Berlin - So einige Restmülltonnen in Berlins Hinterhöfen quillen über. Das ist zumindest mal nicht ungewöhnlich. „In den Städten wird der Abfall deutlich schlechter getrennt als auf dem Land“, weiß Tobias Quast. Er ist Referent für Abfall- und Ressourcenpolitik beim BUND Berlin. In der Großstadt ist man anonymer, „der Nachbar guckt nicht so genau, wenn auch Kunststoff, Biomüll oder kleinerer Elektroschrott in die graue Tonne geworfen wird“. Wenn dies denn absichtlich geschieht – „niemand erfährt, wenn er neu nach Berlin zieht, wie das Mülltrennsystem funktioniert“, sagt Quast. Das betrifft insbesondere internationale Berlin-Neulinge, aber selbst von Kommune zu Kommune kann das Mülltrennsystem anders ausgestaltet sein.

Derzeit landen rund 60 Prozent des Abfalls aus Berliner Haushalten in der grauen Restmülltonne. Davon werden nur vier Prozent im eigentlichen Sinne recycelt – sprich die Materialien können wiederverwendet werden. Der viel größere Anteil landet in Verbrennungsanlagen. Zwar findet auch hier eine Verwertung statt – der entstehende Heißdampf aus dem Ruhlebener Mühlheizkraftwerk wird zu Fernwärme und Strom weiterverarbeitet. Die Anlage ist gut, sie zählt zu den modernsten Europas, giftige Stoffe werden herausgefiltert. Ein großer Teil des Restmülls wird aber auch aufwendig zu Ersatzbrennstoff verarbeitet. Hierbei gelangt Quecksilber in die Umwelt. Außerdem gehen Ressourcen verloren.

„Im Hausmüll landen bis zu 75 Prozent Stoffe, die da nicht reingehören. Das führt dazu, dass wertvolle Rohstoffe verbrannt werden, anstatt sie zu recyceln oder im Falle organischer Abfälle zu Biodünger und Biogas zu verarbeiten“, sagt Quast. Das sieht auch die Senatsverwaltung für Umwelt, Energie und Klimaschutz so und schreibt in ihrem Entwurf des Abfallwirtschaftskonzepts 2020–2030 unter dem Motto „Zero Waste“ vor, dass der Haushaltsmüll in den nächsten Jahren deutlich reduziert werden soll. Bis zum Jahr 2030 solle im optimistischsten Szenario jeder Einzelne rund 18 Kilogramm weniger Abfall im Jahr verursachen.

Tobias Quast über Maßgabe des Senats zur Müllreduzierung: „An dem Restmüllaufkommen wird sich nichts ändern, wenn die finanziellen Anreize fehlen, den Müll zu trennen“ 

Derzeit sind es fast 230 Kilogramm pro Person. Weitere 55 Kilogramm Abfall pro Kopf sollen durch verschiedene Maßnahmen dem Recyclingkreislauf zugeführt werden – durch bessere Information, Stärkung von Second-Hand-Angeboten und einer Biotonnenpflicht. Man setze stärker als bisher auf den Ausbau der Abfallvermeidung und Wiederverwendung, heißt es aus dem Senat.

Alles gute Ansätze, findet Quast vom BUND. Doch gehen ihm die Maßnahmen nicht weit genug, auch seien sie wenig verbindlich formuliert. Entgegen früherer Ankündigungen soll außerdem die Biotonne weiter kostenpflichtig bleiben. Sebastian Harnisch, Sprecher der BSR, erwartet trotzdem „eine deutliche Steigerung der Bioabfallmenge und eine Reduzierung des Restmüllvolumens“ dadurch, dass die Biotonne seit dem 1. April für jedes Haus verpflichtend ist. Für die BSR wäre das ein positiver Effekt, denn zurzeit wird zu viel Restmüll in Ruhleben verbrannt. Die vorgeschriebene Höchstmenge wird überschritten, dazu läuft ein Rechtsstreit mit dem Senat. „An dem Restmüllaufkommen wird sich nichts ändern, wenn die finanziellen Anreize fehlen, den Müll zu trennen“, sagt Quast. Dabei gäbe es Lösungen, sagt er. Man könne die Restmüllmengen von jedem Haushalt einzeln abrechnen.

Pilotprojekte dieser Art gab es in Berlin bereits vor Jahren. Dabei wurde ein Chipkartensystem an den grauen Tonnen installiert, mit dem jedem Mieter eine spezifische Menge zugeordnet werden konnte – wer weniger Müll verursachte, musste weniger zahlen. Das Problem: Die Säcke landeten stattdessen einfach neben der Tonne oder falsch sortiert beim Verpackungsmüll. In Berlin schaut man eben nicht so genau hin.