Berlin - Die vier Schaufenster sind zugeklebt, die gläsernen Eingangstüren mit Holz verblendet. In der Targobank-Filiale in der Baumschulenstraße in Treptow werden schon seit Wochen keine Kunden mehr empfangen. „Ihr Geld hat ein neues Zuhause“ ist neben dem verbarrikadierten Eingang zu lesen, was wohl lustig gemeint ist, aber irgendwie nach „Ihr Geld ist nicht weg, es hat nur jemand anders“ klingt. Jedenfalls sei man umgezogen. Dazu sind die Adressen der nächsten Filialen aufgeführt. Keine näher als 15 Autominuten.

Die Targobank hatte ihre Treptower Filiale Ende März geschlossen. Wie in der Düsseldorfer Zentrale zu erfahren war, wollte man eigentlich im Kiez bleiben und in der Nähe eine neue Filiale eröffnen. Trotz intensiver Suche habe man aber leider kein geeignetes Objekt im Stadtteil gefunden, heißt es bei der Bank, die mit diesem Bemühen nicht nur in Berlin ziemlich allein dasteht. Denn seit Jahren werden Bankfilialen vor allem ersatzlos geschlossen.

Tatsächlich sind Filialen mit persönlicher Kundenberatung für Banken ein teurer Luxus geworden. Denn während die klassischen Geldinstitute einerseits wegen der Niedrigzinspolitik unter Kostendruck stehen und ihnen Direktbanken, FinTechs und Vergleichsportale zunehmend Konkurrenz machen, entdeckt ein wachsender Teil der Kundschaft das Online-Banking, das den Gang in die Filiale in den meisten Fällen unnötig macht. Folglich wird der Betrieb eines flächendeckenden Filialnetzes zunehmend unrentabel.

Die Pandemie hat die Verbreitung digitaler Angebote nochmals beschleunigt

Hatten vor 15 Jahren hierzulande gerade mal 20 Millionen Bürger ihre Bankgeschäfte von zu Hause aus abgewickelt, so sind es heute laut einer Studie der Großbank ING fast 47 Millionen. Und obwohl die klassische Filiale weiterhin für die Mehrheit der Bevölkerung einen festen Bestandteil ihrer Bankbeziehung darstellt, haben die Geldhäuser zeitgleich die Zahl ihrer Filialen seit Mitte der 2010er-Jahre bundesweit halbiert. Die Deutsche Bundesbank beziffert den Bestand auf aktuell 24.100 Filialen. In Berlin wurde allein in den vergangenen eineinhalb Jahren in etwa drei Dutzend Filialen der Stecker gezogen. Schalterschluss für immer.

Bei der Managementberatung Oliver Wyman ist René Fischer Experte speziell für das Privatkundengeschäft von Groß- und Regionalbanken und beobachtet die Entwicklung dort seit Jahrzehnten. Ein regelrechtes „Filialsterben“ habe die deutsche Bankenlandschaft im vergangenen Jahrzehnt geprägt, sagt er und sieht kein Ende. Zwar habe sich das Tempo der Schließungen im vorigen Jahr etwas verlangsamt, doch betrachtet der Berater dies nur als eine Art Ruhe vor dem Sturm. Nach seiner Überzeugung werde sich die Erosion der klassischen Bankfiliale in den nächsten Jahren umso schneller fortsetzen.

Zum einen habe die Pandemie die Verbreitung digitaler Angebote nochmals beschleunigt, so Fischer. Andererseits lieferte Corona den Banken eine zuverlässige Versuchsanordnung, um Streichungsvarianten im Portfolio ungestraft ausloten zu können. „Unter den Einschränkungen von Corona konnten die Banken ohne Wettbewerbsnachteil testen, was passiert, wenn Filialen ganz oder zeitweise geschlossen werden“, sagt Fischer und erwartet Ergebnisse. Hatte er vor zwei Jahren bereits prognostiziert, dass die Zahl der Filialen bis 2025 bundesweit auf 19.100 zurückgeht, taxiert er den Bestand in vier Jahren nun auf 17.600 Filialen. Weitere 2600 würden bis 2030 geschlossen. „Vor allem in den nächsten zwei, drei Jahren werden mehr Filialen geschlossen als in den vergangenen Jahren.“

Sparkassen-Zweigstelle in Oberschöneweide: eine reine Automatenstation

Wohin das Ausloten der Optionen führt, konnten Sparkassen-Kunden unlängst in Oberschöneweide erfahren. Nachdem die Sparkasse die Öffnungszeiten ihrer Filiale in der Wilhelminenhofstraße im Zuge der Pandemie zunächst drastisch eingeschränkt hatte, wurde die Zweigstelle im April zu einer reinen Automatenstation umgewandelt, wobei man sich der Legitimation sicher ist: „Es gab keine Kundenreaktionen auf die Abwesenheit der Berater“, heißt es intern.

Dabei hat die Sparkasse noch immer das stadtweit dichteste Filialnetz. 80 Zweigstellen mit persönlicher Beratung gibt es derzeit in der Stadt. Schließungen sind nach eigenen Angaben zumindest für das laufende Jahr nicht geplant. „Wir fühlen uns wohl mit der Größe des Netzes“, sagt ein Sprecher der Sparkasse, während der Bedarf offenbar zurückgeht. Jedenfalls habe die Anzahl der telefonischen Beratungsgespräche von 2019 auf 2020 um 270.000 auf 810.000 zugenommen, die der Online-Banking-Nutzer um 36.000 auf 715.000.

Bei der Konkurrenz stehen Schließungspläne indes fest. So wird die Deutsche Bank in Berlin bis Jahresende sechs Filialen schließen. Auch dort hätten die Zahlen der Nutzer und der Zugriffe auf die Mobile-App allein im vorigen Jahr um jeweils etwa 35 Prozent zugelegt. „Dieser Trend wird sich auch über die Pandemie hinaus fortsetzen, nachdem viele Menschen diese Zugänge als bequeme und sichere Möglichkeit für sich entdeckt haben“, sagt ein Sprecher der Deutschen Bank. Die Unternehmenstochter Postbank will bis Ende 2022 bundesweit rund 100 Filialen schließen. Konkrete Orte könnten zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht benannt werden, heißt es auf Nachfrage. Dass auch Berlin betroffen sein wird, ist keinesfalls auszuschließen, wenngleich die Postbank ihr Filialnetz schon jetzt gegenüber 2017 halbiert hat.

Den größten Einschnitt dürfte es aber bei der Commerzbank geben. Auch dort verweist man darauf, dass die Zahl der Banking-App-Nutzer in Berlin im vergangenen Jahr um ein Drittel gestiegen sei. Nun soll die Commerzbank bis 2024 zu einer „voll digitalen Bank mit persönlicher Beratung“ entwickelt werden. Was das auch bedeutet: Ebenfalls bis 2024 sollen von den derzeit rund 800 Filialen 340 gestrichen werden, also nahezu jede zweite Filiale. Wie viele von den aktuell 40 Berliner Commerzbank-Filialen übrigbleiben, soll im zweiten Halbjahr feststehen. Immerhin will man in jedem der zwölf Berliner Bezirke mindestens mit einem persönlichen Filialangebot präsent bleiben.

Ist die Bankfiliale also ein Auslaufmodell? Managementberater René Fischer glaubt das nicht. Die Filiale werde sich zu einem Beratungscenter wandeln müssen, aber sie werde nicht verschwinden. „Wenn es um Geldanlage- oder Finanzierungsthemen geht, werden sehr viele Menschen darüber auch künftig mit einem Experten vor Ort sprechen wollen“, sagt Fischer. Bevor in zehn Jahren vielleicht Künstliche Intelligenz den Kundenberater ablöst, werde die Filiale noch ein ganz wesentlicher Teil der Beziehung zwischen Bank und Kunde sein. „Bis dahin wird die Filiale bleiben“, sagt er. Wie dicht das Netz sein wird, hängt von den Managern der Banken ab. Fischer empfiehlt ihnen jedoch bei Schließungen sehr sorgsam vorzugehen. Umfragen hätten gezeigt, dass selbst heute noch rund ein Drittel der Kunden ihre Bank wechseln würde, falls ihre Stammfiliale schließen sollte.