen beim besten Willen nicht ignorieren kann.

Die wären?

Erstens spielt das Tierwohl für den Verbraucher heute eine größere Rolle denn je. Dazu haben Lebensmittelskandale und Medienberichte zu Haltungsbedingungen in konventionellen Betrieben beigetragen, aber auch soziale Netzwerke, über die zum Beispiel Bilder aus der Massentierhaltung verbreitet und kommentiert werden. Ein Schnitzel aus konventioneller Haltung stößt auf größere Vorbehalte als noch vor 20 Jahren. Die zweite große Veränderung betrifft das Klima. Nutztiere tragen mehr klimaschädliche Gase in die Atmosphäre als der gesamte Verkehr. Drittens hat gesunde Ernährung einen höheren Stellenwert als früher. Ernährungsmedizinisch betrachtet essen die Menschen in Deutschland und in anderen Industrieländern mehr Fleisch und Wurst, als ihnen gut tut. Das Bewusstsein, dass das so ist, wächst.

Aus dem Munde des Geschäftsführers eines Unternehmens, das auch Fleisch verarbeitet, klingt das beinahe geschäftsschädigend.

Das glaube ich nicht. Es hat doch keinen Sinn, die Wirklichkeit zu leugnen. Das haben andere Branchen schmerzhaft erfahren müssen. Ein Beispiel sind die großen deutschen Energiekonzerne, die viel zu lange an der Atomkraft festgehalten haben und jetzt mit dem Rücken zur Wand stehen. Oder die hiesigen Autobauer, die die E-Mobilität lange verschlafen haben und sich jetzt enorm anstrengen und ins Zeug legen müssen, um Versäumtes aufzuholen. Einen solchen Fehler wollen wir nicht machen. Wir haben uns für innovative Produkte entschieden, von denen wir glauben, dass sie gewandelten Bedürfnissen und Ansprüchen in großen Teilen der Kundschaft entsprechen. Die Rügenwalder Mühle will niemanden zum Fleischverzicht nötigen oder zum Vegetarismus bekehren. Aber wir wollen den Kunden fleischlose Alternativen bieten, die auch dem Wurst-Fan schmecken.

Auch wenn die Alternative nicht nach Wurst schmeckt..

Vor fünf Jahren, als wir Veggie-Produkte erstmals ernsthaft in Erwägung gezogen haben, hätte ich ihnen Recht gegeben. Die meisten Produkte stammten damals von kleinen Betrieben, die bislang im Wurstmachen keine Erfahrung hatten. Das Meiste hat überhaupt nicht geschmeckt.

Was auf ihre Erzeugnisse selbstredend nicht zutrifft.

Genau. Ich habe damals unsere Metzgermeister gefragt, ob sie eine Wurst ohne tierisches Eiweiß herstellen können, die genauso wie unsere Wurst mit Fleisch schmeckt. Das haben die Kollegen als Herausforderung begriffen, und ich muss sagen: Sie haben mit Bravour bestanden.

Finden das Ihre Kunden auch?

Wir haben in Blindtests festgestellt, dass die Verbraucher etwa bei Paprikamortadella oder Hühnernuggets keinen Unterschied zwischen Veggie- und Fleisch-Produkten bemerken. Meinem Vater, der den Vegetarismus grundsätzlich für „ausgemachten Schwachsinn“ hält, habe ich zum Abendbrot mal eine Platte mit unserer fleischfreien Wurst und den vegetarischen Mühlen-Frikadellen kredenzt, die hat er rückstandslos verputzt. War alles vegetarisch, hat er aber nicht gemerkt.

Wie kommen die Produkte bei den Kunden an?

Als wir Ende 2014 mit fünf Tonnen Veggie-Wurst pro Woche starteten, gab es schon die Sorge, ob wir diese Menge denn loswerden. Zwei Monate später waren wir bei 70 bis 80 Tonnen pro Woche, damit hatten wir nicht im Traum gerechnet. Mittlerweile verkaufen wir regelmäßig 100 Tonnen wöchentlich, das ist etwa ein Fünftel unserer gesamten Produktion. Wir haben unsere Veggie-Produktion erweitert, ein neues Gebäude für Verwaltung und Verpackung gekauft und unsere 460-Mann-Belegschaft auf knapp 600 Mitarbeiter erweitert. In den letzten Monaten ist das Wachstum des Veggie-Bereichs allerdings fast zum Stillstand gekommen.

Woran liegt’s?

Vor allem an den zahlreichen Nachahmern. Rügenwalder Mühle war ja der erste bekannte Hersteller, der vegetarische Wurst und Fleischwaren auf den Markt gebracht hat. Unser Erfolg hat dann die Konkurrenz geweckt. Mittlerweile vertreiben auch die ganz großen Fleischverarbeiter wie Tönnies und Wiesenhof vegetarische Produkte, bekannte Marken wie Meica und Herta sind ebenfalls dabei. Das hat unser Wachstum natürlich gebremst.

Dann ist es mit der fleischlosen Herrlichkeit schon wieder vorbei?

Mit dem rasanten Wachstum der ersten Monate schon, mit der notwendigen Veränderung der Ernährungsgewohnheiten nicht. Demnächst werden neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Wenn die alle so viel Fleisch konsumieren wie die Nordamerikaner oder Europäer heute, würden Böden, Gewässer und Klima hoffnungslos überlastet. Deshalb glaube ich, dass die Menschheit vor einer gewaltigen Ernährungsumstellungsteht, dass pflanzliche Nahrungsmittel immer wichtiger werden. Wir planen für 2020, dass unsere vegetarischen Produkte 40 Prozent des Umsatzes ausmachen.

Um die Ernährungsgewohnheiten der Menschen mit Tierwohl, Klimaschutz und Gesundheit in Einklang zu bringen, wird ein bisschen mehr nötig sein als Veggie-Schnitzel im Kühlregal. Muss nicht die Politik den Prozess aktiv unterstützen?

Unbedingt. Es bedarf klarer gesetzlicher Standards und Regelungen, ähnlich wie sie für die Energiewende beschlossen wurden.

Was schwebt ihnen da vor?

Wir wollen den Verbraucher nicht bevormunden, aber wir wollen informierte Kunden, die eine Wahl haben. Deshalb befürworten wir eine Kennzeichnung von Fleisch- und Wurstwaren wie es sie für Eier seit langem gibt. Einfache Codes, die anzeigen, unter welchen Haltungsbedingungen und mit welchen Futtermitteln das Lebensmittel erzeugt wurde. In dem Punkt sind wir mit den Grünen in Niedersachsen ganz auf einer Linie.

Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) setzt auf freiwillige Vereinbarungen und unverbindliche Kennzeichnungen.

Der Minister traut sich längst nicht so viel, wie er sich trauen sollte. Agrarbetriebe und Ernährungswirtschaft brauchen verbindliche Zielvorgaben und teils auch finanzielle Unterstützung, um die Ernährungswende zu vollziehen. Verbraucher wollen Transparenz, sie wollen verständliche Informationen und auf den ersten Blick erkennen, was sie sich da in den Einkaufwagen legen. Mit freiwilligen Selbstverpflichtungen allein wird das nicht gehen.