Im Homeoffice.
Foto: imago images/Westend61

BerlinBeim Unternehmen Payfit in Kreuzberg kommt so langsam Umzugsstimmung auf. Zwar stehen in der ersten Etage des Umspannwerks am Paul-Lincke-Ufer noch keine Umzugskartons im Weg, aber das eine oder andere Möbelstück ist bereits markiert. Ende September soll es soweit sein. Dann zieht die Firma, die  Lohnabrechnungen und Personalverwaltung in kleinen und mittelständischen Unternehmen digitalisiert, in neue Büros.

Im Grunde geht es auf derselben Etage nur nach nebenan. Eigentlich kein großes Ding, aber dennoch außergewöhnlich und zugleich beispielhaft für den Beginn einer großen Veränderung in der Arbeitswelt. Denn obwohl die Geschäfte für den deutschen Ableger des 2016 in Paris gegründeten Unternehmens gut laufen und auch neue Leute eingestellt werden sollen, will die Firma mit weniger Bürofläche auskommen. Französische Revolution in Kreuzberg.

Payfit hat derzeit knapp 50 Beschäftigte, aber die wenigsten arbeiten tatsächlich im Büro. Nachdem  Covid-19 auch in Berlin angekommen war, wechselten viele vom Paul-Lincke-Ufer ins Homeoffice. Bald waren die Räume im Umspannwerk nahezu verwaist. „Wir hatten auch schon vor Corona flexible Homeoffice-Tage“, sagt Personalchefin Samira Helbig. Aber fast niemanden im Büro anzutreffen, sei dann noch mal eine ganz andere  Erfahrung gewesen. „Allerdings ist das wirklich gut gelaufen.“

In der Konsequenz wurde bei Payfit ein sogenanntes „Work from anywhere"-Programm aufgelegt, mit dem die Arbeit noch flexibler gestaltet werden soll. „Jeder und jede soll dort arbeiten können, wo er oder sie sich am produktivsten fühlt und wie es zum jeweiligen Lebensstil am besten passt", sagt die Personalchefin und kann dabei sogar sparen. Die Bürofläche wird von 750 Quadratmeter um etwas mehr als die Hälfte reduziert. Die Mietkosten sinken entsprechend.

Mit dieser Konsequenz überrascht das Kreuzberger Unternehmen aber allenfalls in punkto Schnelligkeit. Denn dass die Erfahrung Homeoffice zu dauerhaften Veränderungen führen wird, steht außer Frage. Die Unternehmensberatung KPMG hatte gerade erst mehr als 300 Firmenchefs unter anderem zu den Möglichkeiten mobiler Arbeit befragt. Ergebnis: Sieben von zehn gehen davon aus, dass ihr Unternehmen künftig weniger Büroflächen benötigen wird.

Auf dem Berliner Büroimmobilienmarkt sind Spuren der Corona-Krise schon jetzt ablesbar. Zwischen April und Juni wurden im Vermietungsgeschäft nur noch etwas mehr als halb so viel Deals wie im  zweiten Quartal des Vorjahres abgeschlossen. Ein noch schlechteres Quartal habe es der Hauptstadt in den letzten zehn Jahren nicht gegeben, konstatiert man in der Berliner Dependance des US-amerikanischen Immobiliendienstleisters John Lang LaSalle (JLL).

Grafik: BLZ/Sabine Hecher, Quelle: JLL

Tatsächlich wurden im gesamten ersten Halbjahr in Berlin etwa 80.000 Quadratmeter Bürofläche weniger vermietet als in der ersten Hälfte des Vorjahres. Das war ein Rückgang um 19 Prozent. Aber wenngleich die Leerstandsquote etwas anstieg, so markiert sie mit aktuell 1,9 Prozent im Bundesvergleich noch immer einen Rekordwert. Und spürbare Mitpreissenkungen waren den Maklern von JLL zufolge auch noch nicht zu sehen. Die Durchschnittmiete stieg sogar auf 26,85 Euro pro Monat und Quadratmeter. In der Spitze wurden 40 Euro verlangt und gezahlt. So ist man sich bei JLL sicher: „Büroimmobilien sind und bleiben relevante Orte zum Arbeiten.“ Ist das so?

Das Büro von Sven Wingerter befindet sich in der 17. Etage des Europa-Centers am Breitscheidplatz. Wingerter ist Chef des Beratungsunternehmens Eurocres, das Unternehmen bei der Transformation in digitale Arbeitswelten begleitet und auf diesem Gebiet als Innovationsführer gilt. In seinem Charlottenburger Büro ist er allerdings selten anzutreffen.  Für ihn, der für das Gespräch aus dem Homeoffice  eine Teams-Sitzung vereinbart hat, steht fest, dass das klassische Büro, wie es vor Corona genutzt wurde, an Bedeutung verliert. „Während Corona hat auch der letzte Dinosaurier unter den CEOs begriffen, dass effektives Arbeiten nicht zwingend die Anwesenheit in der Firma voraussetzt“, sagt Wingerter.

Der 49-Jährige ist der Überzeugung, dass durch Corona und die damit verbundene Zwangserfahrung Homeoffice nicht nur eine Tür, sondern ein Scheunentor geöffnet wurde. So groß, dass ein Zurück in die alte Art zu arbeiten nicht mehr möglich sein wird. In der Vision des Arbeitsplatz-Strategen wird man künftig nur noch dann ins Büro kommen, wenn das für die Erfüllung einer Arbeitsaufgabe wirklich von Vorteil ist. „Und das entscheidet kein Chef, sondern jeder für sich selbst.“

Das klassische Büro wird demnach vor allem ein Ort der Kommunikation sein. Gearbeitet wird vorzugsweise in Satellitenbüros, wobei das gerade entdeckte Homeoffice nur ein Teil der Strategie zu künftigen Arbeitswelten ist. Völlig neue Angebote seien nötig. Wingerter denkt an kleine Co-Working-Bereiche, die in Wohnquartieren entstehen könnten. „Es ist eine Revolution im Gang“, sagt der Eurocres-Chef und prophezeit auch Immobilienvermarktern, Architekten und Quartierentwicklern eine tiefgreifende Veränderung ihrer Arbeit.

Dabei hält er nicht nur den klassischen 10-Jahres-Mietvertrag für ein Auslaufmodell, sondern sieht gravierende Folgen für den Büroimmobilienmarkt. „Mittelfristig werden mindestens 30 Prozent der jetzt bestehenden Büroflächen in Berlin verschwinden“, sagt Wingerter und bezeichnet seine Prognose noch als konservativ. Insgesamt geht es dabei um rund sechs Millionen Quadratmeter oder eine Fläche, die doppelt so groß ist wie das Tempelhofer Feld. Klar, dass jetzt noch verhandelbare Spitzenmieten von bis zu 40 Euro nicht mehr zu erzielen sein werden. Beim Wirtschaftsforschungsinstitut IW in Köln hat man den Büromieten generell bereits einen Absturz um bis zu 47 Prozent vorausgesagt. „Es wird Zeit, dass man klug über die Nutzung des neuen Leerstands nachdenkt“, sagt Wingerter.