Berlin - Schöneberg, Kurfürstenstraße, Ecke Bayreuther. In den Untergeschossen der Bürogebäude reihen sich Restaurants, Waschsalons und Apotheken aneinander. Gegenüber gibt es einen Baumarkt. Analoger könnte die Welt nicht sein. Bei der Firma Signavio indes, die mit ihren Büros drei der oberen Etagen des Eckhauses belegt, geht es ausschließlich um Daten und Programme. Das Start-up entwickelt Software, mit der Unternehmen ihre Arbeitsabläufe analysieren, verbessern oder umgestalten können.

Signavio war bislang damit ziemlich erfolgreich, gilt schon lange als Schwergewicht in der deutschen Digitalbranche. Nun wurde es von dem deutschen IT-Konzern SAP übernommen. Die drittgrößte Software-Schmiede der Welt und mit 130 Milliarden Euro teuerste Position in der Liste der Dax-Unternehmen kauft ein kleines Start-up aus Berlin. Angeblicher Kaufpreis: fast eine Milliarde Euro.

Mehr als 1300 Firmen nutzen die Signavio-Software

Die Vereinbarung dazu haben beide Unternehmen in dieser Woche bekannt gegeben. SAP will das Start-up mit dem eigenen Geschäftsbereich namens Business Process Intelligence verknüpfen und hofft auf große Synergien. Zusammen wollen sie Firmen bei der ganzheitlichen digitalen Transformation helfen. „Indem wir das Portfolio von Signavio mit unseren Lösungen kombinieren, schaffen wir eine führende Suite für durchgängige Geschäftsprozesstransformation und geben damit unseren Kunden einen Wettbewerbsvorteil an die Hand“, sagt SAP-Finanzvorstand Luka Mucic. Nun müssen die Aufsichtsbehörden dem vereinbarten Deal noch zustimmen. Ist das der Fall, wird die Übernahme spätestens im März unter Dach und Fach gebracht.

Signavio gibt es seit 2009. Gero Decker, Torben Schreiter, Nicolas Peters und Willi Tscheschner hatten es seinerzeit gegründet. Vier junge Männer, für die der SAP-Gründer Hasso Plattner nach eigenem Bekunden stets ein großes Vorbild war. Ihm wollten sie nacheifern. Gemeinsam hatten sie das Potsdamer Hasso-Plattner-Institut absolviert und später die Entwicklung von Software zur Prozessoptimierung zum Geschäftsmodell gemacht. Dafür haben sie bislang bei Investoren rund 200 Millionen Euro eingesammelt. Unter anderem hatte sich die Deutsche Telekom beteiligt.

Inzwischen nutzen mehr als 1300 Firmen die Signavio-Software. Auch Bosch und Coca-Cola gehören dazu. Signavio unterhält Niederlassungen in Kalifornien und Singapur sowie Büros in Australien, der Schweiz, Frankreich und Großbritannien. 300 Mitarbeiter zählt die Firma weltweit. Der Hauptsitzt ist jedoch nach wie vor Berlin, wo die Büros derzeit verwaist sind. Neue Software wird im Homeoffice entwickelt.

Der fette Wal schnappt den flinken Fisch

Sind nun also die Firmengründer am Ziel? Es klingt so. Signavio-Chef Gero Decker ist jedenfalls begeistert. Mit der Übernahme durch SAP eröffne sich ihnen das weltweit größte Portfolio für Unternehmenssoftware. „Positionierung, globale Abdeckung und finanzielle Stärke machen SAP für uns zur größten und besten Ausgangsbasis, um Prozessintelligenz in jedes Unternehmen zu bringen“, sagt Decker. „Eine gewaltige Chance.“

Dass SAP das gesuchte Start-up ausgerechnet in Berlin fand, war sicher kein Zufall. Hier waren die Chancen am größten. Denn auch im Bereich Software & Analytics gilt die Hauptstadt als Start-up-Hotspot. Hatten Investoren laut EY (Ernst & Young) im vergangenen Jahr bundesweit über eine Milliarde Euro in entsprechende Jungunternehmen gesteckt, so flossen davon 410 Millionen Euro nach Berlin. Insgesamt 84 Finanzierungsrunden schlossen Berliner Software-Start-ups im Jahr 2020 ab, so viele wie nirgendwo sonst in der Republik.

Dass die Übernahme tatsächlich für beide Seiten ein Erfolg wird, ist allerdings keineswegs garantiert. Denn immer wieder scheitern derlei Zweckehen etwa an unterschiedlichen Firmenkulturen. Nicht selten werden dem jungen Unternehmen die behäbigen Strukturen des großen übergestülpt. Der fette Wal schnappt den flinken Fisch und am Ende gibt es nur zwei Verlierer. Das Logistik-Start-up Liefery etwa wurde 2017 von der Otto-Tochter Hermes übernommen. Im November 2020 machte Hermes das Unternehmen dann dicht. Die Firmengründer sind freiwillig von Bord gegangen.

Bei SAP geht man davon freilich nicht aus. „SAP und Signavio teilen eine ähnliche Kultur und Werte“, sagt Vorstand Luka Mucic. Man freue sich darauf, gemeinsam „unsere Strategie des intelligenten Unternehmens“ zu verwirklichen.

In jedem Fall dürfte sich der Deal für die Signavio-Gründer lohnen, wenngleich unklar ist, wie groß ihre Firmenanteile sind. Der kürzlich erfolgte Verkauf des Lieferdienstes Flaschenpost an die Oetker-Gruppe für ebenfalls eine Milliarde Euro soll dem Gründer 100 Millionen Euro beschert haben.