Förderanlage in der ölreichen Region Surgut in Westsibirien. 
Foto: imago images

MoskauRusslands Öl- und Gaswirtschaft steht unter Schock. Die Exportpreise für russisches Öl sind Anfang der Woche in ein unterirdisches Rekordtief gefallen. Nach Angaben der Agentur Argus Media lagen die Preise der Marke Urals am Montag und Dienstag im Verlustbereich, zwischen minus 11,61 und minus 13,84 Euro pro Tonne (minus 2,20 Euro pro Barrel). Um diese Summen übertrafen die Unkosten für Transport und Zölle den Durchschnittspreis für Urals-Rohöl.

Gestern stiegen die Weltmarktpreise wieder, um 6,1 Prozent auf 26,52 Dollar pro Barrel Brent. Aber auch auf diesem Preisniveau herrscht in Moskau Ratlosigkeit bis Entsetzen. Mitte Februar war das Barrel noch zu knapp 60 Dollar gehandelt worden. In den ersten Märztagen brachen die Preise dann ein, nachdem sich Russland und die Opec nicht auf eine Verlängerung ihrer auslaufenden Förderbegrenzung einigen konnten. Dazu kam der rapide sinkende Bedarf auf dem von Corona geschwächten Weltmarkt.

Preisniveau „katastrophal niedrig“

Laut der Zeitung Kommersant nannte Vize-Energieminister Pawel Sorokin die Barrelpreise unter 30 Dollar ein „Schockszenarium“. Leonid Fedun, Vizepräsident der Ölfirma Lukoil sagte, das Niveau sei „katastrophal niedrig.“ Die Staatskonzerne, die das Ende der Förderbeschränkungen verlangt hatten, hätten sich in ihren schlimmsten Albträumen wohl keine Preise von 25 Dollar vorgestellt. „Die Produktionssteigerung sollte eine gemäßigte Maßnahme gegen die US-amerikanische Konkurrenz sein“, sagt der Moskauer Finanzexperte Iwan Rodionow. „Aber sie hat nicht wie üblich funktioniert.“

Hier lesen Sie: Corona-Krise: Scholz will Euro-Staaten mit 200 Milliarden Euro unterstützen >>

Weißrusslands Regierungschef Sergei Rumas hat verkündet, man wolle im April nur noch vier Dollar pro Barrel für russisches Öl zahlen. Die Internetzeitung Swobodnaja Presse befürchtet bei einem Preis unter zehn Dollar die staatliche Zahlungsunfähigkeit wie 1998. Nun hoffen einige Experten in Russland, dass sich Putin, Trump und die Saudis doch auf neue Förderbeschränkungen einigen. Andere warnen vor immer volleren Speichertanks weltweit und einem Preisverfall, der die Ölproduktion für Monate zum Verlustgeschäft machen könnte.

Mineralstoff-Exporte Hauptfinanzquelle des Staates

Die Mineralstoffbranche gilt als Getriebe der russischen Wirtschaft, ihre Exporte als Hauptfinanzquelle des Staates. 2019 machten Öl- und Gaseinnahmen 40,8 Prozent des Jahreshaushalts aus. Nun drohen große Löcher im Etat für 2020, dem ein Ölpreis von 57 Dollar zugrunde liegt. Bei Preisen unter 42,40 Dollar gerät er in die roten Zahlen. Der Staat muss die Reserven angreifen. Zwar liegen im Nationalen Wohlfahrtsfond umgerechnet 140 Milliarden Euro. Aber schon jetzt sind über 16 Milliarden verplant, um die Corona-gebeutelte Wirtschaft zu stützen.

Pessimisten befürchten, dass die Coronakrise noch lange auf den Ölpreis drückt. „Das Barrel wird bis Jahresende kaum über 40 Dollar kosten“, sagte der Marktexperte Jegor Klopenko der Nesawissimaja Gaseta. Die Weltwirtschaft werde sich zwangsläufig neu strukturieren, und auch Russland: „Es wird endlich gezwungen sein, sich um andere Wirtschaftsbranchen zu kümmern.“

Moskauer Finanzexperte: Unzufriedenheit wird wachsen

Finanzexperte Rodionow glaubt, der Ölpreis werde sich wie nach der Weltfinanzkrise 2009 und der Krimkrise 2014 fangen. „In ein bis zwei Monaten wird das Barrel wieder 30 bis 35 Dollar wert sein.“ Aber auch dann liegt er unter der roten Linie des Staatshaushalts. Rechnungshofchef Alexei Kudrin fürchtet bis zu acht Prozent Minuswachstum. Experten der Moskauer Hochschule für Wirtschaft prognostizierten, die Pandemie werde bis zu 20 Prozent der Arbeitsplätze vernichten.

Auch Rodionow sieht böse Folgen für den Binnenmarkt voraus. „Die Kleinunternehmen sterben, ein Haufen Leute verliert die Arbeit und wird von einer Unterstützung in Höhe des Mindestlohns (knapp 150 Euro) leben müssen. Bisher gab es 30 bis 40 Millionen Menschen mit Niedrigeinkommen, bald haben wir 70 Millionen.“ Die Unzufriedenheit in Russland werde wachsen.