Berlin - Die Rechnung ist einfach: Ein herkömmliches Auto mit Benzin- oder Dieselmotor besteht aus etwa 1400 Teilen, ein Elektroauto dagegen nur aus gut 200. Es ist dieses Verhältnis, das die Auswirkung der Mobilitätswende für den Arbeitsmarkt konkret werden lässt und bewusst macht: Vieles wird schon bald nicht mehr gebraucht. 

Im Berliner Daimler-Werk in Marienfelde etwa sind Nockenwellen, Steuerungsteile und sogar komplette Sechszylinder-Motoren Kern der Fertigungspalette. 2500 Menschen arbeiten dort. Etliche kleinere Zulieferer versorgen von Berlin aus Autowerke nicht nur in Deutschland. „In jedem BMW, der irgendwo gebaut wird, steckt ein Teil aus Marzahn“, heißt es beispielsweise bei Walter Automotive im Berliner Nordosten. Was wird aus den Jobs dort?

Das Münchner Ifo-Institut hat im Auftrag des Verbands der hiesigen Automobilindustrie (VDA) untersucht, was die Transformation der Branche hin zur klimaneutralen Mobilität bedeutet. Immerhin lag der Produktionswert aller direkt vom Verbrenner abhängigen Produkte im Jahr 2019 bei 149 Milliarden Euro. Aktuell sind rund 613.000 Arbeitsplätze in Deutschland von der Produktion von Benzin- und Dieselautos abhängig. Der Studie zufolge werden bereits in vier Jahren „zwischen 29 Prozent und 36 Prozent“ dieser Jobs zur Disposition stehen. Klartext: Bis 2025 sind die Jobs von mindestens 178.000 Beschäftigten vom Wandel betroffen, bis 2030 sind es wenigstens 215.000 Beschäftigte.

Der Übergang zur Elektromobilität als große Herausforderung

Wenngleich der demografische Wandel die Jobverluste zum Teil abfedern wird, weil viele Beschäftigte in den nächsten Jahren das Rentenalter erreichen, so bleibt doch eine erhebliche Lücke. Bis 2025 könnten demnach 100.000 Beschäftigte der Autobranche tatsächlich ihren Job verlieren. „Vor allem für die mittelständisch geprägte Zuliefererbranche ist der Übergang zur Elektromobilität eine große Herausforderung“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Zumal es den Trend gebe, dass Konzerne ausgelagerte Produktionsprozesse wieder zurück ins Unternehmen holen. Das ginge dann auch zulasten von Zulieferern. „Kleine, auf wenige Produkte spezialisierte Betriebe können nicht mehr nachgefragte Teile oft gar nicht mehr durch andere Produkte ersetzen“, heißt es in der Studie.

In der Konsequenz sollen bereits begonnene Umschulungen und Qualifizierungen in den Unternehmen weiter vorangetrieben werden, um Jobverluste reduzieren zu können. VDA-Chefin Hildegard Müller verlangt dabei aber auch Unterstützung von der Politik. Dies sei eine gesellschaftliche Aufgabe, zumal nicht wenige Beschäftigte das jeweilige Unternehmen im Zuge der Transformation verlassen würden oder müssten.

Zugleich stellten die Wirtschaftsforscher und die Autoindustrie klar, dass die Folgen „der überstürzten aktuellen Diskussion um ein neues Klimaschutzgesetz“ dabei noch gar nicht abgesehen werden könnten. Am Mittwoch hatte die Bundesregierung angekündigt, Deutschland werde seinen CO2-Ausstoß bis 2030 um 65 Prozent senken und bis 2045 klimaneutral werden. Ifo-Präsident Fuest: „Ich kann mir das nur mit dem Wahlkampf erklären.“