Russische Kunden sauer: Mercedes-Benz sperrt Zugang zur Software, Volkswagen folgt

Deutsche Autohersteller liefern keine Autos mehr nach Russland, doch frühere Kunden hatten lange einen Service-Anspruch. Mit der Software-Abschaltung wird die Reparatur schwerer.

Autos von Mercedes-Benz stehen im Avilon Legends Showroom in Moskau. Der russische Händler Avilon hat den Verkauf der ehemaligen russischen Vermögenswerte des VW-Konzerns begleitet. 
Autos von Mercedes-Benz stehen im Avilon Legends Showroom in Moskau. Der russische Händler Avilon hat den Verkauf der ehemaligen russischen Vermögenswerte des VW-Konzerns begleitet. Russian Look/imago

Westliche Autokonzerne verkaufen wegen des Ukraine-Krieges ihre Vermögenswerte in Russland und stellen jede Verbindung zu russischen Kunden ein.

Noch vor einigen Monaten hatte man die zwei Dienstleistungen voneinander getrennt: Man wollte auf der einen Seite keine neuen Autos mehr nach Russland liefern, doch auf der anderen Seite hatten die Kunden, die bereits gelieferte Autos kauften, noch einen Service-Anspruch. Dazu gehörte auch der Zugang zur konzerneigenen Software, ohne die Probleme nicht rechtzeitig erkannt und die Autos nicht richtig repariert werden können. 

Deutsche Autos in Russland: Kein Software-Zugang mehr bei Mercedes-Benz und Co.

Doch jetzt machen die Autohersteller Ernst: In Russland sorgt am Montag die Nachricht für Schlagzeilen, dass Mercedes-Benz seine früheren Autohändler komplett von der Software abgekoppelt habe. Darüber berichtet die russische Zeitung Iswestija unter Berufung auf den russischen Händler des Konzerns, MB Rus. Insbesondere der Zugriff auf Online-Systeme zur Wartung und Fehlerbehebung sei gesperrt worden, heißt es. Der Verband der russischen Automobilhändler bestätigte ebenfalls das Problem beim Zugriff auf die Mercedes-Software. Auch andere Marken würden darunter leiden, hieß es. Nach Angaben der Zeitung hat auch BMW den Zugang der Händler zu seiner Software deutlich eingeschränkt. 

Anzeige | Zum Weiterlesen scrollen

Was bedeutet das für die Kunden? Ohne Zugang zur offiziellen Software verlängern sich die Reparatur- und Wartungszeiten, und es können keine Sicherheitsupdates mehr durchgeführt werden. MB Rus will die Reparatur und Wartung nun aufgrund „gesammelter Erfahrungen und Kenntnisse“ durchführen. Nach dem Rückzug der Mercedes-Benz AG aus dem russischen Markt habe man keine zusätzlichen Service-Möglichkeiten zur Verfügung, hieß es in einer Erklärung des russischen Unternehmens. 

Die Mercedes-Benz AG hatte im Frühjahr 2022 als Reaktion auf den russischen Angriff auf die Ukraine die Produktion in Russland gestoppt und den Export von Autos nach Russland eingestellt. Im April 2023 wurden auch die Produktionsanlage in Moskau, erst 2019 mit 1000 Mitarbeitern eröffnet, und andere Dienstleister an den russischen Autohändler Avtodom verkauft.

VW verramscht Werte in Russland – Software-Zugang noch bis Jahresende

Auch Volkswagen hatte im Mai sein Werk in Kaluga und andere Finanzdienstleister in Russland an die Firma Art-Finance verkauft, die vom früheren Autohändler der VW-Marken, Avilon, unterstützt wird. Wie aus dem letzten VW-Konzernbericht hervorgeht, wurden die Strukturen für 125 Millionen Euro deutlich unter ihrem Marktwert verramscht. Die Produktion in Kaluga sowie die Lieferungen nach Russland hatte der Wolfsburger Konzern noch im Frühjahr 2022 eingestellt – die verkauften Autos wurden jedoch weiter bedient und gewartet. Und wie sieht es im Moment aus?

Der VW-Konzern bezieht sich auf die EU-Sanktionen, die die Arbeit einer großen Anzahl von IT-Systemen in Russland schon früher unmöglich machten. Man habe diese Systeme entsprechend bereits abbestellt, antwortet ein VW-Sprecher auf Anfrage der Berliner Zeitung. „Mit dem Verkauf der russischen Aktivitäten im Mai dieses Jahres an einen russischen Investor erfolgte die Trennung weiterer IT-Systeme bis auf fünf Systeme, die in Abstimmung mit der zuständigen Behörde Bafa und dem russischen Käufer für einen Übergangszeitraum bis Ende dieses Jahres zur Verfügung stehen“, heißt es.  

Die russischen Kunden haben also noch bis zum Ende des Jahres Zeit, um ihre VW-Autos „offiziell“ zu reparieren. „Die Autohändler versuchen jetzt mit aller Kraft, den Servicepflichten gegenüber Autobesitzern nachzukommen“, zitiert die russische Zeitung einen kundigen Vertreter des russischen Automobilmarktes dazu. Die Software und Geräte von nicht verifizierten Drittanbietern würden dabei helfen, Beschränkungen zu umgehen. Der Begriff „offizieller Händler“, wie die Russen ihn früher bei VW und anderen deutschen Marken kannten, verliert jedoch seine Bedeutung. 

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de


Empfehlungen aus dem BLZ-Ticketshop: