Istanbul - Die Türkei galt noch vor einem halben Jahr als Wirtschaftswunderland. Doch das Bild zeigt heute tiefe Risse. Seit Jahresbeginn ist die Landeswährung Lira um 13 Prozent abgestürzt, die Börsenkurse haben fast ein Viertel ihres Werts verloren. Alle wirtschaftlichen Prognosen für das laufende Jahr müssten wohl revidiert werden, sagte kürzlich Wirtschaftsminister Zafer Caglayan. Die Trendumkehr hatte sich bereits im vergangenen Jahr angekündigt, als die türkische Wirtschaft nur um 2,2 Prozent wuchs, während sie in den Vorjahren Raten bis zu neun Prozent erzielte.

Der Boom der letzten Jahre war eng verknüpft mit dem Namen von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Seit seinem Machtantritt 2002 hat sich das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der Türken verdreifacht. Stabile politische Verhältnisse, massive Investitionen in die Infrastruktur, Wirtschaftsreformen, niedrige Löhne und eine aktive Privatisierungspolitik zogen Investoren aus aller Welt an.

Allerdings war der Boom nicht nur Erdogans Politik zu verdanken, sondern auch der Niedrigzinspolitik der US-Notenbank, die in den vergangenen zehn Jahren rund 400 Milliarden Dollar in die Türkei strömen ließ. Die ausländischen Kredite heizten den Boom an, machten die türkische Wirtschaft jedoch verletzlich. Denn die Schulden müssen in Dollar oder Euro bezahlt werden und verteuern sich durch den Verfall der Lira ständig. Genau dies geschieht, seit die US-Zentralbank höhere Zinsen angekündigt hat.

Nicht genügend Devisenreserven

Gegen die einsetzende Kapitalflucht ist die türkische Zentralbank schlecht gewappnet, weil sie nicht über genügend Devisenreserven verfügt. Um den Sinkflug der Lira aufzuhalten, hat sie bislang sechs Milliarden Dollar, rund 15 Prozent ihrer Devisenreserven, ausgegeben. Viel geholfen hat es nicht. Zinserhöhungen lehnt Minister Caglayan bisher mit Rücksicht auf die Konjunktur strikt ab.

Doch sind die Probleme auch hausgemacht. Die Staatsverschuldung hat zugelegt, das Land importiert viel mehr als es exportiert. Im Juli stieg das Handelsbilanzdefizit im Vorjahresvergleich um 22,5 Prozent auf fast zehn Milliarden Dollar. Auch die private Verschuldung hat bedenklich angezogen. Einkaufen ist der Türken liebster Freizeitspaß, und sie nutzen dazu mehrere Kreditkarten mit hohen Zinsen.

Der private Konsum als eigentlicher Motor der türkischen Wirtschaft hat zu stottern begonnen, zumal die galoppierende Inflation von derzeit 8,2 Prozent alle Gehaltszuwächse auffrisst. Nun rächt sich, dass das Wirtschaftswachstum die industrielle Basis nicht ausreichend stärkte, sondern vor allem der Bauwirtschaft zugute kam. Mit den billigen Dollar-Krediten errichteten Unternehmen in Istanbul und Ankara spiegelnde Wolkenkratzer, öffentliche Programme führten zum Bau Tausender Straßenkilometer und Hunderter von Staudämmen. Jetzt verteuern sich die meist kurzläufigen Kredite wegen des Lira-Verfalls täglich. Ökonomen warnen vor einer Blase in der Bauwirtschaft.

Noch gibt es zwar Wachstum in Höhe von etwa drei Prozent, aber vor allem dank staatlicher Ausgaben. Die Regierung versucht, mit immer größeren Prestigeprojekten die Baukonjunktur am Leben zu halten: neue Flughäfen, neue Brücken, neue Staudämme.

Dafür benötigt die Regierung Kapital aus dem Ausland. Eigentlich wollte Ankara die wirtschaftliche Abhängigkeit von Europa durch die Erschließung neuer Märkte im Nahen Osten und in Russland verringern. Doch ausländische Geldgeber aus der Region wurden in den letzten Wochen verprellt, als die AKP ihre Außenpolitik zunehmend ideologisierte. Der frühere Zukunftsmarkt in Syrien ist weggebrochen.

Russische und iranische Handelsschikanen

Auf die türkische Kriegsrhetorik gegen Assad reagieren Syriens Verbündete Iran und Russland mittlerweile mit Handelsschikanen. Gleichzeitig gefährdet Ankaras demonstrative Unterstützung der Muslimbrüder die türkischen Investitionen in Ägypten und verärgert die reichen Golfstaaten, die zum ägyptischen Militär halten. Nur die Beziehungen zum kurdisch regierten Nordirak florieren – ein Grund dafür, dass Ankara derzeit den Ausgleich mit den Kurden sucht.

Da wirkt es wie wirtschaftliches Harakiri, dass Erdogan neben der außen- auch die innenpolitische Polarisierung verschärft und mit dem harten Vorgehen gegen Demonstranten immer neue Proteste der Bevölkerung provoziert. Sollten Anleger wirklich nervös werden und massiv Kapital abziehen, droht der Türkei eine schwere Rezession.

Das zwingt Ankara, wieder in Richtung Europa zu schauen. Statt wie gewünscht die Abhängigkeit zu verringern, stieg der Anteil der türkischen Exporte in die EU seit einem Jahr von 35 auf 42 Prozent. Statt als regionale Großmacht im Nahen Osten könnte sich die Türkei bald wieder im Verhandlungsmarathon um den EU-Beitritt wiederfinden.

Die Schwellenländer haben lange Zeit die Weltwirtschaft angetrieben. Jetzt sind sie selbst in der Krise. Die Berliner Zeitung beleuchtet die Situation in den einzelnen Ländern. Bisher erschienen sind Beiträge über Indien (10. 9.) und Indonesien (13. 9.). Folgen werden Berichte aus Südafrika, Brasilien, Russland, Polen und China.