Eine S-Bahn im Hauptbahnhof. Auch die Linien auf der Stadtbahn werden ausgeschrieben.
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BerlinMonatelang wurde geplant, gestritten, diskutiert. Doch jetzt haben Berlin und Brandenburg dem Vernehmen nach endlich eine Einigung erzielt. Wenn es nach dem Willen der Beteiligten geht, werden noch in diesem Monat die Weichen für die Zukunft der S-Bahn neu gestellt. Nach Informationen der Berliner Zeitung wird vermutlich im Juni eine der größten Ausschreibungen beginnen, die es jemals in der Verkehrsgeschichte gegeben hat. Die Fahrgäste können sich auf neue Wagen und mehr Kapazität freuen.

Für die S-Bahn-Linien auf der Stadtbahn und im Nordsüd-Tunnel werden mehr als 1300 Wagen benötigt, die in Länder-Eigentum übergehen sollen. Wer wird sie produzieren, wer hält sie in Schuss? Und wer soll die Züge fahren: Wie bisher die S-Bahn Berlin GmbH, Tochter der bundeseigenen Deutschen Bahn (DB), oder private Zugbetreiber? Darum geht es in der geplanten Ausschreibung, die ursprünglich Ende des vergangenen Jahres beginnen sollte.

Kurz vorher legte die damalige Brandenburger Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (SPD) aber ihr Veto ein. Stein des Anstoßes war eine zentrale Bedingung. Sie lautete: Die Länder bauen eine S-Bahn-Werkstatt, die auf jeden Fall genutzt werden muss. Sonst hätte die DB einen Vorteil davon, dass sie in Berlin bereits eigene Werkstätten betreibt. Unternehmen, die darüber nicht verfügen, wären benachteiligt – und würden sich nicht bewerben. Dann könnte die DB Bedingungen und Preise diktieren – zu Lasten von Steuerzahlern und Fahrgästen. Ein landeseigenes Grundstück stünde zur Verfügung: An der Schönerlinder Straße in Pankow. Für eine mögliche zweite neue Werkstatt gäbe es ebenfalls Standortvorschläge: Hennigsdorf, Waßmannsdorf, Fredersdorf.

Doch die geplante Vorgabe stieß auf Kritik. Die Kostenschätzung von 30 bis 80 Millionen Euro sei zu niedrig angesetzt, hieß es. Realistisch wäre ein dreistelliger Millionenbetrag. Um S-Bahnen bei der Überführung weite Umwege zu ersparen, müsste zudem am Karower Kreuz eine Verbindung gebaut werden, die bis zu 350 Millionen Euro erfordern würde. Warum sollte die DB auch die neue S-Bahn-Generation nicht in ihren Werkstätten warten? SPD, Linke und die Eisenbahnergewerkschaft EVG befürchten, dass bei der Bahn Arbeitsplätze entfallen.

Obwohl der neue Brandenburger Infrastrukturminister Guido Beermann der CDU angehört, teilt er die Bedenken seiner SPD-Vorgängerin. Und so musste Berlins Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) schließlich einlenken – zumindest zum Teil. Zwar wird es eine zwingende Vorgabe, dass die Länder eine S-Bahn-Werkstatt bauen, nun nicht geben. Doch sie setzen ihre Vorbereitungen fort – falls es später doch noch als sinnvoll erscheint, Technikkapazität aufzubauen. Würden sie erst 2022 weitermachen, wenn der Zuschlag erteilt werden soll, käme der Zeitplan ins Wanken. 2027 sollen die ersten Bahnen geliefert werden.

Weiterhin ist geplant, die Bereitstellung und den Betrieb der S-Bahnen getrennt auszuschreiben. Es ist also möglich, dass ein Unternehmen die Wagen baut und wartet, während ein anderes den Fahrbetrieb übernimmt. Da es sich um zwei Teilnetze handelt, entstehen vier Lose. Diese Teilung senke die Zugangsschwellen und soll einen echten Wettbewerb ermöglichen, heißt es. Doch die SPD, die Linke und Gewerkschafter lehnen das ab. Sie fürchten, dass  die S-Bahn zerschlagen und die Organisation zu kompliziert wird. Die S-Bahn müsse in einer Hand bleiben. Schon 2019 war bei der EVG von Protesten bis hin zu Streiks die Rede – jetzt wieder.