Leere auf dem Vorfeld des Flughafens Tegel: Die Zahl der täglichen Starts ist auf wenige Prozent gesunken.
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BerlinDie Zahl der Fluggäste ist auf wenige hundert pro Tag gesunken, an den meisten Tagen finden nicht mehr als zehn Starts statt. Der Flughafen Tegel wird seit Wochen kaum noch genutzt, weil der Luftverkehr während der Coronakrise stark zurückgegangen ist. Mit der Route von Tegel nach Doha auf der Arabischen Halbinsel, die bislang von Qatar Airways bedient wurde, ist in der vergangenen Woche eine weitere Interkontinentalverbindung weggefallen. 

An diesem Mittwoch könnte sich nun entscheiden, ob der einst wichtigste Airport der Hauptstadt-Region als Konsequenz der Pandemie zumindest vorübergehend den Betrieb einstellt. Die Chancen, dass TXL nicht erst am 8. November 2020, sondern schon bald stillgelegt wird, sind deutlich gestiegen. Denn das Bundesverkehrsministerium, das eine Schließung zunächst ausgeschlossen hatte, lehnt ein solches Vorgehen jetzt nicht mehr konsequent ab. Auch einige der betroffenen Airlines zeigen sich offen.

Erst kommt am 29. April der Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft FBB zu einer Videokonferenz zusammen. Am Nachmittag folgt die Gesellschafterversammlung, das oberste Gremium des Staatsunternehmens, das Berlin, Brandenburg und dem Bund gehört. Gegen 17.45 Uhr, so lautet der Plan, wollen Aufsichtsratschef Rainer Bretschneider und Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup das Ergebnis verkünden. Bleibt Tegel in Betrieb – oder wird der Antrag zur Stilllegung abgeschickt?

Seit Wochen bemüht sich Lütke Daldrup um Zustimmung für sein Vorhaben, bei der obersten Luftfahrtbehörde die Entbindung von der Betriebspflicht zu beantragen und den Verkehr in Schönefeld zu konzentrieren – zumindest vorübergehend für zwei Monate. Sein Hauptargument lautet: Monat für Monat müsse die staatliche FBB rund zehn Millionen Euro dafür aufwenden, die Anlage offen zu halten. In einem internen Papier heißt es: „Ohne Betriebspflicht, aber bei vollem Erhalt der Funktionsfähigkeit, könnten rund sieben Millionen Euro eingespart werden“ – ebenfalls pro Monat.

Bislang scheiterte Lütke Daldrup vor allem am Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, kurz BMVI. Die Schließung eines Flughafens könnte in der Krise als negatives Signal und als Zeichen, dass sich der Staat zurückzieht, gewertet werden, hieß es dort Ende März. „Um Deutschland und die Region Berlin und Brandenburg stabil zu halten, muss im gesamten Verkehrsbereich, so auch im Luftverkehr, eine stabile Grundversorgung gewährleistet werden“, lautete ein weiteres Argument in der Behörde von Minister Andreas Scheuer (CSU). Das Land Brandenburg, das während laufender Gespräche über die Bundesfinanzierung anderer Verkehrsprojekte ein positives Zeichen setzen wollte, schloss sich dem Bund an. Und so gab die Gesellschafterversammlung Lütke Daldrup am 30. März zwar grünes Licht, den Antrag vorzubereiten. Doch abschicken durfte er ihn vorerst nicht. Zunächst sollte beobachtet werden, wie sich der Luftverkehr entwickelt, hieß es.

Einen Monat später hat sich die Situation allerdings nicht verbessert. Im Gegenteil: Nach Einschätzung von Experten ist nicht absehbar, wann die Fluggastzahlen wieder steigen und sich die Branche erholt. Stattdessen stimmen Politiker wie Außenminister Heiko Maas (SPD) die Bürger darauf ein, dass sie in diesem Jahr auf Auslandsurlaub wahrscheinlich verzichten müssen. „Über das kommende Sommergeschäft machen wir uns keine Illusionen“, sagte Lütke Daldrup. „Die meisten Analysten rechnen für frühestens 2021 damit, dass die Nachfrage wieder deutlich ansteigt.

So skeptisch sich das Verkehrsministerium zunächst äußerte: Stets wurde betont, dass es sich um Einschätzungen zum jeweils aktuellen Zeitpunkt handele – die sich je nach Lage der Dinge durchaus auch ändern könnten. Und so äußerte sich eine Sprecherin Scheuers Anfang dieser Woche deutlich weniger bestimmt als noch vor zwei Wochen: „In der Gesellschafterversammlung am 29. April wird das BMVI gemeinsam mit den Mitgesellschaftern eine erneute Bewertung der Lage vornehmen. Wir bitten um Verständnis, dass wir diese zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorwegnehmen können.“

Die Lufthansa als letzte verbliebene große Airline in Tegel bleibt bei ihrer Kritik am Stilllegungsplan. „Der Flughafen Berlin-Tegel sollte bis zur Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens BER offen bleiben“, bekräftigte das Unternehmen. „Eine vorzeitige Schließung hieße, dass wir zwei Umzüge statt einem stemmen müssten“ – erst nach Schönefeld (SXF), im Herbst 2020 dann zum BER. „Das wäre mit erheblichem operationellem Aufwand und immensen Zusatzkosten verbunden. Das ist in der ohnehin wirtschaftlich enorm angespannten Lage nicht zu leisten. Insbesondere für die Basis der Eurowings wäre ein solcher Stationswechsel von Tegel nach Schönefeld so kurzfristig derzeit nicht darstellbar.“ Die Berliner Sprecherin Sandra Courant betonte am Dienstag: „An der Lufthansa- Position hat sich nichts geändert.“ Wie berichtet haben sich auch der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften (BDF) sowie der Dachverband Barig, in dem sich rund hundert in- und ausländische Luftfahrtgesellschaften zusammengeschlossen haben, gegen die Schließung gewandt.

Andere Airlines, die noch in Tegel starten, äußerten sich neutraler. Zum Beispiel Finnair, die von dort nach Helsinki fliegt. Sprecher Päivyt Tallqvist teilte auf Anfrage der Berliner Zeitung mit:„Wenn eine Stilllegung beschlossen wird, wäre Finnair darauf vorbereitet, ihre Operations zu verlagern – vorausgesetzt, es wird eine ausreichende Übergangszeit gewährt." Ähnlich lautete die Antwort der niederländischen KLM. „KLM bereitet sich auf den Umzug von Tegel an den neuen Flughafen BER vor, wenn dieser im Oktober eröffnet“, so Unternehmenssprecherin Susanne Freitag. „Für die Zeit bis dahin sind wir auf eventuelle Änderungen vorbereitet und warten ab, wie sich die Situation entwickelt beziehungsweise, was entschieden wird.“ Vehemente Ablehnung hört sich anders an.

Berichten zufolge gebe es in der FBB angeblich Überlegungen, die bislang für Ende Oktober 2020 geplante Inbetriebnahme des Flughafens BER in den Sommer vorzuziehen. So könnte Lufthansa ein erneuter Umzug in Schönefeld erspart werden, hieß es. Doch bei der größten deutschen Airline sähe man auch ein solches Konzept als Abweichung von bisherigen Absprachen, wie Sprecherin Courant betonte. „Wir haben uns darauf eingestellt, dass wir erst im Herbst am BER den Betrieb aufnehmen“, sagte sie. Darauf sei alles ausgerichtet, Änderungen würden aufwändig. Bei der FBB hieß es zu den Berichten, es handele sich um „reine Spekulation“.

Praxistest vor dem neuen Regierungsterminal in Schönefeld. Ein Bild von der Stellprobe am Freitag.
Foto: Berliner Zeitung

Offensichtlich scheint man sich unterdessen in der Bundesverwaltung daran zu gewöhnen, dass sich der Luftverkehr in der Hauptstadt-Region schon bald in Schönefeld konzentrieren wird. Berichten zufolge war das Vorfeld des dortigen neuen Regierungsterminals am Freitag Schauplatz einer so genannten Stellprobe. Mit vier Flugzeugen des Bundes sei ausgelotet worden, wie dort künftig der Verkehr organisiert werden könnte. An dem Praxistest nahm ein Airbus A340 der Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung teil. Ein weiterer Airbus sowie zwei Jets aus der Global-Familie wurden dem Vernehmen nach ebenfalls bei der Stellprobe eingesetzt.

Das Regierungsterminal an der Ramp 1, von der Architektengemeinschaft Fehr geplant und im Auftrag der FBB etwas preiswerter als veranschlagt gebaut, ist seit September 2018 fertig. Im März 2020 wurde das zweigeschossige Gebäude vom Bund übernommen. Die Nutzfläche ist mit mehr als 2200 Quadratmeter nicht nur ungefähr zehn Mal so groß wie die des jetzigen Terminals in Tegel Nord, die technische Ausstattung ist auch moderner. Bis zu 250 Menschen können dort abgefertigt werden. Der große Raum 1310 ist für Pressekonferenzen ausgestattet, nebenan befinden sich Dolmetscherkabinen. Im ersten Obergeschoss, das für den normalen Delegationsgast nicht zugänglich ist, befinden sich die abgeschotteten Räume für die Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler.