Berlin - Die Krankheit verläuft immer tödlich. Sie ist hochgradig ansteckend, der Erreger extrem überlebensfähig, ein Impfstoff nicht vorhanden. Und sie ist im Begriff, die deutschen  Landesgrenzen zu überwinden. In Polen und Tschechien wurde bereits bei mehr als 1000 Tieren die Afrikanische Schweinepest (ASP) festgestellt. In den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen waren es nach Angaben des bundeseigenen Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) für Tiergesundheit allein 2017 fast 4000. Auch Russland, die Ukraine, Weißrussland und Rumänien sind betroffen. 

Wann das Virus, dessen Ursprung im südlichen Afrika liegt und das sich seit 2014 in Osteuropa immer weiter ausbreitet, auch hiesige Bestände befällt, scheint nur mehr eine Frage der Zeit.  „Es kann morgen passieren oder erst in einem Jahr, aber es wird passieren“, sagt FLI-Sprecherin Elke Reinking.

Schweinepest ist für den Menschen ungefährlich

Für Menschen ist die Krankheit zwar ungefährlich. Gleichwohl sind Politiker, Veterinärmediziner und Landwirte hochgradig alarmiert. „Für uns Schweinehalter und die gesamte Wertschöpfungskette wäre ein Ausbruch der Afrikanischen Schweinpest eine Katastrophe“, warnt der Präsident des Westfälisch Lippischen Landwirtschaftsverbands, Johannes Röring, vor Jahreswechsel. „Schwere wirtschaftliche Folgen“ befürchtet auch der noch amtierende Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Die FLI- Forscher sprechen von „äußerst schwerwiegenden Konsequenzen“ und „massiven wirtschaftlichen Folgen“.

Die düsteren Warnungen kommen nicht von ungefähr. Zum einen ist die Seuche allein durch bessere Grenzkontrollen und andere Vorsichtsmaßnahmen nicht aufzuhalten. Bei der großen Mehrzahl der infizierten Tiere in den östlichen Nachbarländern handelt es sich nämlich um Wildschweine, die sich erfahrungsgemäß nicht um staatliche Hoheitsgebiete scheren. Deutschlands Wälder (und zunehmend auch Parks und Gärten) sind bei Keiler, Bache und Frischling äußerst beliebt: Laut FLI zählt die Bundesrepublik zu den Ländern mit dem höchsten Schwarzwildbesatz überhaupt. Zum zweiten muss es nicht unmittelbar zum Kontakt zwischen Wild- und Hausschwein kommen, um die Krankheit zu übertragen. Größter Risikofaktor nämlich ist der Mensch. Mit dem Virus verunreinigte Kleidung, Werkzeuge, Maschinen, Futtermittel, Essensreste  oder Transportfahrzeuge reichen aus, um den Erreger auch über große Entfernungen hinweg in hiesige Hauschweinbestände zu tragen.

Infizierte Tiere müssen getötet werden

Ist die Seuche erst ausgebrochen, hilft nur noch eines: „Nach Einschleppung der ASP kann eine erfolgversprechende Bekämpfung nur durch Tötung infizierter und ansteckungsverdächtiger Tiere erfolgen“, teilt das FLI in trockenem Behördendeutsch mit. Ein einziges krankes Schwein führt mithin zum Keulen ganzer Bestände. Sind große Halter betroffen, kann das den Tod tausender Tiere bedeuten. In Mecklenburg-Vorpommern etwa stehen in einem durchschnittlichen Schweinehaltungsbetrieb nach Angaben des Thünen-Instituts für ländliche Räume mehr als 2400 Mastschweine im Stall, in den ostdeutschen Ländern insgesamt sind es gut 1830, im Bundesdurchschnitt  574 Tiere. Deutschlandweit registrierte das Statische Bundesamt im November 27,5 Millionen Schweine. 

Auch ökologisch wirtschaftende Betriebe, die im Sinne der Kreislaufwirtschaft  oft nur wenige Tiere halten, wären betroffen: „Das Infektionsrisiko ist genauso hoch wie in der konventionellen Landwirtschaft, die Biobauern sind ausgesprochen beunruhigt“, sagt Peter Röhrig, Geschäftsführer des Bunds Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Angesichts der drohenden wirtschaftlichen Schäden ist die Sorge nachvollziehbar. Der Deutsche Bauernverband beziffert die Verluste als Folge eines großen ASP-Ausbruchs in Deutschland aus mindestens zwei Milliarden Euro. Einschließlich der Einbußen für Wursterzeuger, Lebensmittelhersteller und Einzelhändler sowie der Kosten für die Seuchenbekämpfung sie von einem zweistelligen Milliardenbetrag auszugehen.

Ausfuhrstopp würde zu Preisverfall führen

Hinzu kommen Langzeitfolgen. Vor allem der Export bräche dauerhaft ein. Deutschland würde  „von vielen Drittländern für den Handel , der gerade für große Haltungsbetriebe von wachsender Bedeutung ist, mit Schweinen, deren Produkten und Nebenprodukten auf lange Zeit gesperrt werden“, prognostiziert das FLI. Dies träfe besonders große Mastbetriebe im Kern. Denn die deutschen Schweinhalter setzen ungeachtet rückgängiger Absatzzahlen im Inland bereits seit Jahren auf eine immer höhere Fleischerzeugung für den Export. 1994 wurden noch 3,7 Millionen Tonnen Schweinfleisch in deutschen Ställen erzeugt, 2004 waren es 4,2 Millionen, 2017 bereits 5,5 Millionen Tonnen.  Rund 2,5 Millionen Tonnen davon gingen in den Export. Ein Ausfuhrstopp würde im Inland zu einem beispiellosen Preisverfall führen -  und tausende Betriebe die Existenz kosten.