Samsung: Die schwerste Führungskrise seit Gründung

Frankfurt/Main - Der Elektronik-Gigant Samsung taumelt. Der südkoreanische Konzern steckt in der schwersten Führungskrise seit Gründung. Zwar ist der De-facto-Chef Lee Jae Yong vorerst einer Inhaftierung wegen Bestechung, Veruntreuung und Falschaussagen entgangen – ein Gericht in Seoul lehnte einen Haftbefehl ab. Doch die Forderungen nach Abbau der paternalistischen Strukturen im Konzern werden lauter.

Ermittlungen gegen Familienclans laufen weiter

Die Ermittlungen gegen Lee und Mitglieder anderer Familienclans, die Südkoreas Wirtschaft dominieren, und gegen einflussreiche Politiker laufen weiter. Hintergrund ist die enge, in Jahrzehnten gewachsene Kumpanei von wirtschaftlicher mit politischer Elite. Aus Sicht von Experten stehen Lee und die vorläufig entmachtete Staatspräsidentin Park Geun Hye im Fokus des Skandals.

Der 49-Jährige ist der Enkel des Samsung-Gründers Lee Byung Chull. Park ist die Tochter des früheren Militärdiktators Park Chung Hee. Mehr als 20 Jahre lang – bis Ende der 80er – bestimmten die Militärs mit den Bossen der großen Familienkonzerne die Wirtschaftspolitik im Land, die auch Samsung vor ausländischen Konkurrenten schützte. Nach wie vor bestehen enge Verbindungen zwischen Großkonzernen und Politik. Samsung ist heute unter anderem der größte Handyhersteller der Welt und erbringt fast ein Viertel der gesamten Wirtschaftsleitung Südkoreas. 

Rund 34 Millionen Euro auf Konten von Präsidenten-Freundin

Lee soll dafür gesorgt haben, dass Samsung umgerechnet gut 34 Millionen Euro auf Konten von Stiftungen und Firmen der Präsidenten-Freundin Choi Soon Sil überweist. Als Gegenleistung soll Park dafür gesorgt haben, dass der staatliche Pensionsfonds als Großaktionär die Fusion zweier Samsung-Töchter unterstützte. Lee wollte mit dem Zusammenschluss offenbar seine Macht im Konzern stärken. Lee stritt zunächst alles ab. Erst nach einem Verhör über 22 Stunden ohne Unterbrechung räumte er die Zahlungen ein.

Er streitet aber nach wie vor die Gegenleistungen durch die Regierung ab. „Dies ist erst der Beginn von Lees Problemen“, sagte David Lee, Ökonom an der Uni Hongkong. Denn sollten sich die Vorwürfe bestätigen, könnten auf Samsung Schadenersatzklagen mit hohen Forderungen von Aktionären zukommen.

Dem Tagesgeschäft von Samsung schadet die Führungskrise erst einmal nicht. Maßgebliche strategische Entscheidungen werden aber blockiert. Die sind aber wichtiger denn je. Samsungs Handy-Sparte ist durch das Debakel beim Nobel-Smartphone Galaxy Note 7 ins Trudeln geraten. Die Batterie ist offensichtlich zu groß dimensioniert. Deshalb sind Geräte in Flammen aufgegangen. Inzwischen hat Samsung das Note 7 ganz vom Markt genommen.

Samsung verliert Marktanteile auf Smartphone-Markt

Dem Konzern sind Gewinne in Milliardenhöhe entgangen. Überdies verlieren die Südkoreaner auf dem Smartphone-Markt massiv Marktanteile an chinesische Rivalen. Lee hatte im Herbst nach Bekanntwerden der technischen Probleme beim Note 7 das Steuer übernommen. Er galt bislang als Hoffnungsträger für einen Neubeginn. Aber inzwischen wächst der Druck,  die paternalistisch-autoritären Strukturen abzuschaffen, was die Macht der Familie von Lee eindämmen würde.

Samsung brauche größere Distanz zum Familienclan, sagte der liberale Politiker Moon Jae In, Favorit für die Präsidentschaftswahlen. Mit den unsauberen Praktiken der Familienkonzerne müsste Schluss sein. Auch Großinvestoren wie Ellis Management fordern Umbauten – etwa die Schaffung einer Holding unter der die verschiedenen Divisionen weitgehend eigenständig agieren. Damit würde die Macht bei Samsung stark dezentralisiert.