Berlin - Trotz sinkender Arbeitslosigkeit, steigender Löhne, niedriger Kreditzinsen und stabiler Konjunktur ist die Verschuldung privater Haushalte in Deutschland zum dritten Mal in Folge spürbar angestiegen. Nach Angaben des Inkassounternehmens Creditreform waren am 1. Oktober dieses Jahres bundesweit 6,8 Millionen volljährige Personen überschuldet. Das sind 131.000 mehr als zwölf Monate zuvor. Die Überschuldungsquote stieg erstmals seit 2008 wieder über die Zehn-Prozent-Marke auf 10,06 Prozent. Die durchschnittliche Überschuldung betrug knapp 35.000 Euro pro Person.

Zahl stark überschuldeter Personen stieg

Allerdings trifft dies nicht auf alle Regionen gleichermaßen zu. Unterschiede ergeben sich auch beim Ausmaß der Verschuldung und mit Blick auf die von Verschuldung betroffenen Altersgruppen. Der von Creditreform veröffentlichte Schuldneratlas 2016 zeigt, dass nur die Zahl stark überschuldeter Personen stieg (nämlich um rund 220.000), während Fälle mit „geringer Überschuldungsintensität“ um fast 90.000 zurückgingen. Als stark überschuldet gelten Menschen, wenn sie wegen ihrer Schulden juristisch in Erscheinung getreten sind (etwa durch eine Eidesstattliche Versicherung oder eine Privatinsolvenz) und überdies trotz mehrerer Mahnungen unterschiedlicher Gläubiger wiederholt Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen konnten („nachhaltige Zahlungsstörung“). Von einer geringen Überschuldung ist die Rede, wenn zwar mehrfach Rechnungen nicht bezahlt wurden, ein Eintrag in amtliche Schuldnerverzeichnisse aber (noch) nicht vorliegt.

NRW am unteren Ende der Liste

Auffällig sind zum einen große regionalen Unterschiede. Während Bayern mit einer Quote von 7,35 Prozent der Volljährigen die geringste Überschuldungsquote aller Bundesländer aufweist, liegt sie in Bremen mit 14 Prozent fast doppelt so hoch. Eine niedrige Überschuldung weisen Baden-Württemberg (8,34 Prozent), Thüringen (9,24) und Sachsen (9,89) auf. Im Mittelfeld zwischen zehn und elf Prozent liegen Hessen, Rheinland-Pfalz, Brandenburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Schleswig-Holstein. Am unteren Ende befinden sich das Saarland, NRW, Sachsen-Anhalt, Berlin und eben der Stadtstaat Bremen.

Dabei relativieren lokale Abweichungen und Entwicklungen diese Angaben. Im Vergleich zu 2015 nämlich sind Berlin mit einem Minus von 0,24 Prozentpunkten auf 12,74 Prozent überschuldeter Privatpersonen, Bremen (minus 0,07 Punkt) und das Saarland (minus 0,02 auf 11,31 Prozent) die einzigen Länder, in denen die Überschuldung sank.  Dagegen verzeichneten Baden-Württemberg (plus 0,25 Punkte), Bayern und Sachsen (je plus 0,24 Punkte)  sowie Thüringen (plus 0,16) die stärkste Zunahme. Gleiches gilt für die lokale Ebene: Halle an der Saale etwa verbuchte entgegen dem Landestrend mit einem Minus um 0,28 Punkte auf 16,85 Prozent den bundesweit dritthöchsten Rückgang aller 402 Kommunen. Nur in Cuxhaven und Braunschweig ging die Überschuldung noch stärker zurück.

Ruhrgebiet bleibt das „Sorgenkind“

Die Ruhrregion wiederum wird im Schuldneratlas als „Sorgenkind“ bezeichnet. Und das nicht nur, weil die Stadt Herne im Langzeitvergleich zu 2004 mit 4,86 Punkten auf 17,61 Prozent den höchsten Zuwachs bundesweit zu verkraften hatte. Auch Wuppertal mit einer mit einem Überschuldungsanteil von 18,08 Prozent, Gelsenkirchen (17,67 Prozent) Duisburg (16,64), Dortmund (14,46) und Essen (13,59) liegen deutlich über dem Durchschnitt.

Zum zweiten weicht die Überschuldungsentwicklung in den unterschiedlichen Altersgruppen stark voneinander ab: In der Gruppe der unter 30-Jährigen ging die Überschuldung seit 2013 um 7,4 Prozent auf 1,66 Millionen Personen zurück, während sie unter den 30-39-Jährigen um 9,3 Prozent auf 1,88 Millionen zunahm. In dieser Altersgruppe ist fast jeder Fünfte überschuldet. Das mit Abstand höchste Überschuldungsplus von fast 58 Prozent gegenüber 2013 verzeichneten die Statistiker bei den über 70-Jährigen. Allerdings liegt der Anteil überschuldeter Personen in dieser Altersgruppe bei unter zwei Prozent.

Ursachen wie Arbeitslosigkeit, Erkrankungen und Unfälle

Die nach wie vor häufigste, wenn auch stark rückläufige Ursache für Überschuldung ist Arbeitslosigkeit, die für 1,28 Millionen der bundesweit 6,85 Millionen Fälle hauptverantwortlich ist. 2009 waren noch 1,76 Millionen Überschuldungen dem Verlust des Arbeitsplatzes zuzurechnen. Weitere Ursachen sind Erkrankungen, Unfälle, Suchtprobleme, Scheidungen, Tod des Lebenspartners, gescheiterte Selbstständigkeit und unwirtschaftliche Haushaltsführung.

Eine zentrale Rolle spielt bei alledem der Trend zu auseinanderdriftenden Einkommen, wie die Autoren des Schuldner-Atlasses hervorheben: „Einkommenspolarisierung und Überschuldung können als zwei Seiten einer Medaille angesehen werden“. In eine ähnliche Richtung weist eine Analyse des Statischen Bundesamts vom Juli dieses Jahres.  Dort heißt es: „Die Hauptauslöser der Überschuldung liegen überwiegend außerhalb der Kontrolle der Überschuldeten.“