Mit dem knappen Wahlsieg von Joe Biden scheint sich der Wind an den Börsen gedreht zu haben. Die Entwicklung der Weltwirtschaft erscheint seit dem sich abzeichnenden Abgang von Donald Trump in einem rosigeren Licht. Zufällig fiel die Wende in Washington mit der enthusiastisch gefeierten Nachricht zusammen, dass das deutsche Unternehmen BionTech gute Erfolgsaussichten für einen Impfstoff für SARS-Covid-19 sieht. BionTech hat eine Partnerschaft mit dem US-Pharmariesen Pfizer und ist an der US-Technologiebörse Nasdaq notiert.

Beide Nachrichten führten vor allem in Teilen der USA zu euphorischen Reaktionen. Die Begeisterung war so groß, dass sogar die US-Demokraten ihre im Wahlkampf propagierte Vorsicht kurzzeitig vergaßen und zu Tausenden ohne Beachtung des Abstandsgebots mit Champagner in den Straßen von New York feierten, wie NBC berichtete. Im Wahlkampf hatte Biden noch zuvor einen „langen, dunklen Winter“ angekündigt.

Doch nach der Wahl sind die düsteren Vorahnungen vorerst vergessen. Auch die Analysten von Banken und an den Börsen sind plötzlich zuversichtlich: Dubravko Lakos-Bujas von der Investmentbank JP Morgan schreibt in einer Notiz an die Kunden, die Aussichten „hellen sich deutlich auf“. Neben dem Biden-Sieg erwähnt Lakos-Bujas ausdrücklich die Möglichkeit, dass die „Pandemie zu einem Ende“ kommen könnte. Bedingung dafür sei allerdings, dass sich die Impfstoff-Hoffnungen auch tatsächlich erfüllen.

JP Morgen erhöhte seine Prognose für die Aktienmärkte und erwartet spätestens in der ersten Hälfte des Jahres 2021 neue Rekorde. Für die Milliardäre dieser Welt war die Bekanntgabe des Impfstoff-Durchbruchs ein weiteres Erfolgserlebnis. Schon zuvor war das Lockdown-Jahr 2020 für sie sehr profitabel. Laut Bloomberg haben die 500 reichsten Menschen ihr Vermögen in diesem Jahr um 1,2 Billionen Dollar gesteigert. Erstmals haben fünf Einzelpersonen ein Vermögen, welches über 100 Milliarden Dollar liegt: Zu Jeff Bezos, Bill Gates, Mark Zuckerberg und Elon Musk gesellt sich der französische Luxus-Zar Bernard Arnault in diesen illustren Kreis. Auch für sein Unternehmen LVMH war 2020 ein gutes Jahr, wenngleich die Luxus-Klientel ihre Anschaffungen wegen der verschiedenen Reisebeschränkungen etwas diskreter zur Schau stellen musste.

Vor allem in China ist von einem Ende der Pandemie die Rede. Zhang Wenhong, Direktor der Abteilung für Infektionskrankheiten im Huashan Krankenhaus in Shanghai schreibt in dem in Peking erscheinenden Wirtschaftsmagazin Caixin Global, er glaube, „die dunkelste Zeit der Pandemie ist vorüber“. Für Zhang ist die Entwicklung des Impfstoffs nur ein Faktor, der in Zukunft eine Rolle spielen werde. Er schreibt, dass es in China vor allem die „asiatischen Werte“ gewesen seien, die geholfen hätten, das Virus so rasch und effizient einzudämmen: Es seien jene „Werte, die den Einzelnen ermutigen, sich für den langfristigen Nutzen der gesamten Gemeinschaft zu opfern“. Zhang zitiert Margaret Chan, die ehemalige Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation WHO: Er teile ihre Einschätzung, dass die Einschränkung der persönlichen Freiheit des einzelnen „einen großen Unterschied für die gesamte zukünftige Freiheit der Gesellschaft bedeuten kann“.

Nicht allzu sehr scheint die Freiheit für die Chinesen allerdings im Hinblick auf den Konsum eingeschränkt zu werden: Chinas Online-Händler Alibaba hat während der größten Rabattschlacht der Welt einen Verkaufsrekord erzielt. Wie der Konzern am Mittwoch eine halbe Stunde nach dem offiziellen Start in einem Zwischenstand mitteilte, verkaufte er im Rahmen des sogenannten „Singles Day“ Waren im Wert von etwa 47,7 Milliarden Euro. Auch im Automobilmarkt sind die Chinesen zuversichtlich wie schon lange nicht: Im Oktober seien 2,02 Millionen Pkw, SUVs und kleinere Mehrzweckfahrzeuge an Endkunden gegangen, teilte der Branchenverband PCA (China Passenger Car Association) am Montag in Peking mit. Das war ein Plus von acht Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat und der vierte Anstieg in Folge.

Für nachhaltige Investoren bleiben trotz dieser Euphorie einige Fragen offen: Es ist nicht klar, ob der Impfstoff wirklich so reibungslos kommt, wie es aktuell erscheint. Für professionelle Börsen-Spekulanten sind alle Nachrichten jedenfalls interessant, weil Bewegung an den Märkten immer gut ist – gleichgültig, in welche Richtung. Nachdenklich machen könnte Beobachter allerdings die Tatsache, dass der CEO von Pfizer, Albert Bourla, am Montag nach dem Kursfeuerwerk Kasse machte und 62 Prozent seines Pfizer-Aktienpakets verkaufte. Auch die Entwicklung in China ist keine Garantie auf einen neuen Wachstumsschub für westliche Unternehmen. Die kommunistische Partei hat bei ihrer jüngsten Tagung einen weitreichenden Beschluss gefasst und will sich von den internationalen Entwicklungen abkoppeln.

Die Entwicklung in Washington dürfte vor allem von der Federal Reserve abhängen: Pumpt sie weiter Geld in die Märkte, werden die Kurse steigen. Der Druck auf die Notenbanken in aller Welt wird auch durch das zu erwartende Patt zwischen Biden und einem republikanisch dominierten Senat steigen: Der Spielraum für den Präsidenten für neue staatliche Rettungsprogramme ist stark eingeschränkt. Daher bleiben Schulden als das Mittel der Wahl. Bill Ackman, ein gefürchteter Hedgefonds Manager, sagte der Financial Times, die Märkte seien zu optimistisch hinsichtlich der Pandemie. Es werde weiterhin steigende Todeszahlen geben. Ackman wettet daher schon mit erheblichen Mitteln auf Unternehmenspleiten – freilich nicht ohne zu beteuern, dass er diese Zusammenbrüche natürlich lieber nicht sehen würden.