Selbstfahrenden Autos: Berliner Unternehmen Here treibt Entwicklung von Robotertaxis voran

Es wird nicht mehr lange dauern, bis autonome Fahrzeuge über die Autobahn donnern. Christof Hellmis und seine Mannschaft sollen dafür sorgen, dass sie dann auf den Zentimeter genau wissen, wo  sie sich befinden – und wann hinter der nächsten Kurve eine Gefahrensituation lauert. 

Hellmis gehört zur Führungsmannschaft von Here, jenem  Technologieunternehmen, das  Audi, BMW und Daimler im vergangenen  Jahr für 2,8 Milliarden Euro erworben haben. Auf einer Leinwand im ersten Stock des Here-Hauptsitzes in Berlin zeigt er ein Video, das die Technologie zeigt: Ein autonomes Fahrzeug fährt durch den Regen über eine Autobahn, die Sensoren erfassen Schilder und andere Markierungen am Rand der Fahrbahn. Im Sekundenbruchteil gleichen sie diese mit der Karte ab.

„Zentimetergenaue Karten sind für assistiertes und voll automatisiertes Fahren essenziell“, sagt Hellmis. „Damit das Auto selbstständig fahren kann,  reicht es nicht mehr zu wissen, auf welcher Straße man sich befindet, man muss die Fahrspur kennen.“ Das normale GPS, mit Ungenauigkeiten von mehreren Metern, ist  dabei wenig hilfreich. Doch indem die Fahrzeuge die Daten von Kameras und Radars mit dem abgleichen, was sie auf der Karte finden, können sie ihre eigene Position genau lokalisieren – und zugleich viel weiter nach vorne schauen, als es Menschen jemals konnten.

Liegt hinter einem Hügel oder einer Kurve ein Fahrzeug auf der Fahrbahn, ist es in der Karte schon verzeichnet. „Es würde dann vorwarnen und sagen: Pass auf, die Fahrspur ist blockiert, fang doch jetzt schon an, in die andere Fahrspur zu  wechseln.“ Nur auf Basis der im Fahrzeug verbauten Sensoren alleine wäre das nicht möglich. Sie könnten nicht durch andere Autos  schauen. „Aber die Karte weiß, wie die Straße verläuft – und ob hinter der Ecke  Gefahren lauern.“

Die Daten dafür kommen von den Sensoren der anderen Autos. Ihre Kameras und Sensoren werden irgendwann die Karte stets auf dem neuesten Stand halten, sagt  Hellmis.  Aber um sie zu erstellen, reichen die Sensoren nicht aus. Deshalb fährt Here dazu  mit einer ständig wachsenden eigenen Wagenflotte die Straßen ab – derzeit rund 400 Fahrzeuge.

Die Here-Wagen sind vollgestopft mit diversen Sensoren. An Bord sind  etwa  sogenannte Lidar-Sensoren,  die die  Distanz von rund 700.000 Datenpunkten pro Sekunde erfassen, um ein Abbild der Straßenoberfläche und Umgebung zu erstellen – Bürgersteige, Hausfassaden, Gestrüpp. Zudem nimmt eine  68-Megapixel-Kamera  mehr als drei Mal pro Sekunde  360-Grad-Panorama-Bilder auf. Bis zu 140 Gigabyte an Daten entstehen so  an einem Tag – aus denen Here dann die Karte  für die autonomen Fahrzeuge formt.

Menschen sind unerlässlich

Zwar können die Algorithmen von Here die Verkehrsschilder inzwischen automatisch aus den Daten auslesen und in die Karte einfügen. Doch zur Erstellung unerlässlich dabei sind dennoch: Menschen. 2500 der rund 6500 Mitarbeiter  arbeiten bei Here an der Kartenherstellung. „Kartenerstellung ist ein schwieriger Prozess,“ sagt Hellmis. Die Karten, die Here auch für Smartphones und andere Dienste anbietet, werden aus 80.000 Datenpunkten zusammengesetzte. Die Daten kommen von Katasterämtern, Datenbanken oder Luftbildern. Hellmis sagt: „Die Probleme fangen an, wenn man die Datenquellen kombiniert. Vieles passt nicht zueinander, oft sind die Daten unterschiedlichen Alters.“ Zwar könne man viel automatisieren, aber der Mensch sei immer noch unschlagbar darin, die widersprüchlichen Daten zu einem konsistenten Bild zusammenzufügen. „Für vorhersehbare Zeit braucht es  menschliche Intelligenz.“

Hervorgegangen ist Here aus einem der vielen  Berliner Start-ups  –  aus Gate5. Hellmis war schon damals dabei, als Gate5 – lange bevor das iPhone auf dem Markt kam – in Berlin an ortsbasierten Dienstleistungen werkelte. 2006 wurde das Unternehmen von Nokia gekauft,  2011  dann der viel größere Geodaten-Anbieter Navteq aus Chicago übernommen. Doch der Hauptsitz blieb in Berlin.

Die Karten, an denen sie dort arbeiten, dürfen wohl noch nie so wichtig gewesen sein wie heute. Hellmis kann sich vorstellen, wie mit ihr die ganze Stadt gesteuert wird. „Das autonome Fahren ist nur eine Anwendung“, sagt er. „Das Spannende  ist letztlich die Verknüpfung verschiedenster Transportmittel: Car-Sharing,  Züge, Bikesharing.“

Aber Here bietet noch ganz andere Anwendungen an. Here-Technologie wird auch eingesetzt, um Logistik und Lieferketten zu überwachen und im Falle von unvorhergesehenen Ereignissen, die Konsequenzen sofort abschätzen zu können. „Als 2011 bei dem   Tsunami eine Chipfabrik  überschwemmt wurde, war ein Kunde zum ersten Mal innerhalb von wenigen Stunden in der Lage zu sehen, was die Auswirkungen sind – und konnte sofort reagieren.“

Hellmis sagt: „In der zunehmend digitalisierten Welt wird es keinen Spieler von Relevanz geben, der Alltagsprobleme  löst, und nicht Lokation braucht.“