Berlin - Zehntausende deutsche Steuerhinterzieher haben die womöglich letzte Gelegenheit genutzt, um reinen Tisch zu machen und dennoch straffrei davon zu kommen. Die Zahl der Selbstanzeigen schoss im vergangenen Jahr nach Angaben aus den Finanzverwaltungen auf den höchsten Wert in der bundesdeutschen Geschichte. Nach 24.000 Meldungen im bisherigen Rekordjahr 2013 dürften sich 2014 fast 40.000 Menschen bei den Finanzämtern offenbart haben.

„Viele haben noch in letzter Minute versucht, die für sie günstigen Gesetzesbedingungen des alten Jahres zu nutzen“, sagte Thomas Eigenthaler von der Deutschen Steuer-Gewerkschaft der Berliner Zeitung. In Berlin offenbarten zwischen Januar und Dezember 1 272 Männer und Frauen ihre Verstöße beim Finanzamt, fast ein Drittel mehr als zwölf Monate zuvor. In Sachsen-Anhalt registrierten die Beamten mit 70 mehr als doppelt so viele Selbstanzeigen wie ein Jahr zuvor. Die absolute Zahl der Fälle bleibt wie in allen ostdeutschen Ländern klein, weil hier weniger vermögende Kapitalbesitzer leben. Auch für Hessen und Nordrhein-Westfalen sprechen die vorläufigen Daten für einen nie gekannten Boom der Selbstanzeigen.

Mit plötzlicher Reue ist die neue Ehrlichkeit nicht zu erklären. Vielmehr grassiert die Angst, erwischt zu werden. Hauptmotiv dürfte die Gesetzesverschärfung sein, die am 1. Januar in Kraft trat. Durch sie wird die Strafbefreiung komplizierter und teurer. Künftig muss jemand alle steuerlichen Fehltritte für die vergangenen zehn statt bisher fünf Jahre aufdecken. Wer mehr als 25 000 Euro hinterzogen hat, muss je nach Summe Strafzuschläge zwischen zehn und 20 Prozent der hinterzogenen Beträge abführen. Bisher begnügte sich der Fiskus mit fünf Prozent Zuschlag ab 50.000 Euro. Dazu kommen Zinsen von sechs Prozent pro Jahr.

Eine Rolle spielt zudem der Hoeneß-Effekt. Dass der frühere Bayern-Manager wegen massiver Steuerhinterziehung ins Gefängnis musste, verdeutlichte auch den Hartgesottenen, mit welchem Risiko sie spielen. Und einfacher wird das Leben für Steuerhinterzieher auch in Zukunft nicht - im Gegenteil. Über 50 Staaten haben im Oktober in Berlin vereinbart, automatisch Infos über die Konten von Ausländern an die Heimatländer zu liefern. Von 2017 an erfährt der deutsche Fiskus damit, was Bundesbürger jenseits der Grenzen angelegt haben und was die damit verdienen. Die Schweiz will sich 2018 anschließen.