Wie unredlich Sarrazin argumentiert, zeigt sich an einer anderen Stelle. Dort räumt er ein, dass die Deutschen beim Durchsetzen des No-Bail-Out-Prinzips Mitte der 1990er Jahre die Banken vergessen hätten. Das Prinzip sei nur glaubwürdig, so Sarrazin, wenn eine Bankenkrise als Folge einer staatlichen Insolvenz ausgeschlossen werden könne. Damit hat er ja so recht! Aber warum plädiert er dann nicht für einen europäischen Bankenrettungsfonds? Stattdessen lautet die einzige in die Zukunft gerichtete Forderung ganz populistisch: Keinen Cent mehr für die Euro-Rettung!

Wo blendet das Buch bewusst Tatsachen aus? Kein anderes großes Industrieland ist derart gut durch die Finanzkrise gekommen wie Deutschland, in keinem anderen befindet sich die Arbeitslosigkeit auf einem 20-Jahrestief. Diese Betrachtung fehlt ganz, genau wie die Frage nach dem Warum? Etwa, weil es den Euro gibt?

Sarrazin belegt Thesen mit falschen Argumenten

Den Tiefpunkt erreicht das Buch indes, wenn Sarrazin mit Statistiken zu belegen versucht, warum der Euro nichts bringt. Eine zentrale Aussage lautet: „Gemessen am Wohlstandsindikator BIP brachte die Währungsunion für viele Länder schwere Nachteile, für Deutschland hingegen keine Vorteile.“ Dazu gibt es eine Tabelle, die die Entwicklung des Brutto-Inlandsprodukt pro Kopf in Kaufkraftparitäten abbildet. Der Indikator ist okay. Was aber macht Sarrazin? Er schaut sich an, wie sich anhand dieses Indikators der Wohlstand Eurolands und anderer ausgewählter Länder relativ zur EU, also allen 27 Staaten der Union entwickelt hat. Und siehe da: Der Wohlstand in der EU der 27 hat sich zwischen 1998 und 2010 rascher erhöht als fast in jedem anderen Land. Ausnahme: die Schweiz, Spanien und Griechenland! Warum? Weil die osteuropäischen Staaten in diesen zwölf Jahren einen enormen Aufholprozess hingelegt haben. Das heißt aber weder, dass der Euro den Wohlstand in den Euroländern gesenkt hat, geschweige denn behindert.

Letzteres wird deutlich, wenn man selber rechnet. Dann zeigt dieselbe Tabelle, dass der Reichtum in Deutschland sich gegenüber der EU in den vergangenen 12 Jahren um 2,1 Prozent langsamer zugenommen hat, in der Eurozone insgesamt um 4,2 Prozent. Doch auch Länder ohne Euro sind langsamer wohlhabend geworden. Großbritannien hinkt gegenüber dem Wohlstandsanstieg in der EU um fünf hinterher, die USA gar um 8,6 und Japan um zehn Prozent. Die Tabelle zeugt also allein vom Aufholprozess Polens, Tschechiens und Ungarns. Erwähnt Sarrazin Osteuropa? Natürlich nicht!

Fazit

Kurzum: Das Buch leitet in die Irre und liefert Eurofeinden und Euroskeptikern starke, aber falsche Argumente. Eines tut es indes nicht: Es bricht keine Tabus. Sarrazins Thesen liegen voll im bundesdeutschen Mainstream. Das ist die eigentlich erschütternde Erkenntnis nach 417 Seiten.