Paris - Die Schlacht um Alstom wogt. Der Verwaltungsrat des französischen Energie- und Transportkonzerns hat die Kaufofferte des US-Branchenführers General Electric (GE) in der Höhe von 12,4 Milliarden Euro zwar „einstimmig“ genehmigt. Doch das Rennen um das angeschlagene Traditionsunternehmen ist damit noch nicht entschieden. Denn Alstom geht mit GE keine exklusiven Verhandlungen ein. Siemens hat noch bis Ende Mai Zeit, um ein eigenes Kooperationsangebot einzureichen. Sowohl GE als auch Siemens wollen die Energiesparte von Alstom übernehmen.

Am kommenden Mittwoch präsentiert Siemens-Chef Joe Kaeser die neue Gesamtstrategie für den Konzern. Beobachter warten gespannt darauf, wie Alstom in die Pläne passt.

Siemens genießt bei seinen Kaufplänen die implizite Unterstützung der französischen Regierung, die einen europäischen „Airbus der Energie“ bilden möchte. Nach den Vorstellungen von Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg soll Siemens diesen Konzern leiten, während Alstom einen europäischen Transportkonzern mit den Hochgeschwindigkeitszügen TGV und ICE bilden würde.

Die große Frage ist: Kann sich der Wirtschaftsminister gegenüber dem Alstom-Chef, der GE den Vorzug gibt, durchsetzen? Frankreich debattiert darüber sehr grundsätzlich, vor allem entlang der Frage, ob der Staat einem Privatkonzern Vorgaben machen kann. Montebourg argumentiert, die Zukunft des französischen Industrieflaggschiffs Alstom sei „im nationalen Interesse“ – und damit auch Sache der Politik.

US-Konzern will Jobs schaffen

Montebourgs großer Widersacher ist Patrick Kron. Als Président-Directeur-Général, das heißt sowohl Konzernchef wie Verwaltungsratspräsident von Alstom, lässt er sich nicht gern am Zeug flicken. Doch als seine Pläne mit GE aufflogen, bekam der mächtige Patron den Ärger der Politik zu spüren: Als er von einer Auslandsreise zurückkehrte, erwartete ihn eine verdunkelte Staatslimousine am Flughafen.

Ohne eine Widerrede zu dulden, verfrachtete ihn der Chauffeur mit heulenden Sirenen ins Wirtschaftsministerium, wo ihm Montebourg laut der Zeitung Le Monde die Leviten las: Als Vorsteher eines strategischen Konzerns hätte er die Regierung über die Verhandlungen mit General Electric informieren müssen.

Kron bleibt aber hartnäckig bei seinem GE-Kurs. Der Alstom-Chef gilt als rigider, unnachgiebiger Manager. Er kam nach Frankreich als Sohn von armen polnischen Immigranten, die den Holocaust überlebt hatten und in Paris zu fünft in einem Zimmer lebten. Kron schaffte es in die besten Schulen und danach in die Chefetagen von Industriefirmen.

2003 übernahm er die Leitung von Alstom. Schon ein Jahr später geriet er in Konflikt mit Siemens. Der Konzernchef hat es den Deutschen bis heute nicht verziehen, dass sie Alstom in einem schwachen Moment wie ein Schnäppchen übernehmen wollten. In diesem Februar suchte dann Siemens-Chef Kaeser den Kontakt zu Alstom im Hinblick auf eine Kooperation. Kron zeigte ihm wieder die kalte Schulter.

Franzosen bevorzugen Siemens

Umfragen zufolge sind viele Bürger in Frankreich eher auf der Seite von Montebourg. Eine Mehrheit würde demnach sogar eine vorübergehende Verstaatlichung Alstoms begrüßen. Ohne Staatseingriff neigen die Franzosen klar zu Siemens: 58 Prozent der Befragten wünschen eine europäische Lösung für Alstom, nur sechs Prozent sprechen sich für GE aus.

Dennoch könnte Kron das Duell gegen Montebourg gewinnen. Denn in Frankreich schwindet die Macht des Staates. Hinzu kommt: In fast allen Sparten ergänzen sich GE und Alstom besser; der US-Konzern will bei der Fusion sogar Arbeitsplätze schaffen.

Womöglich glaubt Siemens selbst nicht recht an eine Kooperation mit Alstom. Jedenfalls hat Kaeser bereits ein Auge auf die Energiesparte der britischen Rolls-Royce geworfen. Und nach einem Bericht des Magazins Spiegel gehen einzelne Siemens-Aufsichtsräte inzwischen vorsichtig auf Distanz zum geplanten Einstieg bei Alstom. So habe ein Aufsichtsrat gesagt: „Für uns geht die Welt nicht unter, wenn wir den Zuschlag nicht bekommen.“