In zwei riesigen Lagerhallen in Neuenhagen (Brandenburg) und Leipzig werden die Produkte gelagert.
Foto: Cristoph Busse

BerlinEin wenig neuwertiger Luxus darf dann doch sein. Heiner Kroke hat eine Kragenweite von 39 und eine Armlänge von 41, da wird es schwierig, passende Oberhemden zu finden. Deshalb trägt er sie maßgeschneidert. Alles andere, was man an ihm sieht, Sakko, Jeans und Schuhe stammen aus dem Second-Hand-Verkauf.

So muss das wohl sein, wenn man der Chef von Momox ist, dem europaweit sehr beachteten Online-Händler für gebrauchte Artikel in den Bereichen Textilien, Bücher und Medien. Bei Momox können die Kunden ihre ausrangierten Waren zu einem vorgeschlagenen Preis verkaufen, Momox oder besser die schlauen Algorithmen bieten die Produkte dann auf verschiedenen Plattformen zum Verkauf an.

Einkauf auf dem Flohmarkt

Die Geschäftsidee stammt aus dem Jahr 2004, neuen Schwung gab es in den vergangenen Monaten auch durch die „Fridays for Future“-Bewegung. Wer also daran zweifelt, dass Greta Thunberg mit ihren Aussagen wirklich etwas bewegt, der sollte in die Lagerhallen von Momox nach Neuenhagen (Brandenburg) oder Leipzig fahren. Geschäftsführer Kroke sagt jedenfalls nicht ohne Stolz, dass das Start-up wirklich profitabel arbeitet und händeringend Fachkräfte gesucht werden.

Jede Gründergeschichte hat ihren Charme, weil Schicksal und Zufall sich immer einmischen, aber die von Momox ist schon speziell. Eigentlich war der Gründer Christian Wegner aus Fürstenwalde vor 15 Jahren auf der Suche nach einer Arbeit, weil er gerade Langeweile hatte und auch nicht viel Geld besaß, ging er in ein Antiquariat, um sich ein Buch zu kaufen. Zu Hause angekommen merkte er, dass es doch nicht spannend war, wie er erhofft hatte. Also bot er es im Netz zum Verkauf an. Das Ergebnis: Er konnte das Buch zu einem höheren Preis verkaufen, als er es erworben hatte. Damit war die Geschäftsidee geboren.

In den ehemaligen Geschäftsräumen von Zalando

Wegner stöberte danach auf Flohmärkten, brachte sich das Programmieren bei und zwei Jahre später ging der Online-Handel los. Inzwischen hat sich Wegner zurückgezogen. Seitdem ist es ruhig geworden um ihm. Die Geschäfte laufen trotzdem gut weiter. Inzwischen so gut, dass Momox die ehemaligen Geschäftsräume von Zalando in der Nähe des Ostbahnhofs übernommen hat. Lange Flure, große Räume, Platz für mehr als 150 Mitarbeiter, an sechs Standorten sind es insgesamt 1 700. „Wir stellen jede Woche neue Mitarbeiter ein“, sagt Kroke.

Wie sich das Verhalten der Konsumenten im Umgang mit Second-Hand-Produkten verändert hat, lässt sich auch an den Ergebnissen von Umfragen erkennen, die Momox immer wieder durchführen lässt. „Der Nachhaltigkeitsgedanke ist noch nicht bei allen Deutschen angekommen. Im Gegenteil: Bei manchen Verbrauchern scheint es bei diesem Thema einigen Nachholbedarf zu geben – insbesondere beim Umgang mit gebrauchter Kleidung. Denn: 64 Prozent der in der Studie Befragten werfen ihr gebrauchtes T-Shirt oder die gebrauchte Jeans lieber weg, anstatt sie zu verkaufen.“ So lautete die Erkenntnis vor ein paar Jahren.

Zahlen aus dem vergangenen Jahr kommen zu einem anderen Ergebnis. Etwa 90 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen Nachhaltigkeit beim Kleidungskauf wichtig oder sogar sehr wichtig ist. Und 25 Prozent der Befragten gaben an, dass sie seit einem Jahr oder kürzer Second-Hand-Textilien shoppen. Zur Erinnerung: Greta Thunberg gewann auch im vergangenen Jahr einen Schreibwettbewerb in Schweden und wurde danach mit dem Schulstreik weltweit bekannt. Und sie wies früh auf die Vorteile von Second-Hand-Produkten hin.

Weggeschmissen wird hier nichts

Thunberg und viele junge Aktivisten beklagen, dass wir in einer Überflussgesellschaft leben, in der viel zu viel weggeschmissen wird. In den beiden Lagern von Momox wird nur der erste Teil bestätigt. Die Flächen sind riesig, Kroke spricht davon, dass die Angestellten bis zu zehn Kilometer pro Tag zurücklegen, um die Waren zu transportieren. Aber weggeschmissen wird hier nicht. Es geht ums Weiterverkaufen.

Bleibt noch die Frage nach der Stromversorgung der leistungsstarken Computer. Die Geräte sind immer unterwegs im Netz, um Preise und Angebote zu checken und auch herauszufinden, welche Artikel der Markt gerade so gar nicht braucht. Das kostet Energie. Kroke verweist darauf, dass das Thema fürs kommende Jahr auf dem Plan stehe. „Wir haben vor kurzem die Verpackungen umgestellt, um hier nachhaltiger zu werden. In der Roadmap für 2020 stehen noch weitere Aktivitäten, die uns ein nachhaltigeres Vorgehen ermöglichen, auch die Nutzung von Öko-Strom.“