Die wegen der Krim-Krise diskutierten umfassenden Sanktionen würden Russlands Wirtschaft in kürzester Zeit in die Knie zwingen, Deutschland und den Rest der Welt aber nur begrenzt schädigen. Zu dieser überraschenden Analyse kommt der deutsche Außenhandelsverband (BGA).

„Ein Handelskonflikt wäre für Deutschlands Wirtschaft schmerzhaft, für die russische Wirtschaft aber existenzbedrohend“, sagte Verbandspräsident Anton Börner. Der Verband warnte zwar vor einer politischen Eskalation und vor den Folgen von Sanktionen für viele deutsche Unternehmen. Zugleich betonte Börner aber: „Der Westen ist nicht machtlos.“ Russland sei wirtschaftlich wesentlich abhängiger von der EU als umgekehrt.

Volle Gasspeicher

Börner verwies darauf, dass Energieexporte mehr als die Hälfte der russischen Staatseinnahmen ausmachen. Mehr als 80 Prozent der Exporte Russlands gehen nach Angaben des Verbandes in den Westen. Europas Handelsvolumen mit Russland macht nur ein Prozent der EU-Wirtschaftsleistung aus, aber 15 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts. Das Aussetzen der Importe von Erdgas aus Russland durch die EU würde dem russischen Staatshaushalt nach den Worten des Verbandschefs einen „erheblichen Schlag“ versetzen: Bei einem Boykott fehlten täglich Einnahmen von 100 Millionen Dollar (rund 70 Millionen Euro).

Die Folgen umfassender Sanktionen für Deutschland und die Weltwirtschaft sind nach Einschätzung des Verbandes dagegen überschaubar. So verfüge Deutschland über volle Gasspeicher, die für ein halbes Jahr reichten. In dieser Zeit könnten neue Lieferquellen gesucht werden. Zu befürchten sei allerdings, dass diese teurer sein werden als das günstige Gas aus Russland. Auf die Verbraucher in Deutschland kämen im Fall von Sanktionen daher höhere Preise zu. Börner relativierte später diese Aussage jedoch: Trotz der Krise seien die Energiepreise bisher stabil geblieben.

Auch nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) dürften sich konjunkturelle Folgen von Sanktionen gegen Russland für Deutschland in Grenzen halten. „Es ist nicht so, dass die russische Wirtschaft ein dominanter Exportmarkt wäre“, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher in Berlin.

Keine Gefahr sieht der Außenhandelsverband auch für die Finanzmärkte. Zwar seien Banken unter anderem aus Zypern, Griechenland und Österreich stark im Geschäft mit Russland engagiert. Doch die Folgen von Sanktionen wären beherrschbar. „Es droht kein Flächenbrand, kein Kollaps des Weltfinanzsystems“, sagte Verbandschef Börner. Er schätzte, dass das Wachstum der Weltwirtschaft allenfalls um bis zu 0,2 Prozentpunkte niedriger ausfiele.

Drohende Enteignung

Für das einzelne deutsche Unternehmen, das viel in Russland investiert hat, dürfte ein Handelskrieg laut Börner dagegen existenzbedrohend sein. Er warnte auch vor der Möglichkeit, dass sich Russland mit einer Enteignung ausländischer Unternehmer wehrt. Ein derartiges Gesetz wird gegenwärtig in der Duma diskutiert. Dieser Schritt wäre ein schwerer Schlag für die westliche Wirtschaft, so Börner. „Umgekehrt würde Russland allerdings einen nicht wieder gut zu machenden Vertrauensverlust erleiden und Investoren abschrecken“, gab der Wirtschaftsvertreter zu bedenken.

Nach Börners Einschätzung können wirtschaftliche Druckmittel kaum zu einer Lösung der Krise beitragen. Schärfere Sanktionen würden die Position von Präsident Wladimir Putin nur verhärten, warnte er. „Kurzfristig wird das keine Veränderung der russischen Politik nach sich ziehen.“ Die Krise sei „nicht ohne oder gar gegen, sondern nur mit Russland“ zu lösen. Die EU dürfe Putin nicht in eine Ecke drängen, sondern müsse ihm „größtmögliches Verständnis“ entgegenbringen.