Berlin ist die Stadt der Gegensätzlichkeiten: Seite 2005 wächst die Wirtschaft kräftig, die Zahl der Erwerbstätigen stieg seitdem überdurchschnittlich, die Einkommen legen ordentlich zu – aber in der Hauptstadt gibt es auch die meisten Hartz-IV-Empfänger und die zweithöchste Schuldner-Quote im Vergleich der Bundesländer. Wie die Wirtschaftsauskunftei Creditreform am Mittwoch mitteilte, sind rund 370.200 Berliner überschuldet.

„Unangemessener Konsum“

Das bedeutet, dass jeder achte Erwachsene seine aufgetürmten Schulden in absehbarer Zeit nicht zurückzahlen kann. Im Vergleich zur Erhebung im vergangenen Jahr ist die Zahl der überschuldeten Berliner leicht zurückgegangen. An der Tatsache, dass die Schuldnerquote in der Hauptstadt seit vielen Jahren über dem Bundesschnitt liegt, ändert das nichts.

Da mit der letzten Volkszählung die Zahl der Einwohner nach unten korrigiert werden musste, ist die Schuldnerquote noch gestiegen: von 12,56 im vergangenen Jahr auf nunmehr 13,12 Prozent. Schlechter als Berlin schneidet aktuell nur Bremen mit einer Quote von 13,85 Prozent ab. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 9,81 Prozent. Unter dieser Quote liegen nur Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen.

Brandenburg kommt auf ein vergleichsweise günstiges Ergebnis: Die Schuldnerquote beträgt 9,95 Prozent. Insgesamt gelten rund 210.240 Menschen dort als überschuldet, was wie in Berlin einen leichten Rückgang bedeutet.

Zu den Gründen der Überschuldung erklärte Creditrefom, dass „unangemessenes Konsumverhalten und auch Krankheit“ als Auslöser an Bedeutung gewonnen haben. Auch Scheidungen spielten ein erhebliche Rolle. Arbeitslosigkeit zähle weiterhin zu den wichtigen Ursachen, jedoch habe sich wegen der verbesserten Arbeitsmarktlage der Stellenwert von Jobverlust und gescheiterter Selbstständigkeit als Grund für finanzielle Desaster leicht verringert.

Bei der Einschätzung der zukünftigen Entwicklung bleibt Creditreform zurückhaltend. „Trotz perspektivisch weiterhin positiver Konjunkturdaten, stabil zunehmender Beschäftigung und steigender Einkommen ist die Zahl von Schuldnern mit hoher Überschuldungsintensität weiter groß“, heißt es in dem Berliner Schuldenatlas. „Eine maßgebliche Entspannung ist daher nicht zu erwarten.“ Sorgen würden unter anderem die steigenden Mieten bereiten.

Große Unterschiede gibt es innerhalb der Stadt. Die niedrigste Schuldnerquote haben die Analysten von Creditreform in Zehlendorf (7,82 Prozent) festgestellt, die höchste in Wedding (19,16 Prozent). Dort ist mithin etwa jeder fünfte Erwachsene überschuldet. Dennoch könne man nicht davon sprechen, in Wedding würden die Armen wohnen, in anderen Bezirken die Reichen, so Creditreform. Dafür seien die Differenzierungen innerhalb der Stadtteile zu groß. Vergleichsweise homogen sei die Lage in Prenzlauer Berg und Weißensee. Am deutlichsten verschlechterte sich die Situation in Marzahn sowie Hellersdorf und Hohenschönhausen.