Die Aufregung ist groß: Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) hat Europa wegen der Schuldenkrise auf die Rote Liste gesetzt. Wenige Tage vor dem EU-Gipfel droht sie Deutschland und praktisch allen anderen Euro-Staaten mit der Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit. In einem beispiellosen Schritt versah S&P diese Länder mit einem negativen Ausblick. Die FR beantwortet die wichtigsten Fragen dazu:

Warum hat S&P das getan?

Die Agentur nennt fünf Gründe: Die sich verschärfenden Kreditkonditionen in der Eurozone, die anziehenden Risikoprämien, die offensichtliche Uneinigkeit der Politiker bei der Lösung der Euro-Krise, die hohen Verschuldungsniveaus der Staaten und privaten Haushalte in weiten Teilen der Eurozone sowie das Risiko, dass es zu einer Rezession kommt. Die Wahrscheinlichkeit dafür beziffert S&P auf immerhin 40 Prozent.

Sind das nur vorgeschobene Gründe?

Schön, wenn es so wäre. Die Ratingagentur gibt ein realistisches Bild der Verspannungen und krisenhaften Lage in Europas Bankensystem, dem Kreislaufsystem der Wirtschaft. Die Banken leihen Unternehmen weniger Geld (verschärfte Kreditkonditionen), Kredite werden im Gros teurer, die Staaten müssen höhere Zinsen zahlen (steigende Risikoprämien), das Risiko einer Rezession schätzen einige Analysten sogar deutlich höher als mit 40 Prozent ein. S&P fürchtet, dass nächstes Jahr alles noch schlimmer wird. Denn in einer Rezession steigen Staatsschulden sprunghaft an, weil Steuereinnahmen zurückgehen und mehr Sozialausgaben fällig werden.

Ist die Herabstufung kurz vor dem Eurogipfel nicht der Beweis dafür, dass die US-Ratingagentur lediglich Politik macht?

Das kann man so sehen. Und Analyst Moritz Krämer, der die jüngste Entscheidung mit verantwortet, macht gar keinen Hehl daraus, dass S&P kurz vor dem EU-Gipfel Druck auf die Politik ausüben wollte: „Unser Signal an die Politiker ist, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, die Situation zu verändern.“ Mit derselben Berechtigung kann man jedoch auch lästern, dass S&P mal wieder das tut, was es immer tut: Dem Markt hinterher laufen. Die kräftigen Verluste bei europäischen Staatsanleihen, die Ansteckung solider Länder wie Frankreich und Österreich, die Mühe des Euro-Rettungsschirms EFSF sich Geld zu leihen, all das ist seit rund drei Wochen traurige Realität.

Wie kann die Bonität der Bundesrepublik in Zweifel gezogen werden, wenn Investoren für deutsche Staatspapiere nicht einmal mehr Zinsen verlangen?

Das ist in der Tat kurios. Am Montag wurden sechsmonatige Schatzwechsel für den irrsinnig niedrigen Zins von 0,0005 Prozent versteigert. Darin zeigt sich nur das andere Gesicht der Euro-Krise. Weil immer mehr Anleger sich vor dem Zusammenbruch fürchten, legen sie das Geld in den Papieren an, die nach dem Zusammenbruch des Euros gegenüber der heimischen Währung aufgewertet werden dürften. Das sind nun mal die deutschen Anleihen, da eine neue D-Mark sicher gegenüber allen anderen neuen nationalen Währungen gewinnen würde. Die Minizinsen sind Ausdruck der Kapitalflucht, nicht aber der Einschätzung der Bonität deutscher Papiere. Diese hat gelitten, seit die AAA-Staaten Frankreich und Österreich angesteckt worden sind. Woran man das erkennt? An der Renditedifferenz zu US-Staatsanleihen oder an den Kreditausfallversicherungen auf die deutsche Staatsschuld.

Was passiert, wenn Deutschland sein AAA verliert?

Dann bekommt es bei S&P die zweitbeste Note AA+, behält aber bei den beiden anderen großen Agenturen die Bestnote. Erst wenn eine weitere Agentur die Bonität herabstuft, könnten einige Fonds gezwungen sein, ihre Bundesanleihen zu verkaufen. Es gebe zwar keine gesetzlichen Regelungen, die die Versicherer verpflichtet, in AAA-Anleihen zu investieren, sagt Peter Schwark vom Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, allerdings würden die Anlagestrategien mancher Unternehmen vorsehen, dass ein bestimmter Anteil an AAA-Anleihen gehalten werden muss. Doch auch das ist nicht in Stein gemeißelt.

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