Ein Frachtschiff nahe dem Hafen von Piräus
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Die globale Lieferkette muss wegen der Corona-Krise mit erheblichen Unterbrechungen rechnen. Das Hauptproblem liegt aktuell in der Container-Schifffahrt. Bis zu 400.000 Besatzungsmitglieder sitzen wegen der Corona-Pandemie entweder auf ihren Schiffen fest oder können aufgrund von Reisebeschränkungen nicht zu ihren Einsätzen reisen, berichtet die Financial Times. Die Crews müssten spätestens zum 16. Juni ausgetauscht werden. Dann läuft die Verlängerung der Arbeitsverträge aus, die aufgrund eines Übereinkommens zwischen Gewerkschaften und Reedern wegen Corona als Notfall-Lösung laufen. Der Generalsekretär der Internationalen Transportarbeiter-Gewerkschaft Steve Cotton sagte laut FT, die Gewerkschaft werde die Vereinbarung nicht verlängern: „Wir werden Seeleuten nicht sagen, dass sie an Bord bleiben müssen. Wenn sie die Schiffe verlassen wollen, werden wir ihnen dabei helfen.“

Ein Tanker in deutschem Besitz weigerte sich vergangene Woche, seine Reise anzutreten, wenn keine Ersatzmannschaft an Bord geholt werden könne.

Verheerende psychische und physische Zustände

Nach den internationalen Seeverkehrsregeln darf ein Seefahrer elf Monate am Stück auf See verbringen. Einige sind jetzt allerdings nach Angaben des Branchenverbandes IFSMA bereits seit bis zu 15 Monaten auf See. Die Seeleute befänden sich in einem teilweise verheerenden psychischen und physischen Zustand, berichtete der Guardian bereits vor einem Monat. Viele hätten ihre Familien über ein Jahr lang nicht gesehen und faktisch durchgearbeitet. Die Arbeit auf Container-Schiffen ist besonders gefährlich und anstrengend: Von den Mitarbeitern wird höchste Konzentration und körperliche Fitness erwartet. Kapitäne machen sich strafbar, wenn sie mit Schiffen fahren, deren Crews übermüdet sind und es deswegen zu Unfällen kommt.

Das Problem ist seit Wochen bekannt. Bereits Ende April hatten der Generalsekretär der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation IMO, Kitack Lim, und Vertreter der Schifffahrtsbranche während eines von der IMO veranstalteten Branchentreffens vor der Verschärfung der Lage gewarnt. Die Branche forderte Maßnahmen von den Regierungen, um einen Wechsel der Besatzungen möglich zu machen. So wurde gefordert, den Austausch in bestimmten Häfen vornehmen zu können. Auch die EU-Kommission forderte die Regierungen auf, eine Lösung herbeizuführen. Der Aufruf wurde jedoch weitgehend ignoriert.

Verweigerung der Notfallbehandlung in Häfen

Frachtschiffe sind für die Lieferung von bis zu 90 Prozent des weltweiten Warenhandels verantwortlich. Etwa 1,2 Millionen Seeleute der Welt müssen sieben Tage die Woche unter oft gefährlichen Bedingungen operieren. Großbritannien, Spanien und die Niederlande haben sie zu Schlüsselarbeitern während der Gesundheitskrise ernannt. Aber sie sind an ihre Grenzen gestoßen: Sie arbeiten über ihre Verträge hinaus, sind erschöpft, stehen unter Stress und sind für die Regierungen, die auf die Waren angewiesen sind, die sie transportieren, unsichtbar. Die Gewerkschaft hat mehrere Berichte über lebensbedrohliche Zustände von Besatzungsmitgliedern erhalten, denen die Notfallbehandlung in Häfen verweigert wurde, obwohl die Krankheiten nicht mit Covid-19 zusammenhängen.

Die Situation der Container-Schiffe ist auch aus anderen Gründen angespannt: Wegen der Corona-Regeln sind die Löschung und Aufnahme des Transportguts deutlich erschwert. Es kommt teilweise zu Staus und Verzögerungen. So warten aktuell im brasilianischen Hafen von Santos 70 Schiffe, um Zucker für den Export zu laden, berichtet die New York Times. Die große Nachfrage kommt daher, dass sich Käufer in aller Welt mit Zucker eindecken wollten. Die brasilianischen Behörden hatten in den vergangenen Wochen eine 14-tägige Quarantäne über drei Frachtschiffe verhängt, nachdem die Besatzungsmitglieder positiv auf Covid-19 getestet worden waren. Die Schiffe hatten daraufhin den Ladevorgang eingestellt.