Vielleicht ist Jens Spahn Bundeskanzler, wenn Berlin wieder vier Millionen Einwohner hat. Jung genug ist er dafür, ehrgeizig auch. Ob er sich dann daran erinnert, mit welchem Thema er im vergangenen Jahr viel Aufmerksamkeit erfuhr? Er stieß eine Debatte zur Sprache Berlins an.

2017 lebten 3,6 Millionen Menschen aus 193 Nationalitäten hier, mit mehr als 120 Muttersprachen. Berlin ist immer schon ein Schmelztiegel der Kulturen, so wie andere Weltstädte auch. In manchen Bezirken bekommt man davon wenig mit, in anderen ist die Vielfalt Alltag. Oder wird es gar eintönig?

Jens Spahn klagte, dass es in Bars und Restaurants in Innenstadtbezirken wie Mitte, Neukölln oder Kreuzberg immer üblicher werde, dass Personal und Gäste nur noch englisch sprächen. Nicht multikulturell, sondern elitär nannte es der CDU-Politiker, wenn sogar Deutsche es vorzögen, Englisch zu reden.

Bouletten aus der Lamäng

Man kann ihm nicht vorwerfen, geschichtsvergessen zu sein, denn er zog Parallelen zu der Zeit, als man in den besseren Kreisen Französisch sprach, um sich abzugrenzen. Doch das half in Berlin wenig. Im 18. Jahrhundert war jeder vierte Berliner Franzose.

Wenn wir heute die Bouletten ohne Fisimatenten aus der Lamäng machen, bevor wir auf dem Trottoir dreimal ums Karree gegangen sind, dann benutzen wir Wörter, die sich aus der Sprache der Zuwanderer ins Berlinische geschlichen haben. Sprache lebt, eine Sprache, die sich nicht entwickelt, ist so gut wie ausgestorben. Und sie entwickelt sich vor allem durch neue Sprecher.

Es gab immer Zuwanderungswellen, Existenznot und Krieg trieben Menschen nach Berlin, die Aussicht auf demokratische Rechte und Arbeit oder einfach nur auf ein interessantes Umfeld. Heute hat fast jeder dritte Einwohner der Stadt seine Wurzeln im Ausland. Bei den unter 18-Jährigen jeder zweite. Die gehen durch das deutsche Schulsystem, sprechen oft noch mit den Familien die Herkunftssprache der Eltern. Und treffen auf andere, deren Verwandte aus anderen Regionen kommen. Das mischt sich im Alltag.

Mehrsprachigkeit bringt Vorteile

Die Potsdamer Germanistik-Professorin Heike Wiese nennt diesen Dialekt Kiezdeutsch, eine Alltagssprache, die die Grammatik nach einem erkennbaren Muster ausbaut und neue Wörter wie „wallah“ oder „lak“ aufnimmt. Sie verteidigt das Kiezdeutsch gegenüber seinen Kritikern, die es als falsch ablehnen. Den Sprechern sei ja bewusst, wo sie es einsetzen, nämlich umgangssprachlich unter Freunden.

Jugendliche, die in mehrsprachigen Vierteln aufwachsen, hätten sogar Vorteile: Sie könnten auf mehr Ressourcen zurückgreifen. „Wir alle sprechen verschiedene Varianten des Deutschen“, sagt Heike Wiese. Wie sie sich die Sprache der Stadt in der Zukunft vorstelle? „Es wird interessant bleiben und immer etwas Neues hinzukommen.“ Und Kiezdeutsch werde vielleicht etwas erwachsener – so wie seine Sprecher selbst.

Nicht so viele Briten, wie man denkt

Berlin wächst natürlich auch durch die Studenten an den vier Universitäten, die aus Rostock oder Dresden, Hamburg oder München stammen. Doch die meisten Zugezogenen kommen aus dem Ausland. Im vergangenen Jahr waren 11.000 Neuberliner Syrer, je rund 2000 Afghanen, Bulgaren, Rumänen, Iraker und Albaner.

Warum aber hört Jens Spahn immer nur Englisch? US-Amerikaner stehen erst an achter Stelle der Herkunftsgruppen, Briten an elfter. Die Spitzenplätze haben Türken, Polen, Italiener, Bulgaren, Russen. Eingebürgert wurden dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg zufolge 2017 in der Hauptstadt insgesamt 6479 Personen, 558 davon besaßen zuvor einen britischen Pass. Im Jahr des Brexit-Referendums 2016 wollten 175 Briten Berliner werden. In den beiden Jahren zuvor waren es zusammen lediglich 86.

Eine Frage der Wahrnehmung

Theresa Heyd, Anglistik-Professorin an der Universität Greifswald und zuvor an der Freien Universität tätig, weist im Gespräch am Telefon darauf hin, dass das Englische die Rolle der Lingua franca für Europa übernommen hat, also den größten gemeinsamen Nenner im Umgang biete. In der Tat nutzen es viele gut gebildete Menschen, sie arbeiten in Start-ups, gehören zur Gastroszene oder sind Künstler.

„Aber dass das Englische besonders auffällig sei, scheint mir eher eine Frage der Wahrnehmung zu sein“, sagt Heyd. Es gebe nach wie vor Viertel, in denen man überwiegend Türkisch höre, auch polnische und russische Sprachgemeinschaften finde, wer mit offenen Ohren durch die Stadt gehe. „Es gibt leider ganz wenig belastbares Zahlenmaterial zu den Sprachen Berlins. Was für einen Pass jemand besitzt oder besaß, sagt nichts darüber aus, ob diese Person weiter ihre Muttersprache bevorzugt oder längst deutsch spricht.“

Sprachliche Vielfalt auch in der Literatur

Der inzwischen emeritierte Germanistik-Professor Patrick Stevenson aus dem südenglischen Southampton hat für sein 2017 erschienenes Buch über die Sprachen Berlins („Language and Migration in a Multilingual Metropolis: Berlin Lives“) mit den Bewohnern eines Mietshauses in Neukölln gesprochen, die verschiedene Nationalitäten haben. Er stieß ebenfalls auf das Kiezdeutsch: Der Sprecher mischt in seinem privaten Umfeld Deutsch mit Elementen der Herkunftssprache und weiteren Einflüssen.

Praktische Erfahrung mit der Mehrsprachigkeit Berlins hat Martin Jankowski, Leiter des Kulturbüros Berliner Literarische Aktion, schon lange. 2016 ist für ihn ein markantes Jahr, damals organisierte er das erste „Stadtsprachen“-Festival. Das lebt weiter als Online-Magazin. Auf dem Portal findet man Texte von mehr als 150 in Berlin lebenden Autoren in mehr als 30 Sprachen im Original und übersetzt.

„Es wird viel mehr Sprachhybriden geben“

Auf das Festival folgte eine Lesungsreihe, am kommenden Freitag gibt es das „Parataxe“-Symposium im Literarischen Colloquium am Wannsee (LCB). Den Tag über diskutieren Schriftsteller Themen wie „Die Stimmen Berlins – Geschichten vom babylonischen Reichtum“ oder „Berliner Futur – entropische Literaturen?“

Zur Lesung am Abend unter dem ulkigen Titel „Meine schönste Lengevitch“ tritt zum Beispiel Sharon Otoo an. Die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin von 2016 ist als Tochter ghanaischer Eltern in London aufgewachsen, lebt seit 2006 in Berlin und schreibt auf Deutsch. Das macht auch Tomer Gardi, aus Israel stammend. Er allerdings ignoriert die Grammatik: „Broken German“ hieß sein erster Roman.

Martin Jankowski verweist im Gespräch darauf, dass angesichts der Literatur, die hier entsteht, Berlin wirklich Weltstadt ist. Wie stellt er sich Berlin mit vier Millionen vor? „Es wird viel mehr Sprachhybriden geben“, sagt er. „Es werden noch mehr Menschen in die Stadt ziehen, die sich selbst als transkulturell und translingual verstehen.“ Und obwohl er schon lange mit internationalen Autoren arbeitet, mache er ständig Entdeckungen. „Niemand muss mehr dort leben, wo seine Verlagsadresse ist. Man kann in Vietnam Bestsellerautor sein, ohne dass es der Nachbar hier merkt.“

Der Mix gehört dazu

Der Senat unterstützt die Veranstaltung im LCB, die Senatskulturverwaltung vergibt seit zwei Jahren sogar Stipendien für Schriftsteller, die nicht auf Deutsch schreiben. Die Kulturverwaltung reagierte damit auf die Realität der Stadt, auf die Erfahrung von Gruppen wie der Berliner Literarischen Aktion, der Literaturhäuser und des Netzwerks Freie Literaturszene. Beworben haben sich in diesem Jahr 195 Autorinnen und Autoren, im vergangenen Jahr waren es sogar 260. Bei den deutschen Literaturstipendien sind gar nicht einmal so viel mehr Einreichungen, 312 nämlich.

Eine Ahnung der Realität vermittelt auch die Webseite Literaturport. Unter writers@berlin stellt sie hiesige Kulturgemeinschaften vor: beispielsweise die französische, nordische, arabische, asiatische und lateinamerikanische Szene. Der Mix gehört zur Stadt. Die aus den USA stammende Entertainerin Gayle Tufts wird öffentlich nie Hochdeutsch sprechen, denn Denglish ist ihr Markenprodukt. Und Jilet Ayse geht das kiezdeutsche „Isch schwör auf dein Leben“ auf der Bühne locker von der Lippen. Im wirklichen Leben heißt sie Idil Baydar und spricht Hochdeutsch. Berlins Sprache ist so vielfältig wie ihre Sprecher.