Wie kann man Ungleichheit verstehen, als Teil einer natürlichen Ordnung unserer Welt?
Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Ich stehe nicht für eine Idee der Utopie der völligen Gleichheit. Jedoch hat sich der Grad der Ungleichheit in unserer Zeit dramatisch verändert. Die politischen Ziele sollten nicht solche sein, sie auf Null zu reduzieren, aber sie sollten grundsätzlich den Versuch unternehmen, die Ungleichheit zu mildern. Die Zunahme der Ungleichheit ist besorgniserregend – auch in Deutschland. Sie berührt elementare Fragen der Gerechtigkeit.

Außerdem gefährdet die Zunahme an Ungleichheit das Wirtschaftswachstum. Man kann es an dem derzeitigen schwachen Wachstum der Weltwirtschaft sehen, das auch eine ihrer Folgen ist. Ein Faktum, das bereits dem Internationalen Währungsfonds vor einiger Zeit aufgefallen ist. Und eines ist klar: In Zeiten mit schwachen Wachstum wächst auch die Ungleichheit.

Drei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Ungleichheit ab. Was war so anders im Vergleich zu unserer heutigen Zeit?
Nach dem Weltkrieg haben viele Länder Maßnahmen ergriffen, die halfen, die Ungleichheit abzumildern. So entwickelte sich der Wohlfahrtsstaat nach dem Krieg, der vor allem ärmeren Menschen half. Die Staaten setzten auf eine progressive Besteuerung von Einkommen und auf Erbschaftssteuern. Die Regierungen waren willig, eine hohe Beschäftigung aufrechtzuerhalten. Es gab effektive Transferleistungen, so dass mehr Menschen an dem Wachstum partizipierten. Viele wurden wohlhabender.

Und dann?

Wurden in den letzten drei Jahrzehnten viele Sachen zurückgedreht. Sozialleistungen wurden in den letzten Jahren gekürzt. Auch die Spitzensteuersätze liegen unter denen vor einigen Jahrzehnten. Der Durchschnittsmensch hat heute wesentlich weniger Vermögen im Vergleich zu früher. Allerdings hat sich die Welt seitdem auch dramatisch verändert. Der heutige Arbeitsmarkt hat Strukturen, die mit denen im 19. Jahrhundert vergleichbar sind.

Waren nicht die 70er ausschlaggebend, in denen John Maynard Keynes‘ Theorie an Einfluss verlor. Vielleicht weil er unrecht hatte?
Naja, die Welt als Ganze hat 2008/2009 mehr oder weniger in einer Keynes‘sianischen Art auf die Finanzkrise reagiert. Ich meine die Hilfsprogramme, die aufgesetzt wurden wie in den USA. Die Europäer versäumten es. Die Chinesen wiederum machten es. Daher hatten sie keine so lang anhaltende Rezension. Und das hatte keynesianische Ursachen.

Die Programme, die in den USA, Europa und auch in China aufgesetzt wurde, um Impulse gegen eine lang anhaltende Depression zu setzen, sind nichts anderes als eine Keynes-Politik.

Würden Sie sagen, dass die in Europa anhaltende Schwächeperiode durch Kanzlerin Merkel verursacht wurde?
Das waren nicht die Deutschen allein. Aber es hatte einen Effekt auf den Konjunkturabschwung und die Abnahme der Beschäftigung, was nach wie vor schlecht aussieht. Natürlich benötigt man Kooperation zwischen den Nationen, ohne sie kommt es zu einem Zusammenbruch wie in den 1930er Jahren.

Auf der anderen Seite kann jeder Staat auch selbst etwas tun. Daher haben die Ländern, die sich auf Keynes‘ Methoden gestützt haben, bessere Resultate erzielt. Sie konnten ihre Beschäftigten-Zahlen nach oben bringen und hatten auch nicht so lange eine Rezession. Und in dieser Hinsicht können für Geringverdiener Maßnahmen zur Steigerung der Beschäftigungschancen wichtig sein. Dies könnte auch durch ein Grundeinkommen geschehen, das in diesem Fall allerdings kein unbedingtes Grundeinkommen wäre.

Ungleichheit lange Zeit eine stabile Größe

In den 70er Jahren hielten die Menschen Vertreter des Neoliberalismus für Spinner. Warum war er dennoch erfolgreicher als der Keynesianismus?
Das hat vor allem einen politischen Grund. Es war zweckmäßig für Reagan und Thatcher. Es gab keinen allgemeinen Glauben in diese Richtung. Aber es passte politisch.

Was hat die heutige Ungleichheit im Besonderen ausgelöst?
Man kann die Geschichte nicht anhand einer allgemeinen Regel erzählen. In Großbritannien haben wir zum Beispiel eine erhebliche Zunahme an Ungleichheit, die 1980 viel größer war als in den USA. Seitdem ist die Ungleichheit größer in Bezug auf die Spitze, aber besser in Bezug auf die Unteren. Wir reduzierten die Armut. Die Geschichte ist anders als in Deutschland, wo die Ungleichheit lange Zeit eine stabile Größe war.

Erst in den 2000er Jahren fing sie an sich zu verändern und wuchs sehr stark an. Auch die Armut wuchs an. Das ist einer der Gründe dafür, dass es Europa nicht gelingt, die Armut zu reduzieren, weil ein so großes Land ein Armutsproblem hat.

Dies hat die Regierung unter Gerhard Schröder ausgelöst?
Ich denke, ja. Der Arbeitsmarkt wurde verändert mit dem Angebot von Billiglöhnen. Das war ein Weg, der zu mehr Armut geführt hat.

Sind Sie dennoch optimistisch für die Zukunft?
Wenn es eine gute Politik gäbe, wäre ich es. In der Nachkriegszeit ist es uns gelungen, die Ungleichheit deutlich zu reduzieren. Das Versagen, die Dinge zu ändern, findet seinen Grund meistens in einem Mangel an Vorstellungskraft. Viele Menschen fühlen, dass der Grad an Ungleichheit zu hoch ist. Sie haben das Gefühl, dass wir das Problem angehen müssen. Das macht mir Hoffnung. Mein Ziel ist es, hierfür einen Anstoß zu geben.